Wie der Plastikmüll ins Meer gelangt

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Rund 150 Millionen Tonnen Plastikmüll schwimmen in den Weltmeeren. Und jedes Jahr werden es mehr. Geht das so weiter, soll es im Jahr 2050 in den Ozeanen mehr Plastik als Fische geben. Doch wie gelangen Plastiktüten und Co. überhaupt in die Meere? Und was richtet der Müll dort an?

umweltverschmutzung

von manuela dollinger

München – Sommer, Sonne, Strand und Meer. Keine Spur von Plastikmüll, der den Badespaß trübt. Doch der Schein trügt. Die meisten Strände, an denen Touristen ihren Urlaub verbringen, werden penibel gesäubert. Abseits ist das Bild oft ein anderes: Plastiktüten, PET-Flaschen, Verpackungsmaterial, alte Autoreifen, Reste von Fischernetzen und vielerlei anderes wird dort an Land gespült und türmt sich zu Plastikbergen auf. Und dabei lagern sich laut Schätzungen lediglich fünf Prozent des Plastikmülls an Stränden ab. Ganze 94 Prozent liegen auf dem Meeresgrund. Plastikpartikel gelangen auf vielen Wegen in die Meere, bedrohen dort das Leben von Meeresbewohnern und landen am Ende oft wieder auf dem Esstisch.

322 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr

Die weltweite Plastikproduktion ist in den vergangenen 50 Jahren um mehr als das Zwanzigfache angestiegen. Im Jahr 2015 wurden laut PlasticsEurope, einem Zusammenschluss von Plastikproduzenten, 322 Millionen Tonnen weltweit produziert. Zum Vergleich: 1950 waren es 1,5 Millionen Tonnen. Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Menge des Plastiks in den nächsten 20 Jahren noch einmal verdoppeln wird. Denn, wenngleich die Produktion in Europa derzeit stagniert, steigen die Mengen in Asien Jahr für Jahr.

Der Großteil des produzierten Plastiks wird für Verpackungen verwendet, die früher oder später im Müll landen. „Von den Plastikabfällen, die europaweit in den Müll wandern, wird knapp ein Drittel recycelt, während knapp 40 Prozent energetisch verwertet werden. Das restliche Drittel wird auf Mülldeponien endgelagert“, heißt es dazu in einer aktuellen Studie des ifo-Instituts. Am Ende finden rund zehn bis 20 Millionen Tonnen der jährlichen Plastikabfälle ihr Ende in den Weltmeeren, heißt es beim ifo-Institut. Andere Schätzungen – etwa von der EU-Beratungsfirma Eunomia – gehen von 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen pro Jahr aus. Den Hauptanteil des Plastikmülls, der ins Meer gelangt, haben demnach die Länder Südostasiens zu verantworten. Die Hälfte stammt aus China, Indonesien, den Philippinen, Thailand und Vietnam. Folglich sammelt sich der Löwenanteil des Plastikmülls im Indischen Ozean und im Nordpazifik. „Es wird vermutet, dass derzeit über 150 Millionen Tonnen Plastikmüll die Meere belasten und dass sich im Jahr 2050 (als Gewicht gerechnet) mehr Plastik als Fisch in den Weltmeeren finden wird“, heißt es bei der Umwelt- und Naturschutzorganisation WWF.

Plastik nahezu unvergänglich

Wichtig zu wissen: Plastik wird zwar aus organischem Material – Zellulose, Kohle, Erdöl oder Erdgas – hergestellt, ist aber nicht umweltfreundlich. „Für die Natur ist Kunststoff ein Fremdkörper und wird nicht biologisch abgebaut. Etwa 450 Jahre dauert es, bis sich eine PET-Flasche vollständig zersetzt hat“, heißt es beim WWF. Plastik ist im Meer also nahezu unvergänglich, nur langsam zersetzt es sich durch Salzwasser und Sonne und gibt nach und nach kleinere Bruchstücke an die Umgebung ab.

Sind die Plastikpartikel kleiner als fünf Millimeter, spricht man von sogenannten Mikropartikeln. Sie entstehen nicht nur durch den Zerfall größerer Plastikteile im Meer, sondern sind auch in verschiedenen Produkten wie zum Beispiel Kosmetika enthalten. Über das Abwassersystem, das die kleinen Partikel nicht filtern kann, gelangen die Mini-Teile in Flüsse und von dort ins Meer.

Im Meer angelangt, sinkt der Großteil der Plastikabfälle auf den Meeresboden ab, während der Rest in der Wassersäule schwebt oder an der Meeresoberfläche treibt und zum Teil wieder an Land gespült wird (siehe Grafik).

Viele Wege führen ins Meer

Sehr unterschiedlich sind die Schätzungen, aus welchen Quellen wie viel Plastikmüll in die Meere gelangt. Eunomia geht davon aus, dass 80 Prozent des Meeresmülls von Land stammen und die verbleibenden 20 Prozent auf dem Meer selbst entstehen – etwa durch verloren gegangene Fischernetze oder Abfälle von Schiffen (siehe Grafik).

So gelangt etwa unsachgemäß entsorgter Plastikmüll, wie zum Beispiel Flaschen oder Tüten, entweder direkt oder über den Wind in Gewässer und von dort ins Meer. Auch von offenen Deponien wird Plastikmüll durch den Wind und über Flüsse ins Meer getragen. Abfallprodukte in der Plastikverarbeitung spielen ebenfalls eine Rolle. Genaue Zahlen dazu liegen allerdings nicht vor. Mikroplastik gelangt oftmals aus Privathaushalten über das Abwassersystem in die Meere. Viele Kosmetikprodukte wie etwa Peelings enthalten die kleinen Plastik-Teilchen, die den Reinigungseffekt verstärken sollen. Auch Fleecepullis und andere Kunstfasertextilien verlieren beim Waschen winzige Fasern, die nicht gefiltert werden können.

Folgen der Plastikflut

Ein Fall aus dem vergangenen Frühjahr verdeutlicht die Auswirkungen der Plastikflut: Norwegische Forscher entdeckten einen gestrandeten Cuvier-Schnabelwal, der in nördlichen Gewässern eigentlich nicht vorkommt. Bei der Obduktion fanden die Wissenschaftler 30 Plastiktüten und jede Menge andere Plastikpartikel im Magen des Tieres. Der Darm war dagegen leer – der Wal völlig abgemagert. Der Plastikmüll hatte einen Pfropfen im Magen gebildet. Das Tier muss bis zu seinem Tod extrem gelitten haben, glauben die Forscher.

Kein Einzelfall. Immer wieder kostet der Plastikmüll Wale, Delfine oder Vögel das Leben. Meerestiere aller Größen verwechseln Plastik mit natürlicher Nahrung. „Die Überbleibsel unserer Wegwerfgesellschaft kosten jedes Jahr bis zu 100 000 Meeressäuger und eine Million Meeresvögel das Leben“, heißt es beim Naturschutzbund NABU. Dazu kommt: Plastik zerstört auch empfindliche Lebensräume unter Wasser. So bedecken Plastikplanen Korallenstöcke, Schwämme oder Muschelbänke und verhindern so deren Besiedlung. Oft werden die Meeresorganismen vom Sauerstoffaustausch abgeschnitten und ersticken.

Pro-Kopf-Verbrauch von Plastiktüten sinkt

Weltweit wurden bereits zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um dem Plastikmüll-Problem Einhalt zu gebieten. So werden in einigen Ländern mittlerweile Steuern oder Abgaben für Plastiktüten erhoben – oder der Gebrauch wurde komplett verboten. Eine im Jahr 2015 durch die Europäische Union beschlossene Richtlinie schreibt den Mitgliedstaaten eine deutliche Reduktion auf 90 Plastiktüten pro Kopf bis zum Jahr 2019 beziehungsweise 40 Tüten bis zum Jahr 2025 vor. Zahlreiche Einzelhändler erheben in Deutschland in diesem Zusammenhang mittlerweile eine Gebühr für Plastiktüten oder bieten nur noch Papiertüten an. Der Verbrauch konnte dadurch laut Umweltbundesamt bereits auf 70 Tüten pro Kopf reduziert werden.

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