Im Bad Aiblinger Stadtteil Mietraching liegt die Zukunftswerkstatt des Wohnungsbaus

Früher Kasernengelände, jetzt Zukunftswerkstatt: Die „city of wood“ in Mietraching.

Das ehemalige Kasernengelände in Mietraching ist Ausstellungsort, Trainingsplatz und Testparcours für zukunftsweisenden Wohnungsbau, neue Materialien und energetisches Sanieren.Dahinter steht die B&O-Unternehmensgruppe, der erfolgreichste Dienstleister der deutschen Wohnungswirtschaft.

Bad Aibling – Ernst Böhm sagt von sich, er habe zwei linke Hände und sei als Handwerker nicht zu gebrauchen. Ein erstaunliches Statement für jemanden, der zur Geschäftsleitung eines Unternehmens gehört, das im Bereich der Wohnungswirtschaft über eine Heerschar von Handwerkern verfügt. Aber Böhm ist bei B&O nicht der Mann für die Baustellen, sondern Stratege, Kommunikator und Garant für das betriebswirtschaftliche Wissen des Unternehmens.

Seinen Sitz hat es in Bad Aibling, wo im vergangenen Jahrzehnt auf dem ehemaligen Kasernengelände in Mietraching sozusagen ein firmeneigenes Zukunftslabor entstanden ist. Auf einer Fläche von 70 Hektar entstand die „city of wood“, also eine Stadt aus Holz. Im achtgeschossigen Holzhaus „H8“hat Böhm sein Büro, hier macht er sich mit Blick auf die Berge Gedanken über die Zukunft des Unternehmens und der „Nullernergiestadt“, wie das Projekt auch genannt wird.

Für sein Engagement erhielt der 57-jährige Unternehmer den Wirtschaftspreis 2019 des Wirtschafts-Forums Mangfalltal. CSU-Landtagsabgeordneter Otto Lederer, der die Laudatio hielt, würdigte Böhm als „Selfmademan“, der wesentlich dazu beigetragen habe, aus einer Dachdeckerfirma, die B&O einmal war, den erfolgreichsten Dienstleister der deutschen Wohnungswirtschaft zu machen.

Abschied vom Kindheitstraum

Dabei verlief die Karriere des Ernst Böhm zunächst in ganz anderen Bahnen. Er studierte Rechtswissenschaften und war nach der Promotion zunächst als Anwalt tätig. Das war zwar sein Kindheitstraum, aber „mir hat es nicht gefallen“, blickt der 62-Jährige im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen zurück. Eine Zeitungsanzeige brachte 1993 die Wende: Ein mittelständisches Bauunternehmen suchte einen Geschäftsführer, die Dachdeckerei Bihler und Oberneder aus München. Böhm bewarb sich und wurde genommen.

„Ich bin eine Verkäuferseele und mir gelang es, auch dank meiner internationalen Erfahrung, viele Aufträge zu sichern“, so Böhm. Der größte Auftrag für das in B&O umbenannte Unternehmen kam Ende der 90er-Jahre mit der Sanierung des weltberühmten Zeltdachs am Olympiagelände in München.

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Danach erfand sich die Firma unter Böhms Federführung neu: Weg vom Dachdeckerbetrieb hin zum Komplettanbieter für Wohnraum. Die Spezialisten sanieren, modernisieren und betreuen die gewaltigen Bestände von kommunalen Wohnungsgesellschaften, Genossenschaften und Immobilienunternehmen. Zudem nimmt B&O den Wohnungsgesellschaften die ungeliebte und aufwendige Instandhaltung ab. Rund 2500 Mitarbeiter hat die B&O-Gruppe inzwischen, zum Großteil bestehend aus einer Armada von Dachdeckern, Zimmerern, Installateuren, Elektrikern, Malern, Maurern und Klempnern.

Böhm will mit seinem Unternehmen aber längst nicht nur sanieren, er will den Wohnungsbau der Zukunft gestalten. Dafür hat er Ende 2005 das ehemalige Kasernengelände in Mietraching erworben. Dort, wo früher die Amerikaner auf Horchposten waren, wird heute das Übermorgen des Wohnens und der Wohnungswirtschaft gedacht – und damit auch die Zukunft von B&O. Dafür entstand eine Stadt in der Stadt, gewissermaßen als Ausstellungsort, Trainingsplatz und Testparcours für zukunftsweisenden Wohnungsbau, neue Materialien und energetisches Sanieren.

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Böhm erinnert sich noch, wie das Projekt seinen Anfang nahm: „Ich wohne in Grafing und auf dem Weg in die Berge sind wir mit unseren Kindern öfter am verlassenen Gelände vorbeigefahren“, erzählt er. Sein ältester Sohn habe zu ihm gesagt: „Papa, das wäre doch etwas für dich!“ Zunächst habe er nichts davon wissen wollen, aber dann sei ihm das Potenzial klar geworden. „Ich galt damals aber schon als Spinner, denn es war out, in Immobilien zu investieren. Jeder meinte, Aktien seien das große Geschäft“, blickt Böhm zurück. So habe er auch bei der Regierung von Oberbayern und im Stadtrat von Bad Aibling eine ganze Weile Werbung für seine Vision machen müssen, auf dem Gelände Wohnen und Arbeit zu mischen.

Seit dem Kauf hat sich das frühere Militärareal völlig verwandelt. Aus Mannschaftsgebäuden der Kaserne machte B&O ein schickes Hotel. Nicht weit entfernt wohnen Familien und residieren Firmen in energiearmen Holzbauten. Außerdem gibt es unter anderem eine Schule, ein Internat und einen Montessori-Kindergarten. B&O sieht in dem weitläufigen Gelände das „Zukunftsprojekt einer Netto-Nullenergiestadt bezogen auf fossile Primärenergieträger.“ Erreicht werden solle dies durch die intelligente Vernetzung verschiedener moderner Technologien.

Holz: kostengünstig und ernergiesparend

Holz steht als Baustoff im Mittelpunkt dieses Mikrokosmos der Stadtplanung. „Ich mag Holz einfach sehr gerne, und als Unternehmer versucht man immer, ein Alleinstellungsmerkmal zu bekommen“, erläutert Böhm. Sein Bürogebäude „H8“ war mit knapp 25 Metern Deutschlands höchstes Holzhaus, bis es von einem zehn Stockwerke hohen Gebäude auf dem Gelände der Bundesgartenschau in Heilbronn übertroffen wurde. Rekordhöhe hin oder her, B&O will mit dem Gebäude beweisen, dass sich mit Holz auch in Innenstädten kostengünstig, energieeffizient und ästhetisch ansprechend bauen lässt.

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In der Nachbarschaft von „H8“ steht zudem ein komplett mit Sonnenenergie versorgtes Solarhaus, außerdem findet sich ein Holzschnitzel-Kraftwerk namens „Heizikone“. Und während fleißig Baumaterialien getestet und Arbeitsabläufe optimiert werden, dient die Nullenergiestadt nebenbei als Erholungsort für Städter, deren Zuhause gerade von B&O saniert wird.

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