Der harte Kampf der Lieferdienste

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2015 hat Felix Chrobog den Lieferdienst Deliveroo nach Deutschland gebracht. Zuvor hat Chrobog unter anderem für Unternehmen in Abu Dhabi und New York gearbeitet. Der 36-Jährige ist der jüngste Sohn des früheren deutschen US-Botschafters Jürgen Chrobog. 2005 wurde die Familie bundesweit bekannt, als sie im Jemen in die Hände von Entführern geriet, wenige Tage später aber wieder freigelassen wurde. Foto: Marcus Schlaf

Interview Mit Deliveroo-Deutschland-Chef Felix Chrobog

Der britische Lieferdienst Deliveroo ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Mittlerweile fährt das Unternehmen in über 140 Städten in zwölf Ländern Essen aus, seit 2015 auch in München. Kunden können über die Internet-Seite des Unternehmens in einem von 400 Münchner Restaurants Essen bestellen – Deliveroo liefert und erhält im Gegenzug eine Provision. Wir sprachen mit Deutschland-Chef Felix Chrobog über den umkämpften Markt und das umstrittene Konzept, selbstständige Fahrradfahrer für die Auslieferung zu beschäftigen.

-Herr Chrobog, wie viel Umsatz und Gewinn hat Deliveroo vergangenes Jahr in Deutschland gemacht?

Die Zahlen veröffentlichen wir nicht. Anders als unsere Mitbewerber sind wir kein börsennotiertes Unternehmen. Und wir sind auch deswegen sehr vorsichtig, solche Zahlen zu veröffentlichen, da momentan sehr viel Konkurrenz in den Markt kommt.

-Ihr Unternehmen konkurriert mit dem Berliner Lieferdienst Delivery Hero und seiner Marke Foodora, genauso drängt das niederländische Unternehmen Lieferando nach Deutschland. Hinzu kommen lokale Anbieter und Pizzerien, die ihr Essen nach wie vor selbst ausfahren. Wie wollen Sie sich da behaupten?

Um unsere Marke bekannter zu machen, betreiben wir sehr viel Marketing. Interessanterweise verstehen die Kunden auch gerade wegen der Konkurrenz am Markt unser Produkt besser. Abgesehen davon ist der Markt für Essenslieferungen riesig und wird weiter wachsen. Da gibt es noch genug Platz für weitere Anbieter. Und für die Restaurants selbst lohnt sich die Zusammenarbeit: Dadurch gelingt es ihnen, bis zu 30 Prozent zusätzlichen Umsatz zu generieren.

-Trotzdem wurde zuletzt über eine Fusion zwischen Delivery Hero und Lieferando spekuliert. Warum wagt sich Ihr Unternehmen Deliveroo nicht aus der Deckung und übernimmt einen der Konkurrenten?

Solche strategischen Entscheidungen werden bei uns in London getroffen. Momentan sind wir aber nicht in der Phase, in der wir über eine Übernahme oder eine Fusion nachdenken. Wir sehen stattdessen eine sehr gute Entwicklung im eigenen Geschäft. Und das wollen wir auch weiter vorantreiben. Aber natürlich streben wir auch danach, langfristig einer der großen Spieler hier am Markt zu sein.

-Bei den Reise-Plattformen haben wir gesehen, dass mit booking.com am Ende praktisch nur noch ein Anbieter übrig geblieben ist. Droht der Lieferbranche langfristig ein ähnliches Szenario? Ihren Kunden kann es schließlich egal sein, von welchem Dienst das Essen geliefert wird – Hauptsache es schmeckt und ist warm.

Unsere Mitbewerber Lieferheld und Lieferando bieten ein Marktplatz-Konzept. Das heißt, sie vermitteln Restaurants und Lieferdienste. Bei solchen Marktplätzen sind die Margen deutlich geringer. Unser Modell unterscheidet sich davon: Wir haben damit begonnen, unsere eigene Logistik aufzubauen. Wir haben eine eigene Fahrerflotte und arbeiten mit unseren eigenen Restaurantpartnern zusammen. Wir sind mit Foodora, die ein Teil von Lieferheld sind, die einzigen Spieler auf dem Markt, die über eine eigene Lieferflotte verfügen – und da ist der Markt noch wahnsinnig groß.

-Aber wie wollen Sie es letztlich schaffen, sich von anderen Lieferdiensten zu unterscheiden?

Wir versuchen das, indem wir die besseren Restaurants auf unsere Plattform ziehen. Das gelingt uns, indem wir viel Geld in unsere Technologie investieren. Wir haben über die Jahre einen Algorithmus entwickelt, der uns hohe Effizienzsteigerungen ermöglicht hat.

-Algorithmus, das klingt sehr abstrakt. Können Sie das einmal ganz konkret erklären, was das System genau macht?

Durch die Weiterentwicklung der Technik ist unsere Auslieferung inzwischen schneller als noch vor ein paar Monaten. Aber auch in Zukunft streben wir weiter an, unseren Bestellprozess kontinuierlich zu optimieren, damit unsere Kunden ihr Essen anstatt der jetzigen rund 30 Minuten noch schneller geliefert bekommen.

-Wie wollen Sie das schaffen?

Durch den Algorithmus sehen wir, welcher unserer Fahrer gerade frei ist. Im Normalfall würde der Fahrer automatisch die Bestellung auf seiner App erhalten, um das Essen im Restaurant abzuholen und auszuliefern. Aber der Algorithmus macht etwas anderes: Es kann durchaus sein, dass der freie Fahrer die Bestellung nicht bekommt, weil er zwei Kilometer vom Restaurant entfernt ist. Der Algorithmus leitet die Bestellung lieber an einen Fahrer weiter, der zwar noch unterwegs ist, aber sich nur 200 Meter vom Kunden entfernt aufhält. Aus Erfahrungswerten weiß das System, dass er in wenigen Minuten frei sein wird. Der Algorithmus lernt auf diese Weise immer weiter. Er lernt, wie lange ein bestimmtes Restaurant für die Fertigstellung eines Gerichtes braucht und nennt dem Fahrer die exakte Uhrzeit.

-Wenn Sie schon über eine derart raffinierte Technik verfügen. Warum transportieren Sie eigentlich nur Essen? Amazon ist ins Geschäft mit Lebensmittellieferungen eingestiegen. Statt Pizza und Sushi könnten Ihre Fahrer doch auch Shampoo oder Salatköpfe ausliefern?

Sicher, wir haben weltweit 30 000 Fahrer. Wir wollen uns trotzdem weiterhin auf das Konzept Essen konzentrieren. Die Firma selbst gibt es ja erst seit 2013 – und in Deutschland gerade einmal seit zweieinhalb Jahren. Und mit unserem Editions-Konzept haben wir uns ja bereits weiterentwickelt.

-Was bedeutet das?

In vielen Ländern gibt es das Editions-Konzept bereits, zum Jahresende werden wir es in Deutschland einführen. Wir mieten eine große Fläche und bauen dort bis zu zehn Restaurantküchen ein. Wir erlauben unseren Restaurantpartnern, diese Küchen zu nutzen. Damit können sie ohne große Investitionen in neue Gegenden expandieren. Die Restaurants müssen lediglich die Köche und die Zutaten für ihre Essen stellen – die Küche selbst übernehmen wir – von der Miete bis zur Ausstattung.

-Ist das der erste Schritt, eigene Restaurants zu betreiben?

Nein, das ist nicht geplant. Beim Editions-Konzept nutzen wir vielmehr die Daten, die wir ohnehin haben. Wir wissen beispielsweise, in welchen Gegenden einer Stadt die Nachfrage nach japanischem Essen extrem hoch ist. Sofern es dort aber kein gutes japanisches Restaurant gibt, können wir einem beliebten japanischen Restaurant aus einem anderen Stadtteil anbieten, unsere Editions-Küche in der neuen Gegend zu nutzen. In London, Dubai und anderen Städten funktioniert das Konzept sehr gut.

-Ist das auch in München denkbar?

Definitiv. In Berlin wird das Konzept jetzt ausgerollt, München könnte folgen. Damit heben wir uns von der Konkurrenz ab. Und Sie können sich vorstellen, welche neuen Möglichkeiten das mit sich bringt. Beispielsweise könnte man die Kosten des Essens reduzieren.

-Will Deliveroo in der Münchner Großmarkthalle gebündelt einkaufen, um bessere Preise zu erzielen?

Das wäre eine denkbare Option. Wenn wir zehn Küchen in unserem Editions-Konzept haben und vielleicht langfristig mal die Nahrungsmittel einkaufen, können wird das bestimmt effizienter machen und damit die Preise für die Endkunden verringern.

-Eine zweite Möglichkeit, die Kosten zu reduzieren, ist das Sparen an den Personalkosten. Im vergangenen Jahr gab es heftige Kritik an der Vorgehensweise Ihres Unternehmens. Deliveroo wurde vorgeworfen, die Fahrer schlecht zu bezahlen, außerdem sei das Vergütungssystem intransparent. Haben Sie das inzwischen geändert?

Wir müssen sehr vorsichtig sein mit Aussagen wie einer schlechten Bezahlung der Fahrer. Daher sind wir auch im kontinuierlichen Austausch mit unseren Fahrern, um ein sicheres und gutes Arbeitsumfeld zu gewährleisten.

-Immerhin gab es vergangenes Jahr in Berlin einen Protestzug von Fahrern der Lieferdienste.

Wir hatten in Berlin eine Kundgebung von 60 Fahrern. Davon kamen fünf von Deliveroo, wobei zwei bereits gar nicht mehr für uns arbeiteten. Der Rest kam von anderen Unternehmen oder von der Gewerkschaft. Anders formuliert: 0,3 Prozent unserer Fahrer waren dort. Und da wir selbst Befragungen unter 450 Fahrern durchgeführt haben, wissen wir: 85 Prozent unserer Fahrer würden den Job weiterempfehlen.

-Erklären Sie einmal, wie Ihr Vergütungssystem genau funktioniert.

In Deutschland arbeiten wir mit zwei Modellen. Wir haben selbstständige Fahrer, die im Durchschnitt 16 Euro pro Stunde verdienen. Diese Fahrer bekommen eine Vergütung pro Auftrag, die liegt zwischen 5 Euro und 6,50 Euro. Die genaue Höhe hängt von der Stadt ab, in der man Essen ausfährt und davon, ob man mit dem Fahrrad oder dem Auto unterwegs ist. Während der Stoßzeiten kommen Verdienste von bis zu 20 Euro die Stunde durchaus vor. Die Fahrer wissen beispielsweise, dass es sich an einem Sonntagabend lohnt, im Zentrum Münchens unterwegs zu sein. Zusätzlich arbeiten festangestellte Fahrer für uns. Sie erhalten einen Lohn zwischen neun und zehn Euro. Die Selbstständigen arbeiten in Zonen, in denen das Bestellvolumen hoch ist. Angestellte arbeiten in Zonen, in denen ein niedrigeres Aufkommen ist.

-16 Euro in der Stunde mag auf den ersten Blick angemessen klingen. Man darf aber nicht vergessen: Die Fahrer nutzen ihr eigenes Fahrrad und da sie Aufträge nur über das Smartphone bekommen, brauchen sie nicht nur ein Gerät, sondern auch einen Handyvertrag mit entsprechendem Datenvolumen. Auch müssen Selbstständige die Versicherung aus eigener Tasche bezahlen und fürs Alter vorsorgen. Unterstützen Sie die Fahrer in diesen Punkten?

Inzwischen haben wir mit Fahrradwerkstätten und mit Telefonanbietern gute Konditionen für unsere Selbstständigen ausgehandelt. Das ist eine Seite. Auf der anderen Seite ist klar, dass man als Selbstständiger ein unternehmerisches Risiko trägt, wenn man für eine Stunde mal keinen Auftrag bekommt. Und das Fahrrad nutzen die Fahrer etwa 15 Stunden die Woche für Deliveroo, den Rest der Woche nutzen sie es privat oder für andere Anbieter.

-Was passiert, wenn ein selbstständiger Fahrer während seiner Arbeitszeit einen Verkehrsunfall hat und mehrere Wochen im Krankenhaus liegt?

Wir haben glücklicherweise bislang fast keine großen Unfälle gehabt. Wir können unseren Fahrern nur raten, eine Versicherung abzuschließen und einen Helm zu tragen. Vorschreiben können wir ihnen das aber nicht. Sonst könnte das heißen, es handele sich um ein Angestelltenverhältnis.

-Werden die Fahrer sanktioniert, wenn sie Aufträge ablehnen?

Überhaupt nicht. Die Selbstständigen verfügen über eine vollkommene Flexibilität darüber, wann sie arbeiten. Das wird auch sehr geschätzt. Unsere Fahrer können im Übrigen auch für die Konkurrenz fahren oder andere Kurierfahrten machen. Darauf nehmen wir keinen Einfluss.

-Wenn an einem Sonntagabend ein Engpass bei den Bestellungen droht: Passt der Algorithmus dann auch die Verkaufspreise an und versucht gleichzeitig mehr Fahrer ins System zu locken, indem ihr Tarif steigt?

Nein, das machen wir nicht. Vereinzelt kommt es aber immer wieder dazu, dass wir eine Zone für zehn Minuten schließen müssen, wenn wir ein hohes Bestellvolumen haben und die Fahrer komplett ausgelastet sind. Dann gibt es keine Bestellungen für die Kunden, auch um die Fahrer zu entlasten. Nach zehn bis fünfzehn Minuten öffnen wir die Zone dann wieder. Das ist nicht perfekt, aber das läuft sehr gut.

-Bislang ist Deliveroo in Metropolen wie München präsent. Wann werden Sie in Kreisstädte wie Garmisch-Partenkirchen oder Erding gehen?

Wir schauen uns natürlich alle Aspekte des Marktes immer genau an. Und es gibt noch viele Orte in Deutschland, wo wir expandieren können. Konkrete Pläne gibt es aber nicht, in kleinere Städte zu gehen. Dort ist die Auswahl an Restaurants begrenzt. Wir werden uns weiterhin auf Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern konzentrieren.

Interview: Sebastian Hölzle

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