Wie Italien mit der schlechten Luft umgeht

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Industriemetropolen wie Mailand, Bologna oder Turin sind vor allem im Winter von eklatanten Überschreitungen der geltenden Schadstoffgrenzwerte betroffen. Die Gegenmaßnahmen sind je nach Stadt unterschiedlich ambitioniert. foto: afp

Auch Italien hat ein Smogproblem, ein gewaltiges sogar. Städte und Kommunen handhaben das Problem unterschiedlich. Über die Debatte in Deutschland freilich schütteln sie dort vielfach den Kopf.

diesel-Debatte

von Ingo-Michael Feth

Rom – In den großstädtischen Ballungsräumen Italien kommt es, besonders bei den zumeist winterlichen Inversionswetterlagen, immer wieder zu eklatanten Überschreitungen der geltenden Grenzwerte. Besonders betroffen sind dabei die bedeutenden Industriemetropolen, allen voran Mailand, Bologna und Turin. Zeitweise auch der Großraum von Rom. Die Fiat-Heimat Turin, idyllisch am Südrand der Alpen gelegen, gilt laut Messungen gar als die Stadt mit der höchsten Schadstoffbelastung auf dem Stiefel; die EU-Kommission hat deshalb bereits ein Verfahren gegen die Kommune eingeleitet, es drohen Strafmaßnahmen aus Brüssel.

Ist es mal wieder so weit, dass die Messstationen in den betroffenen Städten die rote Marke überschreiten, schlagen die von den Bürgern und Pendlern gefürchteten Fahrverbote zu. National einheitliche Richtlinien gibt es zwar, die Regionen und Kommunen handhaben die Situationen jedoch sehr unterschiedlich. Wird es ganz schlimm, greift eine drastische Regelung: An bestimmten Tagen dürfen generell nur Wagen mit ungeraden Kennzeichen in der Stadt unterwegs sein, am darauffolgenden Tag nur die geraden. Das allerdings wird scharf kontrolliert, wer sich am falschen Tag erwischen lässt, riskiert saftige Geldbußen. Das wirkt abschreckend.

Andere, nach Schadstoffausstoß gestaffelte Fahrverbote, wie sie beispielsweise die Hauptstadt Rom einmal im Monat an einem sogenannten „ökologischen Sonntag“ durchführt, bleiben weitgehend wirkungslos und sind kaum mehr als politischer Aktivismus. Zu viele Ausnahmen, zu unübersichtlich die zeitlichen Staffelungen, zu konfus die Einteilung der Autotypen in die verschiedenen Kategorien. Da ist sogar die Polizei bei den eher halbherzigen Kontrollen überfordert. Effizienz sieht anders aus.

Doch jetzt unternimmt Bürgermeisterin Virginia Raggi einen neuen Vorstoß: Von 2024 an sollen Diesel-Fahrzeuge aus Roms historischem Zentrum verbannt werden. „Unsere Städte stehen vor unerwarteten Herausforderungen“, so die Politikerin der Fünf-Sterne-Bewegung. „Wenn wir ernsthaft etwas unternehmen wollen, müssen wir den Mut haben, starke Maßnahmen zu ergreifen.“ Das Verbot soll nach Raggis Vorstellung nur Privatautos betreffen.

Die größten Luftverschmutzer sind in Italien aber nicht die Kraftfahrzeuge. Laut Experten geht die höchste Schadstoffbelastung in den Wintermonaten von den oftmals völlig überalterten Gaszentralheizungen der großen Wohnblöcke aus; sie stammen meist aus den 60er- und 70er-Jahren. Für die umweltgerechte Erneuerung läuft zwar ein groß angelegtes Programm, doch die Umrüstung dauert.

In der großen Politik spielt das Thema höchstens eine Nebenrolle. Das Land hat andere Probleme – zumal jetzt im laufenden Wahlkampf. An ein komplettes Dieselfahrverbot in den Städten ist politisch nicht mal zu denken. Die Furcht vor gnadenloser Abstrafung durch die Wähler ist in allen Parteien einfach zu hoch. Und so registriert man in den italienischen Medien die laufende Debatte in Deutschland, wenn überhaupt, mit Kopfschütteln.

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