Auf der Jagd nach dem „Blockbuster“

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Das Biotechnologie-Unternehmen 4SC setzt alles auf eine Karte. Die Martinsrieder konzentrieren sich künftig ausschließlich auf Krebsforschung – auf die Entwicklung epigenetischer Krebsmedikamente, um genau zu sein. Ein Stratege hat das Ruder übernommen – mit einem klaren Ziel: In vier Jahren soll der erste 4SC-Wirkstoff auf dem Markt sein.

biotechnologie-Firma 4SC

von manuela Dollinger

Martinsried – Die Entwicklung von Medikamenten kostet viel Geld, Zeit und Nerven. Zunächst fließen Millionen in die Forschung. Sind die Ergebnisse vielversprechend, wird das Medikament am Patienten getestet. Drei klinische Phasen müssen erfolgreich durchlaufen werden, bis ein Wirkstoff überhaupt eine Chance auf eine Zulassung hat. Bis dahin vergehen Jahre, in denen stets ein Komplettausfall droht. Entsprechend vorsichtig sind Unternehmen, wenn es um Prognosen geht. Und entsprechend viele Kandidaten haben die Unternehmen in ihrer sogenannten Pipeline. Erweist sich ein Wirkstoff als unwirksam, werden die übrigen vorangebracht.

Ein kleines Biotechnologieunternehmen aus Martinsried bei München steht nun – knapp 20 Jahre nach der Gründung – kurz davor, den ersten Treffer zu landen. „In drei bis vier Jahren bringen wir unser erstes Medikament auf den Markt“, sagt Jason Loveridge. Ein ambitioniertes Ziel, das der neue Chef bei 4SC verfolgt. Doch Loveridge hat sich eine Strategie zurrechtgelegt: Er konzentriert alle Kräfte auf die Jagd nach dem „Blockbuster“. So nennt man in der Branche ein Medikament, das es bis zur Marktreife schafft.

Bereits wenige Wochen, nachdem Loveridge im September bei 4SC den Chefposten übernahm, wurde eine komplette Unternehmenssparte abgestoßen: das Immunologie-Portfolio – also alle Aktivitäten rund um Immun- und Autoimmunerkrankungen – wurde verkauft. Zur Begründung hieß es bei 4SC, man wolle sich künftig aufs Kerngeschäft fokussieren.

Das Kerngeschäft umfasst die Entwicklung von sogenannten epigenetischen Krebsmedikamenten – derzeit einer der vielversprechendsten Ansatzpunkte im Kampf gegen Krebs. Die Epigenetik beschreibt dabei Änderungen im Genom, die aber keine Änderungen in der DNA-Sequenz, wie etwa Mutationen, als Ursache haben. Solche epigenetischen Fehlprogrammierungen sind neben Genmutationen eine sehr häufige Ursache dafür, dass sich zuvor gesunde Zellen in Krebszellen verwandeln. Ziel ist es, dass epigenetische Wirkstoffe dieser fehlerhaften Programmierung entgegenwirken und so den Mechanismus, der für die Krebserkrankung verantwortlich ist, bekämpfen.

„Wir haben so viele Wirkstoffe in der Pipeline, die am Ende der Entwicklung stehen, deshalb mussten wir uns entscheiden“, erklärt Loveridge seine Strategie. Konkret geht es um zwei epigenetische Wirkstoffe, auf die er seine Hoffnungen setzt: Zum einen den Wirkstoff Resminostat – ein sogenannter Histon-Deacetylase (HDAC)-Inhibitor zur Therapie von Krebserkrankungen. Der Wirkstoff kann Patienten nicht heilen, soll aber die Zeit, die ihnen noch bleibt, verlängern und erleichtern. 4SC entwickelt Resminostat derzeit (zum Teil mit Partnern) in einer Reihe von Indikationen wie kutanes T-Zell-Lymphom (CTCL), Leber-, Lungen-, Pankreas- und Gallengangkrebs.

Kutane T-Zell-Lymphome sind seltene Krebserkrankungen. Dabei vermehren sich sogenannte T-Zellen, die eigentlich für die Immunabwehr im Körper zuständig sind, aufgrund eines Fehlers ungebremst. Die krankhaften Zellen sammeln sich in der Haut und es entstehen stark juckende, gerötete Herde, zum Teil mit Schuppung. Seltener bilden sich zudem Ekzeme, Blasen und Krusten. In Europa erkranken pro Jahr etwa 5000 Menschen an einem kutanen T-Zell-Lymphom.

Gerade weil kutane T-Zell-Lymphome selten auftreten, könnte es Resminostat mit der Indikation CTCL als erstes auf den Markt schaffen, glaubt Loveridge. „In Europa gibt es für Patienten keine Alternativen in der Medikation“, erklärt er. Fallen die Ergebnisse der nächsten Studien positiv aus, könnte die Zulassungsbehörde deshalb einem beschleunigten Zulassungsverfahren zustimmen.

Zweiter Hoffnungsträger – neben Resminostat – ist der Wirkstoff 4SC-202. Ebenfalls ein Krebsmedikament, das zuletzt vielversprechende Ergebnisse in der Therapie mit Blutkrebs-Patienten lieferte. Auch 4SC-202 soll in den kommenden Jahren auf den Markt kommen; beim Zeitpunkt will sich Loveridge allerdings nicht so genau festlegen. „In den kommenden 12 bis 18 Monaten erwarten wir viele Ergebnisse für 202, dann werden wir entscheiden, wie es weitergeht“, sagt er.

Insgesamt will 4SC im kommenden Jahr sechs klinische Studien mit Resminostat und 4SC-202 starten. Für ein Unternehmen mit gerade mal 47 Mitarbeitern ein Kraftakt. Die Finanzierung steht zwar bis 2018 – auch dank einer Kapitalerhöhung im Sommer 2015. Dennoch hält 4SC ständig Ausschau nach Partnern und Investoren. „Wir haben ein robustes Portfolio – aber wir brauchen mehr Kapital, um alle Ziele zu erreichen“, so Loveridge.

Mit Jason Loveridge hat sich 4SC dafür den richtigen Mann ins Haus geholt. Der Australier hat Biochemie und Mikrobiologie studiert und im Fachgebiet Biochemie promoviert. Er war in zahlreichen kleinen Biotechunternehmen im Management tätig – hat aber auch viel Erfahrung auf der Investmentseite. Jahrelang hat er eine Beteiligungsgesellschaft gemanagt, zuletzt als Privatinvestor in verschiedene aussichtreiche Biotech-Unternehmen investiert.

Entsprechend pragmatisch sind die Ziele, die er nun bei 4SC verfolgt. „Ich will, dass wir mit 4SC in den kommenden drei Jahren eine Bewertung von 400 bis 500 Millionen Euro erreichen. Wenn wir das nicht schaffen, haben wir unseren Job nicht richtig gemacht“, so Loveridge.

Fest steht: Loveridge hatte schon öfter den richtigen Riecher. So war er zum Beispiel Investor der ersten Stunde bei Morphosys – 1992 gegründet, heute das Vorzeigeunternehmen der bayerischen Biotech-Branche mit Sitz in Martinsried. Gemeinsam mit Simon Moroney, der Morphosys bis heute leitet, steckte er Geld und Glauben in das junge Biotech-Unternehmen. Das zahlte sich aus. „Für mich schließt sich mit meiner Rückkehr nach Martinsried ein Kreis“, sagt Loveridge. Ein gutes Omen für 4SC? Das wird sich zeigen.

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare