Was passiert, wenn die Zinswende kommt

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Janet Yellen lässt sich noch nicht in die Karten schauen. Die US-Notenbank-Chefin könnte schon im Dezember die Zinswende in den USA einläuten. foto: dpa

Die Inflation könnte in nächster Zeit anziehen. Anleger sollten deshalb auch ein Ende des billigen Geldes ins Kalkül ziehen.

geldanlage

Von Gerd Hübner

München – Die Angst vor einer Deflation sitzt tief. Denn verfestigen sich sinkende Preise in einer Volkswirtschaft, dann kann es zu rückläufigem Konsum und sinkenden Investitionen kommen. Dies kann dann zu einer Abwärtsspirale aus Rezession, weiter sinkenden Preisen und zunehmender Arbeitslosigkeit führt. Genau dieses Szenario treibt die Notenbanken der westlichen Welt seit Jahren um. Ihr erklärtes Ziel ist es deshalb für Inflation zu sorgen. Mit historisch niedrige Zinsen und unkonventionellen Maßnahmen wie dem Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen.

Deflationsgefahr schwindet

Inzwischen mehren sich die Zeichen dafür, dass die Deflationsgefahr schwindet und es zu einer Beschleunigung der Teuerungsrate kommt. In den USA lag die Inflation zuletzt bei 1,5 Prozent. Im Euroraum betrug sie 0,4 Prozent – der höchste Wert seit zwei Jahren. Und für Deutschland erwartet das Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI in 2017 einen Anstieg auf 1,6 Prozent.

Energie treibt die Preise an

Wichtigster Treiber hinter dieser Entwicklung sind die Preise für Energie. Mitte November kostet ein Barrel Rohöl der Sorte Brent 44 Dollar. Das ist gegenüber dem Tiefstand im Januar ein Plus von rund 50 Prozent. Stabilisiert sich der Ölpreis auf diesem Niveau, werden wird allein dadurch die Inflationsrate in den nächsten Monaten weiter klettern.

Auswirkungen auf alle Anlageklassen

Heinz-Werner Rapp, Chefstratege der Feri Gruppe, rät Anlegern deshalb die Entwicklung der Inflation und eine deutlichere Zinswende fest im Blick zu behalten. Schließlich berücksichtige die Mehrzahl der Investoren die Möglichkeit einer steigenden Inflation und einer Zinswende noch gar nicht in ihren Portfolios. Sie würden folglich von einer solchen Entwicklung auf dem falschen Fuß erwischt werden. In der Tat kann eine echte Zinswende starke Auswirkungen auf die einzelnen Anlageklassen haben. Zum Beispiel sichere Staatsanleihen. Deren Renditen dürften dann klettern, während die Kurse spiegelbildlich fallen. Ein Renditeanstieg um einen Prozentpunkt führt, so die Faustregel, bei zehnjährigen Bundesanleihen zu einem Kursverlust von rund sieben Prozent. Anders sieht es zunächst bei Aktien aus. „Die ersten Zinserhöhungsschritte sind ja auch ein Zeichen für eine starke Wirtschaft“, macht Benjamin Betz von der Bayerische Vermögen AG klar. „Und das ist für die Unternehmen nicht das Schlechteste.“ Dieser Zusammenhang wurde vielfach untersucht. Demnach war es in der Vergangenheit so, dass die Aktienkurse in Zinserhöhungszyklen im Schnitt sogar zulegen konnten. Dennoch wird es irgendwann gefährlich. „Und zwar dann“, sagt Betz, „wenn die Zinsen so stark steigen, dass sie zu einer echten Kostenbelastung für die Unternehmen werden.“

Dazu kommt, dass Anleihen bei steigenden Renditen attraktiver werden. „Zudem ist in den vergangenen Jahren viel Geld in Anlagen außerhalb des Anleihemarktes geflossen, die eine stabile und verlässliche Ausschüttung geboten haben“, erklärt Tobias Spies von Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung. Deshalb könnten Aktien aus Sektoren wie der Telekommunikation oder Immobilien in einem Umfeld steigender Zinsen überproportional verlieren.

Schwellenländer bekommen Probleme

Kurzfristig sollten die Risiken am Aktienmarkt überschaubar sein. Zumindest soweit es die Industrieländer betrifft. Denn bei Anlagen in den Schwellenländern ist bei einer nachhaltigen Zinswende sehr wohl Vorsicht angebracht. „Investoren müssen damit rechnen, dass Kapital aus den Emerging Markets abfließt und deren Währungen schwächer werden“, fasst Franz Wamsler, Geschäftsführer der Wamsler & Co. Vermögensverwaltung zusammen. „Vor allem aber würde ein stärkerer US-Dollar in jenen Schwellenländern für Unruhe sorgen, die eine hohe Verschuldung in US-Dollar aufweisen.“ Konkret könnte es hier zum Beispiel Russland und Brasilien treffen.

Immobilienmarkt doppelt betroffen

Aber auch der Immobilienmarkt käme bei einer deutlichen Zinswende nicht ungeschoren davon. „Diesen würde es sogar von zwei Seiten treffen“, macht Betz klar. „Schließlich steigt zum einen die Rendite konservativer Anlagen wie Anleihen, was Immobilien weniger attraktiv macht. Zum anderen würde die Finanzierung teurer werden.“ Ob sich in einem solchen Umfeld die Preissteigerungen der vergangenen Jahre fortsetzen, ist also fraglich.

Was Anleger tun können

Was also sollten Anleger, die angesichts der steigenden Inflationsrate mit einer nachhaltigen Zinswende rechnen, tun? Grundsätzlich, darin sind sich alle Experten einig, besteht ein gutes Portfolio aus einer breiten Streuung über Aktien und Anleihen hinweg. „Wer aber an eine echte Zinswende glaubt, sollte bei festverzinslichen Wertpapieren kürzere Laufzeit wählen und Emittenten allzu schlechter Kreditwürdigkeit meiden“, rät Betz. Bei Aktien dagegen sollten Anleger keine zu hohen Risiken eingehen und substanzstarke Firmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen bevorzugen. Ob es jedoch überhaupt zu einer grundsätzlichen Zinswende kommt, ist noch offen. „Wir rechnen derzeit nur mit einer temporären, kurzfristigen Bewegung der Zinsen und Renditen nach oben“, sagt Spies. Das würde zwar vorübergehend zu stärkeren Kursschwankungen an den Märkten führen. Mit einem gut diversifizierten, aus Anleihen und Aktien bestehenden Portfolio können Anleger dem aber ruhig entgegensehen.

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare