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Wirtschaftsweiser Wieland fordert mehr 2G - und fürchtet Szenario durch möglichen Lockdown

Volker Wieland: Der Wirtschaftsweise fordert im Kampf gegen Corona mehr Tempo und schärfere Regeln.
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Volker Wieland: Der Wirtschaftsweise fordert im Kampf gegen Corona mehr Tempo und schärfere Regeln.
  • Thomas Schmidtutz
    VonThomas Schmidtutz
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Im Kampf gegen die Corona-Pandemie fordert der Wirtschaftsweise Volker Wieland mehr Tempo. Bei der Impfquote müsse „dringend“ nachgebessert werden, sagte der Ökonom gegenüber Merkur.de.

München - Der Wirtschaftsweise Volker Wieland hat sich angesichts steil steigender Corona-Zahlen für striktere Vorgaben ausgesprochen. Eine bundesweite Einführung von 2G-Regeln im Freizeit-Bereich schaffe „starke Anreize für eine Impfung“, sagte das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gegenüber Merkur.de*.

Mit Blick auf die möglichen wirtschaftlichen Folgen der verschärften Corona*-Vorgaben in vielen Bundesländern sagte Wieland, aktuell sehe er für das Wirtschaftswachstum in Deutschland noch keinen Korrektur-Bedarf für die jüngste Schätzung des Sachverständigenrats*. Sollte es jedoch ähnlich wie in Österreich auch in Deutschland zu einem neuerlichen Lockdown kommen, könnte das Wachstum im laufenden Quartal hierzulande „auf null oder in den negativen Bereich fallen“, erklärte Wieland. Für das vierte Quartal 2021 geht das Gremium bislang von einer Wachstumsrate von 0,4 Prozent aus.

Herr Prof. Wieland, angesichts der verschärften Corona-Lage und der steil steigenden Inzidenzen wächst auch die Sorge um die Konjunktur in Deutschland. Erst am Dienstag hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder weitere Beschränkungen angekündigt. Sachsen ist bereits im Teil-Lockdown. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für die wirtschaftliche Erholung in Deutschland? 
Wir laufen Gefahr, dass die Konjunktur - insbesondere die konsumnahen Dienstleistungen - zum Ende des Jahres ausgebremst wird. Gerade vor Weihnachten hat das natürlich auf Gastronomie und Hotellerie einen sehr negativen Einfluss. Allerdings führen nicht nur Schließungen zu Konsumzurückhaltung in kontakt-intensiven Bereichen, sondern ebenso die Zurückhaltung der Menschen, die sich einfach aus der Furcht vor Ansteckung bei steigenden Infektionszahlen ergibt. Unter anderem deshalb sind die Quartalswachstumsraten in unserer Prognose für das 4. Quartal 2021 mit knapp 0,4 Prozent und das 1. Quartal 2022 mit 0,8 Prozent schon recht niedrig geschätzt. Ich denke, 2G-Regelungen könnten sogar etwas helfen, die Furcht vor Ansteckung zu reduzieren. Denn dann weiß man beim Restaurant- oder Veranstaltungsbesuch, dass das Ansteckungsrisiko reduziert ist.
Der Sachverständigenrat ist für das laufende Jahr zuletzt von einem Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent ausgegangen. Ist das angesichts der jüngsten Entwicklung überhaupt noch zu halten?
Die bis jetzt diskutierten oder bereits umgesetzten Maßnahmen, wie 2G im konsumnahen Bereich, regionale Schließungen von Bars und Diskotheken, regionale Beschränkungen wie die Reduktion der Personenzahl pro Fläche im Einzelhandel, geben meines Erachtens noch keinen Anlass, die 2,7 Prozent für dieses Jahr, und 4,6 Prozent für nächstes Jahr deutlich herunterzunehmen. Allerdings kann man nicht mehr ausschließen, dass es nicht doch noch zu deutlichen schärferen Lockdown-Maßnahmen kommt. Das sehen wir ja derzeit schon in Österreich. 
Was würde ein solches Szenario denn bedeuten?
Nehmen wir mal an, dass ähnlich harte Lockdown-Maßnahmen für konsumnahe Dienstleistungen, Gastgewerbe und den Einzelhandel getroffen würden wie im letzten Jahr, und diese den ganzen Dezember und Januar andauern. Dann könnte das vierte Quartal auf null oder in den negativen Bereich zurückfallen. Die Entwicklung im 1. Quartal hängt dann davon ab, wie schnell wieder geöffnet und möglicherweise Konsum nachgeholt werden kann. In solch einem Szenario wäre eine Reduktion der prognostizierten Jahreswachstumsraten auf Werte wie etwa 2,5 Prozent und 4,1 Prozent in 2021 und 2022 denkbar. Das ist aber nur eine sehr grobe, erste Abschätzung.
Ich gehe weiterhin davon aus, dass die Erholung in Deutschland intakt bleibt, auch wenn sie sich teils aufgrund der Liefer- und Materialengpässe bei Vorprodukten für die Industrie in das Jahr 2022 verschiebt. Weitergehende Lockdown-Maßnahmen könnten nun zusätzlich zu einer stärker als erwarteten Ausbremsung kontaktintensiver Dienstleistungen über den Winter führen.  
Angesichts der Entwicklung nimmt auch die Diskussion über Maßnahmen Fahrt auf, wie sich die im internationalen Maßstab weiter niedrige Impfquote verbessern ließe. Wie könnte man Ungeimpfte dazu bewegen, sich doch noch immunisieren zu lassen?
Auf jeden Fall sollte man im Freizeitbereich auf 2G-Regelungen setzen. Das schafft starke Anreize für eine Impfung, zumindest für die, die Freizeitangebote wahrnehmen wollen. Dort müssten übrigens dann auch die Arbeitnehmer 2G nachweisen. In anderen Ländern wie zum Beispiel Portugal und Spanien wurden wohl die Menschen mehrmals direkt mit Impfangeboten kontaktiert. Es stellt sich die Frage, warum das bei uns nicht ebenso gehen sollte. Schließlich sind Impfpflichten für bestimmte Berufsgruppen möglich. Die Bundeswehr setzt dies bereits um.
Um die Impfquote zu steigern, setzen einige Ökonomen inzwischen auch auf Prämien. Brauchen wir Anreize fürs Impfen?
Anreize ja. Aber wie kommt es, dass südeuropäische Ländern so viel erfolgreicher beim Impffortschritt waren? Impfen sollte möglichst leichtgemacht und Ungeimpfte mehrfach direkt angesprochen werden. Außerdem würden 3G- oder 2G Regelungen am Arbeitsplatz einen Anreiz geben. Es könnte auch die Pflicht der Arbeitnehmer sein, sich gegebenenfalls kostenpflichtig testen zu lassen. 
Es gibt inzwischen auch Forderungen nach einem Notausschalter, also einem kurzen, aber umfassenden Lockdown. Wäre ein solch harter Schnitt nicht der bessere Weg, um die Welle zu brechen und die Beschränkungen wieder zurückzufahren?
Aus wirtschaftlicher Sicht sind Lockdowns natürlich besonders schädlich. Aber ein ungebrochener weiterer Anstieg von Infektionszahlen wird das Gesundheitssystem überfordern und dann noch mehr Menschenleben kosten. Umso trauriger ist es, dass es nicht wie in anderen Ländern gelungen ist, früher zu einer höheren Impfquote unter den Erwachsenen zu kommen. Das muss dringend nachgeholt werden. Jedenfalls sollten Kita- und Schulschließungen möglichst vermieden werden. Die Kinder und Jugendlichen mussten schon über Gebühr unter Einschränkungen aufgrund der Pandemie leiden. 

Zur Person: Prof. Volker Wieland ist seit März 2012 Stiftungsprofessor für Monetäre Ökonomie und geschäftsführender Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2013 gehört der Experte für Geldtheorie und Geldpolitik dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an.

*Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

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