„Plattform-Arbeiter spüren mehr Druck“

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interview . Beschäftigte für den US-Taxi-Dienst Uber und ähnliche Plattformen erwirtschaften zusätzliche, allerdings stark schwankende Einkommen.

Zudem müssen sich Beschäftigte selbst um ihre Sozialversicherung kümmern. Wir sprachen mit der Betriebswirtin Nora Stampfl über die „Uberisierung der Arbeit“.

-Sie haben den Begriff der „Uberisierung“ der Arbeit geprägt. Der Begriff leitet sich ab vom US-Taxi-Dienst Uber. Was ist der Unterschied zwischen der Arbeit von solchen Fahrern und normalen Beschäftigten?

Diese Beschäftigten arbeiten offiziell selbstständig. Sie fahren auf Abruf. Ihr Arbeitstag ist oft sehr zerstückelt. Der nächste Auftrag kann schnell kommen oder lange auf sich warten lassen. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass sie regelmäßig und ausreichend Geld verdienen. Ihr Einkommen schwankt häufig stark. Um die Sozialversicherung müssen sich diese Mikro-Unternehmer selbst kümmern, die Arbeitnehmerrechte festangestellter Beschäftigter fehlen ihnen.

-Formulieren Sie das als Warnung vor diesen neuen Arbeitsformen?

Zunächst geht es mir um die Analyse, was da eigentlich passiert. Firmen wie Uber agieren nicht als Arbeitgeber, sondern als Plattformen. Sie vermitteln Dienste zwischen den Anbietern – den Fahrern – und den Kunden. Dafür verlangen sie einen Teil des Umsatzes als Gebühr. Im Gegensatz zu konventionellen Arbeitsverträgen können die Plattformen ihre Beschäftigungsbedingungen einfach ändern. Sie schmeißen manche Fahrer kurzfristig raus, wenn die Bewertung durch die Passagiere zu schlecht ist. So spüren solche modernen Dienstleister einen höheren Druck als Angestellte in festen Tätigkeiten. Trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit.

-Was ist das Positive?

Viele Uber-Fahrer oder auch Mieter, die ihre Wohnung über die Vermittlungsseite Airbnb an Touristen vermieten, erwirtschaften ein zusätzliches Einkommen. Es handelt sich um Nebenjobs. Sie sind nicht ausschließlich auf diese Einnahmen angewiesen. Das belegen Untersuchungen aus den USA. Denken Sie an Lieferdienste wie Foodora und Deliveroo, die den Leuten das warme Abendessen nach Hause bringen: Für diese Firmen fahren oft Studenten, die sich ein größeres Taschengeld dazuverdienen. Die Tätigkeiten sind flexibel, sie lassen sich in den Alltag einpassen, ermöglichen also zusätzliche Freiheitsgrade.

-Nehmen solche Plattformen und Tätigkeiten auch in Deutschland zu?

Ja, das muss man als gesellschaftlichen Trend betrachten. Projektbezogene Arbeitsbeziehungen sind häufiger anzutreffen, das Normalarbeitsverhältnis ist auf dem Rückzug, wenngleich es noch die Mehrheit der Stellen in Deutschland regelt. Genaue Daten zur Zahl der uberisierten Jobs gibt es bisher aber nicht – auch weil sich die Abgrenzung schwierig gestaltet.

-Wie steht es um die soziale Absicherung der Mikro-Unternehmer? Bekommen sie Zugang zur Sozialversicherung?

Sie werden als Selbstständige eingestuft und müssen sämtliche Beiträge selbst tragen. Weil es keinen Arbeitgeber gibt, zahlt dieser auch nicht den üblichen Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung. Im Ergebnis werden wohl viele Plattformarbeiter darauf verzichten, in die Renten- oder Arbeitslosenversicherung einzuzahlen.

-Für selbstständige Schriftsteller, Journalisten, Musiker, Maler und andere kreative Berufe gibt es die Künstlersozialkasse, die der Staat bezuschusst. Wäre das ein Modell?

In diese Richtung könnte man überlegen. Beispielsweise könnte jede dieser Transaktionen mit einer Zahlung in einen Sozialfonds verbunden sein, der den Plattformarbeitern zugute kommt. Wir sollten aber vorsichtig sein bei der Regulierung: Schließlich bieten die neuen Branchen Innovationen, Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten, die es früher nicht gab. Man soll die junge Pflanze nicht zertreten.

-Optimisten bezeichnen die Plattformen auch als Sharing Economy, Wirtschaft des Teilens. Darin liegt die Hoffnung, dass die Bürger besser und nachhaltiger leben, wenn sie ihre Autos oder Wohnungen gemeinsam nutzen. Ist das eine Illusion?

Nicht vollständig, darin steckt eine gewisse Wahrheit. Es stimmt ja, dass nicht jeder alles besitzen muss. Man kann private Autos teilen, indem man sie an die Nachbarn verleiht oder auf manchen Strecken Mitfahrer einlädt und damit zusätzliches Geld verdient. In den großen Städten funktioniert privates und traditionelles Carsharing sehr gut – wenngleich noch nicht klar ist, ob es einen ökologischen Vorteil hervorruft.

Interview: Hannes Koch

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