Wie Advantest aus Amerang dafür sorgt, dass Halbleiter-Technologie wirklich funktioniert

Autos, die ohne Mensch am Steuer fahren können, Häuser, die automatisch Temperatur und Beleuchtung regulieren. Das funktioniert nur mit Halbleiter-Technologie. Dass die funktioniert, stellt ein Unternehmen in Amerang sicher: Advantest.

Amerang – Autonomes Fahren, Smart Home und Smart Factory, künstliche Intelligenz: Das sind die Megatrends, die die Arbeitswelt in Teilen schon heute und auf jeden Fall morgen bestimmen. Wichtigste Komponenten: Halbleiter, Festkörper mit elektrischer Leitfähigkeit. Der japanische Konzern Advantest entwickelt Geräte und Systeme, die die verbaute Halbleitertechnologie testet. Ein Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt in Deutschland ist neben München und Böblingen der Standort Amerang. 134 Mitarbeiter sind hier in einer Wachstumsbranche beschäftigt, die gewaltiges Potenzial besitzt, jedoch auch starken Schwankungen unterworfen ist.

Mitarbeit in weltweiten Teams

In diesem schwierigen Umfeld hat sich die Niederlassung Amerang seit der Übernahme Advantest im Jahr 2008 gut behauptet – nicht nur dank des Know-hows, traditionell stark im Bereich Automotive, sondern auch dank eines vorausschauenden Handelns, wie Michael Stichlmair, Managing Director der Advantest Europe GmbH, betont. In mageren Zeiten erfolge die Konzentration auf die wichtigsten Projekte, in fetten Auftragsjahren liege der Schwerpunkt auf der Innovationskraft. Das Personalmanagement setze entgegen dem Trend kaum auf Zeit- und Leiharbeit, sondern in erster Linie auf qualifizierte, im eigenen Haus ausgebildete Mitarbeiter, berichtet Josef Antl, in Amerang zuständig für die technische Ausbildung. Mit Bonusprogrammen und Vergütungssystemen nehmen die Mitarbeiter am Erfolg des Arbeitgebers teil.

Mehrfach ausgezeichnet

Advantest wurde mehrfach als einer der besten Arbeitgeber in Deutschland ausgezeichnet. Amerang ist keine Enklave für sich: Die Zusammenarbeit mit den Kollegen weltweit verläuft über IT-vernetztes Projektteams. Arbeitssprache: Englisch. Ein wichtiger Markt mit Aufwärtstrend: China.

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+++Von Hektik und einer gewissen „Elektrifizierung“ war die Unternehmenskultur geprägt, als noch die Amerikaner (Credence-SZ-Systems) das Sagen hatten, erinnert sich Peter Kaltenhauser, Director Finance bei Advantest Europe GmbH, an die Zeit vor 2008. Die Japaner denken nach seinen Erfahrungen „nicht so pushy“, sondern langfristiger, wie Kaltenhauser schmunzelnd erklärt. Die Unternehmenskultur: höfliche Umgangsformen, persönliche Kontakte. Selbst Präsident Yoshiaki Yoshida reist regelmäßig von Tokyo, wo der Hauptsitz des börsennotierten Konzerns ist, nach Amerang. Im Dorf sind Japaner mittlerweile ein gewohntes Bild.

Markt mit starken Wellenbewegungen

Unaufgeregt geht Advantest nach Angaben von Georg Linner, Director Research & Development von Advantest Europe GmbH, mit den Wellenbewegungen des Wachstumsmarktes der Halbleiterbranche um.

Im laufenden Geschäftsjahr 2019/2020 werde eine leichte Abschwächung des Umsatzes im Vergleich zum Umsatz 2018/2019 auf rund 2,2 Milliarden Euro erwartet – „eine ganz normale Entwicklung“, ergänzt Stichlmair. Der Markt sei sehr kurzlebig, Entwicklungs- und Investitions- sowie Markteintrittsphasen würden sich ständig abwechseln – in immer kürzeren Abständen. Aktuell befinde sich die Branche in einer Konsolidierungsphase.

Stresstests für Hochleitungschips

Große Treiber dieses volatilen Umfeldes: die Elektronikriesen Apple und Samsung. Ihre Mobiltelefone machen sich mit immer neuen Funktionalitäten Konkurrenz. Längst sind Smartphones tragbare multimediale Alleskönner. Die vielfältigen Funktionen erfordern ausgefeilte Tests – schon lange vor der Serienherstellung. Advantest entwickelt und baut die entsprechenden Systeme und Testgeräte, die Komponenten auf ihre einwandfreie Funktionalität prüfen – bei Dauerbetrieb, extrem niedrigen und hohen Temperaturen, Belastung durch Stöße, Vibrationen und Erschütterungen, beim künstlichem Altern – Stresstests für Hochleistungschips, die Billiarden von Daten auf wenigen Millimetern speichern und das für „hoch anspruchsvolle Kunden weltweit“, wie Linner betont.

Im Repair-Bereich des Unternehmens in Amerang, den die Besucher nur mit ESD-Kitteln und -Schuhen zum Schutz elektronischer Bauteile gegen elektrostatische Entladungen betreten dürfen, konfigurieren Facharbeiter wie Matthias Pfeilstetter Halbleitertest- und Repairsysteme für die Automobilindustrie. In der unternehmenseigenen Lehrwerkstatt übt sich Azubi Michael Röber, einer von 13 Lehrlingen, in der Spannungsvermessung. Seit Beginn dieses Lehrjahres bietet Advantest auch das duale Studium an – in Kooperation mit der Technische Hochschule Rosenheim, wie Antl, betont. Weitere Fachkräfte werden gesucht, ergänzt Amerangs Personalchefin Elisabeth Voit. Technisch Erfahrene über 50: Auch sie würden bei Advantest gebraucht.

Herausforderung: „Explosion der Daten“

Linner legt den Finger auf eine Grafik, welche die Entwicklung der Mobilfunktechnik in den nächsten Jahren aufzeigt: „Noch“, sagt er, „sind wir hier ganz unten. Im Jahr 2000 wurden 400 Millionen Smartphones produziert, derzeit sind es 1,6 Milliarden – mit in den nächsten 20 Jahren weiter stark wachsender Tendenz. Massiv beeinflusse die Entwicklung die 5-G-Mobilfunk-Frequenz – Basis für die Einführung des autonomen Fahrens.

Im Automobilbereich sei Advantest traditionell stark aufgestellt. Sitzheizungen, Fensterheber, ABS, Airbags: Halbleiter steuern bereits heute nicht mehr wegzudenkende Systeme, für die in Amerang Testverfahren und -geräte gebaut werden. Für die Zukunft entwickelt der führende Hersteller automatisierter Testlösungen auch am Standort Amerang als Akteur in weltweiten Teams Produkte und Systemlösungen für die Terahertz- und Nanotechnologie – Testwerkzeuge unter anderem für die 3D-Bildgebung.

Für die Megatrends als Folge der digitalen Transformation sieht sich die Unternehmensleitung von Advantest Europe eigenen Angaben zufolge gut gerüstet. Vor allem die „Explosion der Daten“ mit ihrem gewaltigen Speicherbedarf ist ein Feld, in dem sich Advantest nach Angaben von Stichlmair, Linner und Kaltenhauser stark positionieren will.

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