30 Jahre Höhen und Tiefen

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Der Dax zeichnet die Kursentwicklung von 30 Unternehmen nach. Der Leitindex der Deutschen Börse soll auf diese Weise den Börsentrend deutscher Aktien widerspiegeln. Foto: Dpa

Der Dax ist eines der wichtigsten Börsenbarometer der Welt. Trotz zeitweise heftiger Kurseinbrüche steht 30 Jahre nach seiner Einführung ein kräftiges Plus. An den meisten Privatanlegern gehen die Kursgewinne allerdings vorbei.

Von Sebastian Hölzle, Friederike Marx und Jörn Bender

Die schwarze Tafel mit der weißen Kurve kennt jeder aus dem Fernsehen. Allabendlich steht der Dax im Rampenlicht. 30 Jahre nach seiner Einführung ist der deutsche Leitindex eines der bedeutendsten Börsenbarometer der Welt. Seit dem ersten Handelstag am 1. Juli 1988 mit 1163 Punkten hat der Aktienindex kräftig zugelegt: auf zeitweise mehr als 13 000 Punkte – das entspricht einem Plus von über 1000 Prozent. Wer seit Dax-Beginn jeden Monat 50 Euro in den Aktienmarkt investiert hätte – insgesamt also 18 000 Euro – hätte heute laut einer Modellrechnung des Deutschen Aktieninstituts ein Vermögen von knapp 70 000 Euro angespart. Das entspricht einer Rendite von fast acht Prozent im Jahr.

Die Zeit vor dem Dax

Bis zur Einführung des Dax, der die Kursentwicklung der 30 wichtigsten börsennotierten deutschen Unternehmen widerspiegelt, herrschte ein ziemliches Durcheinander: Es gab einen Index der „Börsen-Zeitung“, einen der Commerzbank, einen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Wir wollten ein nach außen wirkendes Symbol haben, vergleichbar dem Dow Jones“, erklärte vor einiger Zeit Rüdiger von Rosen, der den Dax mit aus der Taufe hob. Zunächst firmierte der Index als „DAI“.

„Dieser etwas hölzernen Bezeichnung fehlte allerdings in dem sich abzeichnenden digitalen Zeitalter Charme und Symbolkraft“, erläutert der frühere Dekabank-Chef Manfred Zaß, ebenfalls einer der Gründer des Dax. „Bulle, Bär und Ibis existierten bereits, da habe ich von Index nicht den ersten, sondern den letzten Buchstaben übernommen.“ Die Bezeichnung „Dax“ war geboren. „Börsenfernsehen und andere neue Medien trugen den Dax in heimische Wohnzimmer und damit wurde er schneller als gedacht so etwas wie ein Fieberthermometer für das wirtschaftliche Befinden der Republik“, erinnert sich Zaß.

Wer im Dax notiert

Für Konzerne ist der Aufstieg in die erste deutsche Börsenliga in der Regel ein Grund zur Freude. Ihre Attraktivität bei internationalen Investoren wie Versicherungen, Pensions- oder Investmentfonds steigt dadurch. Viele Profi-Anleger orientieren sich bei ihren Entscheidungen am Dax. Über Auf- oder Abstieg entscheidet ein Arbeitskreis der Deutschen Börse regulär alle drei Monate. Kriterien sind Börsenumsatz und Börsenwert.

Stammgäste im Dax

Immerhin 15 Konzerne sind nach Angaben der Börse seit Juli 1988 ununterbrochen im Dax gelistet, darunter der Versicherer Allianz, BASF, Bayer, Deutsche Bank und Commerzbank sowie die Autobauer BMW, Daimler und Volkswagen. Dagegen sind Namen wie Nixdorf, Deutsche Babcock, Kaufhof, Karstadt, Mannesmann oder Degussa zum Teil ganz von den Kurszetteln verschwunden.

Tiefststand 1988

Der Dax selbst musste ebenfalls herbe Rückschläge hinnehmen. Sein tiefster Schlussstand liegt allerdings schon ziemlich lange zurück: Am 29. August 1988 fiel er auf 1152 Punkte. Rasant abwärts ging es auch um die Jahrtausendwende nach dem Platzen der New-Economy-Blase am Neuen Markt. Bis auf 2202 Zähler am 12. März 2003 sackte der Leitindex. Rund 11 000 Punkte machte der Dax trotz Rückschlägen seitdem gut. Die Marke von 13 000 Punkten knackte er erstmals am 12. Oktober 2017.

Kaum Privatanleger

Der Großteil der Dax-Aktien ist im Besitz von Profi-Anlegern. Privatleute halten dem Beratungsunternehmen EY zufolge durchschnittlich lediglich elf Prozent der Papiere. Der Absturz der als „Volksaktie“ angepriesenen Papiere der Deutschen Telekom und das Platzen der New-Economy-Blase haben viele Anleger in Deutschland verschreckt. Für die Telekom-Aktie hatte damals der Schauspieler Manfred Krug geworben, der damalige Telekom-Chef Ron Sommer versprach: „Die T-Aktie wird so sicher wie eine vererbbare Zusatzrente sein.“ Tatsächlich kletterte der Kurs im März 2000 auf 103,50 Euro – und stürzte dann ab, der Tiefstwert lag bei 7,71 Euro. Bis heute machen die meisten Deutschen einen Bogen um die Börse.

Berechnung des Dax

Die Börse in Frankfurt berechnet den Dax im elektronischen Xetra-Handel sekündlich. Über die Zusammensetzung des Index entscheidet die Börse regelmäßig. Ob ein Unternehmen im Dax dann eine tendenziell größere oder eine kleinere Rolle spielt, hängt von bestimmten Kriterien ab. Die Deutsche Börse gewichtet die Konzerne anhand des Börsenumsatzes und der Marktkapitalisierung des Streubesitzes – also Kurswert der Aktie multipliziert mit der Anzahl der Aktien im Streubesitz.

Aktuell ergibt sich folgendes Bild: Die Softwareschmiede SAP aus Baden-Württemberg ist im Dax mit über zehn Prozent gewichtet – die Commerzbank aus Frankfurt nur mit 0,85 Prozent. Für Anleger, die beispielsweise in einen Dax-ETF investiert haben, hat das Folgen: Die Geschäftsentwicklung bei SAP bewegt den Dax deutlich stärker als entsprechende Kurs-Ausschläge der Commerzbank. Dass ein Konzern über zehn Prozent auf die Waage bringt, ist in den Börsenregularien ohnehin nicht vorgesehen. Knackt ein Konzern – wie jetzt SAP – dennoch diese Schwelle, wird das Gewicht nach wenigen Wochen wieder auf zehn Prozent zurückgeschraubt.

Schwergewicht Bayern

Die Deka-Bank hat einmal ausgewertet, wie die Dax-Konzerne in Deutschland regional verteilt sind. Erste Auffälligkeit: Die meisten, das heißt zehn der 30 deutschen Börsenschwergewichte, haben ihren Firmensitz in Nordrhein-Westfalen. Zweite Auffälligkeit: „Gemessen an der Marktkapitalisierung haben die sieben bayerischen Unternehmen die Nase vorn“, erklären die Volkswirte der Deka-Bank. Rund 360,8 Milliarden Euro seien die sieben bayerischen Dax-Unternehmen wert – und damit sind die Bayern aktuell auch am stärksten im Dax gewichtet. „So beeinflussen die Kursbewegungen der bayerischen Unternehmen die Dax-Performance mit mehr als 32 Prozent.“

Dax-City München

Die Deka-Experten haben die bayerischen Dax-Titel daher einmal genauer unter die Lupe genommen. Ergebnis: „Zur Dax-City hat sich die bayerische Landeshauptstadt München entwickelt.“ Fünf der sieben in Bayern ansässigen Unternehmen hätten ihren Firmensitz in München, darunter die Allianz, Siemens, Munich Re, BMW und Linde. „Die Dax-Gewichtung der Münchner bringt 29,7 Prozent auf die Waage.“ Hätten die Deka-Volkswirte bei ihrer Auswertung den Landkreis München noch dazugezählt, wäre mit dem Halbleiterhersteller Infineon aus Neubiberg das Münchner Gewicht noch stärker ausgefallen. Einziges Dax-Unternehmen aus dem Freistaat, das außerhalb des Großraumes München seinen Sitz hat, ist der fränkische Sportartikelhersteller Adidas.

Die Dax-Geschwister

1994 hat die Deutsche Börse den Dax 100 eingeführt. Er sollte die Kursentwicklung der 100 wichtigsten deutschen Titel nachbilden. Der Index ist inzwischen Geschichte, geblieben ist der HDax, der aber weitgehend unbekannt geblieben ist. Deutlich populärer sind MDax, SDax und TecDax. Seit 1996 berechnet die Deutsche Börse mit dem MDax eine Art zweite Liga der deutschen Konzerne (abgeleitet von Midcap-Dax). Der MDax enthält die 50 nach Marktkapitalisierung und Börsenumsatz größten deutschen Unternehmen, die es nicht in den Dax geschafft haben. Die dritte Liga wird seit 1999 im SDax abgebildet (abgeleitet von Smallcap–Dax). Hier finden sich die 50 größten deutschen Aktiengesellschaften unterhalb der MDax-Schwelle. Der TecDax dagegen umfasst die 30 größten Unternehmen der Technologiebranchen unterhalb der Dax-Schwelle.

Reform im Herbst

Ab September wird die Börse in Frankfurt die Berechnungsregeln ihrer Indizes ändern: Technologiewerte können dann im TecDax und gleichzeitig in einem der drei Hauptindizes notiert sein. Damit wäre beispielsweise Infineon sowohl im Dax als auch im TecDax zu finden. Gleichzeitig soll die Zahl der Unternehmen im MDax von 50 auf 60 und im SDax von 50 auf 70 steigen – anhand historischer Daten müssen die Indizes dann rückwirkend neu berechnet werden. An eine Reform ihres Leitindex Dax hat sich die Deutsche Börse im Jubiläumsjahr aber nicht getraut.

Dabei fordern Analysten und Anleger seit Langem, die Zahl der Dax-Unternehmen von 30 auf 40 oder sogar auf 50 zu erhöhen, um die deutsche Wirtschaft als Ganzes besser abzubilden. Der wichtigste britische Aktienindex FTSE 100 umfasst 100 Titel, im französischen Leitindex CAC 40 notieren 40 Unternehmen, der US-Index S&P 500 listet die 500 wichtigsten US-Titel. Lediglich das Dax-Vorbild Dow Jones aus den USA zeichnet nach wie vor die Kursentwicklung von 30 Unternehmen nach. Das gilt auch weiterhin für den Dax: Die Deutsche Börse will auch nach ihrer Reform im Herbst an 30 Dax-Konzernen festhalten.

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