Anti-Corona-Visiere statt Helme: Bauer Hockey liefert in letzter Sekunde nach Rosenheim

Zeichen der Hoffnung:Vitus Jas (links) mit Kollegen im Klinikum, ausgestattet mit den neuen Bauer-Visieren überm Mundschutz. privat
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Sonst fertigen sie Schutz für harte Jungs, jetzt dienen sie den Helden der Gegenwart: Bauer Hockey produziert keine Eishockeyhelme mehr, sondern Visiere, die Ärzten Schutz gegen den Coronavirus bieten. Eine Idee, auf die die Welt gewartet hat. Binnen einer Woche sind 2,5 Millionen Anfragen bei Bauer eingegangen. 700 der neuen Vollvisiere sind bereits in Rosenheim eingetroffen.

Update 16. April

Lieferung nach Rosenheim in letzter Sekunde

Rosenheim/New Hampshire - Es war ein Geschenkin hoher Not: 700 Schutzvisiere des Sportausrüsters Bauer Hockey trafen vor einigen Tagen in Rosenheim ein. Dringend benötigter Nachschub an Schutzausrüstung fürs Klinikum.

Vitus Jas, der dort als Arzt arbeitet, hatte seinem Vater Robert Osterhammer vom Mangel auf der Isolierstation erzählt. Robert Osterhammer, verantwortlich fürs Europa-Geschäft von Bauer Hockey, erzählte es dem Chef, Ed Kinally. Der wiederum zögerte nicht und veranlasste eine Lieferung von 700 dieser Visiere nach Rosenheim, Kosten für Luftfracht inklusive.

Ob das heute noch klappen würde? Höchst fraglich. Produziert wird auch in Kanada. Doch der Hauptsitz von Bauer Hockey befindet sich in Exeter, New Hampshire (USA). Exeter mit seinen 14.000 Einwohnern liegt als US-amerikanische Stadt unter dem Bann von US-Präsident Trump. Und Donald Trump hat eine Verschärfung der Regeln für den Export von medizinischen Gütern erlassen, speziell für persönliche Schutzausüstung.

„Glück gehabt“, sagt Robert Osterhammer. Es war eine Lieferung kurzvor Torschluss. Allerdings sollte die Lieferung aus den USA ohnehin nicht nur Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern schützen, sondern auch ein Ansporn sein: Bauer Hockey hat seine Kompetenz in der Konstruktion von Eishockey-Schutz-Visieren dazu genutzt, ein Visier für Ärzte zu entwickeln, das einfach nachgebaut werdenkann.

Ob Privatmann oder Unternehmen – es bedarf keinerbesonderen Gaben, das einfache Visier nachzubauen. „Wir wollen, dass das nachgebaut wird, wir möchten, dass das möglichst viele Unternehmen nachbauen“, sagt Osterhammer. Ähnliches sagt der Chef in den USA: „Wir möchten, dass viele das kopieren.“ Mit Erfolg: In Nordamerika haben sich rund 80 Firmen dem Aufruf von Bauer Hockey angeschlossen. Wie’s geht? Ganz einfach: Auf seiner Homepage hat Bauer die Anleitung und Konstruktionszeichnung als PDF-Download eingestellt.

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Die Erstmeldung vom 14. April

Rosenheim - Ein Geistesblitz, der überhaupt schnell umgesetzt wird. „Vom Brainstorming zur Produktion dauerte es sieben Tage“, sagt Dan Bourgeois, stellvertretender Chefentwickler bei Bauer Hockey. Dabei hält Bauer die medizinischen Normen ein. Statt monate- oder gar jahrelanger Test- und Genehmigungsverfahren eine Frist von wenigen Tagen - auch in dieser Dynamik erlebt die Welt Außergewöhnliches.

Simples Prinzip, schnelle Umsetzung

Letzte Woche habe man noch 2000 Masken produziert, nun sind schon 25000, nächste Woche soll der Ausstoß auf 100 000 steigen, schließlich auf 200000, „so in drei, vier Wochen“, wie Bourgeois sagt. Es wird trotzdem nicht reichen. Das weiß Bourgeois, das weiß auch Robert Osterhammer, Vice President International und von Rosenheim aus für Bauers Europa-Geschäft zuständig. „Das Prinzip ist so einfach, das kann praktisch jeder nachbauen“, sagt Osterhammer. Die Aktion soll Beispiel sein, sie ist auch ein Aufruf an andere Firmen. Und Dan Bourgeois fügt von der anderen Seite des Atlantiks aus hinzu: „Hier ist meine Erfahrung, meine Expertise, meine Anleitung, ich gebe alles an die Hand, was man für die Produktion der Masken benötigt.“

+++ Bauer Hockey hat auf seiner Internetseite eine Bauanleitung für die Gesichtsmasken veröffentlicht. Hier finden Sie die Anleitung als PDF-Download. +++

Wie Zauberwerk sieht es auch nicht aus. Man stelle sich vor einen Bügel, der durch Schaumstoff gepolstert auf der Stirn ruht, ein daran befestiges Stück durchsichtigen Kunststoffs mit abgerundeten Ecken, Riemen, die dieses Visier am Kopf fixieren. Der Trick, wie Bourgeois erörtert, liegt darin, dass es nicht nur sicher, sondern auch komortabel zu tragen ist. Darin liege eben auch die Erfahrung aus der Entwicklung von Visierhelmen und Schutzkleidung für Elite-Sportler, die Eishockey, Baseball oder Lacrose spielen, sagt er. Bauer übrigens kann mit den Masken die zu erwartenden Verluste durch den Wegfall des Sportgeschäfts nicht ausgleichen: Die Firma arbeitet ohne Gewinn, verlangt nur den Selbstkostenpreis.

Und sie schenkt ihr Wissen. Die Konstruktionszeichnung macht in den USA und Kanada bereits die Runde. Rund 80 Unternehmen machen Bauers guten Einfall nach. Normal ein Ärgernis, nun ein Teil der Hoffnung.

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OVB-Heimatzeitungen und der Vize-Chef-Entwickler des Spot-Konzerns sind über Zoom-Konferenz miteinander verabredet, zu komfortablen Mittagszeiten für den Reporter, um sieben Uhr morgens für den Entwickler. „Diese Tage haben’s in sich“, sagt er, „seit das losgegangen ist, arbeite ich 16 bis 18 Stunden am Tag.“ Sein voriger Arbeitstag ging erst gegen ein Uhr nachts zu Ende. Die Botschaft an den Rest der Welt aber war ihm wichtig genug für einen kurzen Schlaf.

Statt Stillstand herrscht Hochbetrieb

Was Bauer erlebt, ist tatsächlich wie Hochleistungssport. „Es lief gut“, sagt Bourgeois, „und dann von einem Tag auf den andern ging nichts mehr.“ Bauers Fabriken - Sitz in Exeter, N.H., produziert wird in Blainville, Quebec, und in Liverpool, N.Y. - müssten wegen der Corona-Krise eigentlich stillstehen. Jetzt laufen sie auf höchsten Touren.

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Sportlich ist auch etwas anderes an dieser Firma, die von Rosenheim aus Europa und die ganze Welt mit Ausnahme von Nordamerika beliefert. „Es ist wie im Eishockey“, sagt Osterhammer, der selbst in Rosenheim Eishockey spielte. „Es ist einfach ein Team.“ Bourgeois, Tausende von Kilometern entfernt, lächelt in seine Laptop-Kamera. Und sagt: „Ich bin sehr stolz, Teil dieses Teams zu sein. Das Bauer-Team ist fantastisch.“

Enge Beziehungen nach Rosenheim

Bauer hat enge Beziehungen nach Rosenheim. „Man merkt, dass das eine Familie ist“, sagt Osterhammer. Sein Sohn Vitus Jas arbeitet im Klinikum, er ist einer der Ärzte, die viel riskieren, um am Cronavirus Erkrankte zu heilen. Er berichtete seinem Vater von der Arbeit, von den Dramen, die sich in der Krise abspielen, von der Improvisation, die das Arbeiten mit schwindenden Ressourcen in ganz Deutschland erfordert.

Ein Zeichen der Verbundenheit

Osterhammer senior war tief beeindruckt. „Was wir machen, ist ganz okay“, sagt er. „Aber was die in den Krankenhäusern leisten, das ist wahrer Mut. Das sind echte Helden.“ Die Nordamerikaner schätzen Rosenheim ohnehin, als Eishockey-Hochburg. Als aber Robert Osterhammer dem Bauer-Chef Ed Kinally davon berichtete, was die Rettungskräfte leisten, schickte Bauer die neuen Masken auch nach Oberbayern. Gratis, als Spende. Als Zeichen der Verbundenheit.

All den Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern, aber auch Polizisten und Feuerwehrleuten helfen zu können, tue gut, sagt Dan Bourgeois. „Was nicht gut ist: Dass wir nicht genug tun können.“ Es seien schon gemischte Gefühle, sagt er noch. Der Bauer-Chef sieht’s ähnlich. „Wir sind ein Unternehmen, und wir werden nicht in der Lage sein, die Welt zu retten“, sagt Ed Kinally. „Was wir tun können, ist einen Aufruf an andere Unternehmen zu starten. Wir möchten, dass auch andere sich einfinden. Wir möchten, dass sie das kopieren.“

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