Was hinter der Vollbeschäftigung steckt

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Bayern hat als erstes deutsches Bundesland eine Arbeitslosenquote von nur noch drei Prozent erreicht. Im Freistaat herrscht damit quasi Vollbeschäftigung. Doch was steckt genau hinter diesem Begriff? Und was bleibt zu tun?

arbeitsmarkt

von manuela dollinger

München – Gut 50 Jahre sind vergangen, seit in Deutschland zuletzt Vollbeschäftigung herrschte. In den Wirtschaftswunderjahren zählte die noch junge Bundesagentur für Arbeit (BA) gerade mal 150 000 Arbeitslose. Heute steuert der Arbeitsmarkt in eine ähnliche Richtung. Monat für Monat verkündet die BA in Nürnberg neue Rekorde. Im Mai sank nun die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals seit 26 Jahren unter die 2,5-Millionen-Marke. Die Arbeitslosenquote ging um 0,2 Punkte auf 5,6 Prozent zurück. Von einer bundesweiten Vollbeschäftigung, von der bei einer Quote unter drei Prozent gesprochen wird, kann da zwar noch keine Rede sein – wohl aber von einer bayernweiten. Als erstes Bundesland hat der Freistaat im Mai eine Arbeitslosenquote von drei Prozent erreicht. In 62 Landkreise und kreisfreien Städte liegt die Quote bereits unter drei Prozent, wie die Regionaldirektion Bayern der BA gestern mitteilte. „Damit messen wir in Bayern die niedrigste Arbeitslosenquote seit Einführung der aktuellen Berechnung vor 20 Jahren“, erklärt Ralf Holtzwart, Chef der BA in Bayern.

Konkret bedeutet das, dass die Zahl der Jobsucher in Bayern im Vergleich zum Vormonat um 10 600 auf rund 221 000 gesunken ist – rund 56 400 der Jobsucher gelten als langzeitarbeitlos (länger als ein Jahr ohne Job). Von der guten Entwicklung und der Einstellungsbereitschaft der bayerischen Wirtschaft profitieren laut BA derzeit alle Arbeitslosen: Im Mai habe es 4,1 Prozent weniger arbeitslose Schwerbehinderte gegeben als vor einem Jahr. Und die Zahl der Langzeitarbeitslosen habe sich im Vergleich zum Vorjahr um 10,1 Prozent verringert. Gleichzeitig habe die Zahl der Beschäftigten im März (aktuellere Zahlen liegen hier nicht vor) bei rund 5,4 Millionen gelegen – der höchste Wert, der je in diesem Monat gemessen wurde.

Ein genauer Blick auf die Statistik zeigt allerdings, dass es durchaus noch Handlungsbedarf gibt: So räumt die Regionaldirektion ein, dass etwa der Rückgang bei den Langzeitarbeitlosen nicht in erster Linie auf Integrationen in Arbeit zurückzuführen sei. Ein großer Teil der Langzeitarbeitslosen gehe in die sogenannte Nichterwerbstätigkeit – diese Menschen melden sich beispielsweise krank oder glauben endgültig nicht mehr daran, einen Job zu finden. Mehr als die Hälfte der Langzeitarbeitslosen bringe keine abgeschlossene Berufsausbildung mit, so Holtzwart. Daher müssten diese Menschen weiter intensiv gefördert werden. „Es gilt jeden mitzunehmen.“ Nur dann könne auch der hohe Bedarf an Fachkräften langfristig gedeckt werden.

Würde man auch jene Jobsucher zur amtlichen Arbeitslosigkeit dazuzählen, die derzeit an Aus- und Fortbildungskursen sowie Trainingsmaßnahmen der Arbeitsagenturen und Jobcenter teilnehmen, waren in Bayern außerdem im Mai weit mehr Menschen auf Jobsuche, als die offizielle Arbeitlosenzahl ausweist: insgesamt gut 326 000. Fachleute sprechen hier von der sogenannten Unterbeschäftigung.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund weist zudem darauf hin, dass auch Teilzeitarbeit, Leiharbeit und geringfügige Beschäftigung in Bayern immer weiter wachsen würden. „Mit weit über 2,3 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erreicht das Niveau der atypischen Beschäftigung in Bayern schwindelerregende Höhen“, kritisiert der bayerische DGB-Chef Matthias Jena.

Offene Stellen gibt es derweil in Bayern genug. Im Mai waren rund 116 000 bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern gemeldet – zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Das stärkste Plus gab es erneut in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie. „Die Unternehmen suchen einerseits mehr Arbeitskräfte und benötigen andererseits immer länger, um diese zu finden“, so das Fazit der Bundesagentur.

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