Glücksspiel – ein Milliardengeschäft

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Jeder fünfte Bundesbürger nimmt nach Berechnungen des Handelsblatt Research Institutes an einer der staatlichen Lotterien teil. Gut acht Milliarden Euro geben die Teilnehmer in diesem Jahr für Lose oder Tippscheine aus. Dazu kommen noch rund 1,6 Milliarden Euro, die Spieler bei Sport- und Pferdewetten sowie in Casinos einsetzen. Am meisten Geld schlucken laut Studie mit 20 Milliarden Euro Geldspielautomaten. Bei nicht gesetzlich regulierten Spielen, die vor allem im Internet angeboten werden, schätzen die Autoren den jährlichen Umsatz auf rund 2,3 Milliarden Euro. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Sechs Richtige im Lotto, ein Royal Flush beim Poker oder die Gewinnzahl beim Roulette: Der Traum vom Hauptgewinn ist die Grundlage für einen Milliardenmarkt. Auch wenn bei den Glücksspielen in Deutschland die Chance auf schnellen Reichtum sehr gering ist.

lotto, Roulette und co.

von Wolfgang Mulke

Berlin – Die einen sprechen gerne vom Spiel des kleinen Mannes, der Ökonom eines großen Forschungsinstituts lieber von einer „Dummensteuer“. Die Rede ist vom Lottospiel. Wenig mehr als einen Euro kostet der Mindesteinsatz. Als Lohn winkt ein Millionengewinn. Doch die Wahrscheinlichkeit auf einen Haupttreffer, für den man sechs richtige Zahlen aus 49 möglichen sowie eine Superzahl zwischen eins und neun treffen muss, ist denkbar gering. Sie steht bei 1:144000000. Da ist es 15 Mal wahrscheinlicher, vom Blitz erschlagen zu werden. Drei Richtige, die etwa zehn Euro einbringen, tippen die Spieler statistisch betrachtet zwei Mal im Jahr.

„Es ist die Hoffnung auf den großen Gewinn, auf ein anderes Leben, sich einen Traum verwirklichen zu können“, erläutert Tilman Becker von der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim die Motivation, trotz geringer Aussichten auf Reichtum einen Tippschein abzugeben. Immerhin dienen die verlorenen Einsätze einer guten Sache. Die Lottogesellschaften fördern damit Kultur und Sport. Deshalb spricht der Ökonom von einer Art freiwilliger Steuerzahlung derer, die trotz der geringen Gewinnchance Geld für Lotto ausgeben. Immerhin 7,3 Milliarden Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für die Angebote des Lottoblocks aus.

Mit Systemen oder Zahlentüfteleien hoffen Spieler, dem Zufall auf die Sprünge helfen zu können. Doch das ist nach Ansicht des Mathematikers Karl Bosch vergeblich. Jede Kugel habe bei jeder Ziehung die gleiche Chance, gezogen zu werden. Rückschlüsse aus früheren Zahlenreihen ließen sich aber nicht ziehen. „Für eine statistische Auswertung sind von den fast 14 Millionen verschiedenen Tippreihen bisher viel zu wenige gezogen worden“, sagt Bosch.

Einen Ratschlag für Lottospieler hat der Wissenschaftler parat. Die Kreuze sollten möglichst ungleich auf dem Tippschein verteilt werden. „Alles, was schön aussieht, bringt schlechte Quoten“, stellt der Forscher fest. Der Statistiker hat seine Erkenntnisse in einem Buch veröffentlicht („Das aktuelle Lottobuch – So gewinnt man mehr“). Im Gegensatz zu den Glückszahlen selbst lässt sich die Höhe potenzieller Gewinne durchaus etwas beeinflussen. Die Gesamtsumme der Ausschüttung wird durch die Zahl der Gewinner geteilt. Es kommt also darauf an, Zahlenkombinationen zu tippen, die von anderen Spielern selten angekreuzt werden. Würden die Zahlen 1,2,3,4,5,6 ausgelost, würde es so viele Gewinner geben, dass jeder für den Sechser weniger als 1000 Euro bekäme, rechnet Bosch vor. Auch typische Geburtstagszahlen bringen schlechte Quoten.

Da haben es Casinobesucher leichter. Beim Roulette steht vorher fest, wie viel es gibt, wenn der Spielchip an der richtigen Stelle platziert wird. Liegt er auf „rot“ und die Kugel fällt auf eine rote Zahl, gibt es den doppelten Einsatz zurück. Doch auf lange Sicht sind die Roulettespieler auf der Verliererstraße. Dafür ist die Zahl Null verantwortlich. Fällt die Kugel darauf, sind alle Einsätze mit Ausnahme derer auf die Null selbst verloren. Das sichert der Spielbank einen dauerhaften Ertrag von rund 4,5 Prozent der Einsätze.

Eine theoretische dauerhafte Gewinnchance für den Spieler macht immer wieder die Runde. Wer rot oder schwarz setzt und den Einsatz nach einem Verlust verdoppelt, landet beim ersten Gewinn wieder im Plus. Doch diese Strategie hat zwei gravierende Probleme: Der Einsatz steigt schnell in astronomische Höhen. Wer mit zehn Euro beginnt, müsste beim zehnten Versuch schon 5120 Euro auf den Tisch legen. Zudem haben die Spielbanken die Höchsteinsätze begrenzt. Also auch beim Roulette haben die Spieler nur kurzfristig durch Glück eine Gewinnchance.

Mit einem simplen Trick hebeln die Casinos auch beim Kartenspiel Blackjack mögliche Siegstrategien der Spieler aus. Würde das Spiel nur mit einem Satz Karten ausgetragen, könnten sich die Teilnehmer, die schon ausgeteilten Blätter merken und daraus Wahrscheinlichkeiten für die letzten Karten im Spiel errechnen. Inzwischen wird Blackjack aber mit mehreren Kartensätzen gespielt. Der Spieler ist daher allein dem Glück ausgeliefert.

„Es geht darum, in die Köpfe der anderen hinein zu kommen“, erläutert der Ex-Profispieler Jan Heitmann seine Gewinnstrategie beim Poker. Die Wahrscheinlichkeiten, zum Beispiel mit zwei Assen oder einem Fullhouse die Mitspieler zu schlagen, lassen sich auf den einschlägigen Webseiten leicht nachlesen. Doch beim Poker sind Bluff und Nervenstärke zusätzlich gefragt. Das Glück spielt Heitmann zufolge nur kurzfristig die Hauptrolle. Bei vielen Spielrunden habe der schlechtere Spieler keine Chance gegen einen Profi, sagt der Experte. Ähnlich wie Unternehmen müsste der Spieler chancenarme Investitionen meiden und sich auf die chancenreichen konzentrieren.

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