Gefälschte Profile, intime Daten, teure Fallen

Echte Menschen findet man beim Online-Dating nicht unbedingt. Viele Portale arbeiten mit Fake-Profilen, also gefälschten Identitäten. Die passenden Fotos holen sich die Anbieter bisweilen einfach aus dem Internet. foto: panthermedia
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Echte Menschen findet man beim Online-Dating nicht unbedingt. Viele Portale arbeiten mit Fake-Profilen, also gefälschten Identitäten. Die passenden Fotos holen sich die Anbieter bisweilen einfach aus dem Internet. foto: panthermedia

Verbraucherschützer aus ganz Deutschland haben Online-Dating-Portale unter die Lupe genommen. Ihre Erkenntnisse übertreffen schlimmste Befürchtungen.

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von thomas magenheim-hörmann

München – Viele Partnerschaften werden heute im Internet geschlossen. Online-Dating ist gesellschaftlich weitgehend anerkannt. Ein Geschäft machen daraus im deutschsprachigen Raum rund 2500 Dating-Portale mit branchenweit mehreren hundert Millionen Euro Jahresumsatz, schätzen Experten. Zu denen zählt sich Susanne Baumer. Sie ist Teamleiterin beim Marktwächter Digitale Welt in der Verbraucherzentrale Bayern und schwer erschüttert. „Ich habe in einzelnen Fällen Probleme vermutet, aber nicht diese flächendeckende Massivität“, sagt die Verbraucherschützerin und Mitautorin einer Studie aller deutschen Verbraucherzentralen zu den Praktiken von Online-Dating-Portalen.

Sie stellt düsterste Ahnungen in den Schatten. Auf 37 Seiten werden dabei massive Missstände enthüllt von finanzieller Abzocke über im großen Stil eingesetzte Fakeprofile bis hin zu schlechtem Schutz höchst intimer Daten.

„Moderierter Dienst“ bedeutet bezahlte Mitarbeiter

Zugegeben wird das bisweilen sogar in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Portale, wenn auch oft versteckt und so formuliert, dass Verbraucher kaum verstehen können, welchen Praktiken sie sich unterwerfen. Als Beispiel nennt Baumer den Begriff „moderierter Dienst“, den manches Portal in seinen AGB ankündigt. „Das klingt doch erst mal gut und seriös nach Aufpasser, der dafür sorgt, dass ich im Internet nicht zum Freiwild werde“, sagt die Expertin. Dahinter würden sich aber bezahlte Mitarbeiter des Portals verbergen, die in dessen Auftrag gefälschte Profile (Fakes) anlegen, um Kontaktsuchende zu kostenpflichtigen Aktivitäten im Netz zu verleiten. „Binnen 15 Minuten Internetrecherche haben wir 150 Portale gefunden, die laut ihren AGB mit moderierten Diensten arbeiten“, erklärt Baumer.

Die Verbraucherschützer können das mit Screenshots entsprechender Seiten belegen, wobei das Internet auch in dieser Hinsicht schnelllebig ist. „Manchmal untersuchen wir ein Portal und nach einem halben Jahr gibt es das nicht mehr“, sagt die Internetexpertin zu einem der grundsätzlichen Probleme bei der Bekämpfung der Unsitten. Grundsätzlich seien AGB auch erst einmal legal, bis jemand erfolgreich dagegen klagt. Das kostet Zeit und Geld. Beides haben die Verbraucherschützer nur in überschaubarem Umfang. 4000 bis 10 000 Euro koste es im Schnitt, einen Fall vor Gericht zu bekommen, sagt Baumer. Am liebsten würde sie die 10 bis 20 krassesten Fälle vor den Kadi zerren. Mehr als zwei Klagen parallel seien aber nicht drin.

In zwei Fällen seien Abmahnungen an Portalbetreiber schon erfolgreich gewesen. So habe sich das Datingportal Kissnofrog per AGB das Recht zugesprochen, alle Profile über normale Suchmaschinen auffindbar und abrufbar zu machen. Dieser Passus sei nun verschwunden, sagt Baumer. Ob man Portaldaten wirklich nicht mehr googeln kann, werde gerade nachgeprüft. Die zweite Abmahnung traf das Erotikportal Lovepassions, das per AGB erklärt hatte, dass alle (!) weiblichen Profile moderiert sind, also gefälscht. Zugleich wurde damit geworben, dass man „Singles von nebenan“ kontaktieren könne, was von den Verbraucherschützern als unlautere Werbung beanstandet wurde.

Unterhaltungswert hat der Screenshot von Lovepassions allerdings. Um den Mangel an Frauen oder Männern auszugleichen, „setzen wir immer wieder mal Controller ein, welche unter anonymen Schein-accounts Dialoge führen“, heißt es dort. Das sei „ähnlich wie bei Tanzschulen oder Kreuzfahrtreisen“. Die Controller seien Studenten und Studentinnen. Extra gekennzeichnet seien die Fakeprofile nicht. Möglicherweise sind Portale, die offen einräumen, mit falschen Profilen zu arbeiten, nicht die schlimmsten. Verbraucherschützer vermuten, dass andere das im Verborgenen tun, was nur dann ans Tageslicht kommt, wenn ein Mitarbeiter plaudert oder eine Plattform gehackt wird wie das kanadische Seitensprungportal Ashley Madison. Danach mussten die Betreiber die Scheinexistenz von 70 000 weiblichen Fake-Profilen zugeben.

Ein heimisches Portal, für das gerade eine Abmahnung in Arbeit sei, räume sich per AGB das Recht ein, unter dem Namen eines Kunden Nachrichten zu schreiben, beschreibt Baumer einen weiteren krassen Fall. Andere würden sich vorbehalten, die Daten von Nutzern weiterzugeben oder sie auf einer anderen Webseite zu veröffentlichen. Dabei handelt es sich um sensible Angaben wie politische Einstellung, Trinkgewohnheiten, Religionspraxis oder erotische Vorlieben.

Speziell bei Partnervermittlungen im Internet sei es darüber hinaus ein verbreitetes Hauptproblem, dass es Kontaktsuchenden unverhältnismäßig erschwert werde, aus Verträgen wieder herauszukommen oder bei einem Widerruf ungewöhnlich hohe Summen verlangt würden, erklärt Baumer. Einmal werde verlangt, per E-Mail zu kündigen, wobei es nicht einmal im Impressum eine E-Mail-Adresse gibt. Ein anderes Mal werden Links zur Kündigung erst dann zugeschickt, wenn Fristen dazu abgelaufen sind.

Auf Kündigung wird oft per Inkassobüro reagiert

Oft werde auf Kündigungen gar nicht oder per Mahnung durch ein Inkassobüro reagiert. Ersatzforderungen bei Widerruf nach acht Tagen können schon mal 258 Euro bei sechs zustande gekommenen Kontakten betragen. Dazu kommen Abofallen speziell bei Erotikportalen. Aus Probe-abos werden dann ohne weitere Information kostenpflichtige Premiumabos, wobei Summen von 600 Euro jährlich keine Seltenheit sind. Allgemein stünden zweifelhafte AGB-Klauseln im Vordergrund, sagen die Verbraucherschützer. „Tatsächlich gibt es kein einziges Portal, das keine bedenklichen Klauseln verwendet“, stellt ihre Studie fest. Eine Nachfolgerstudie ist in Arbeit. Sie wird 2018 veröffentlicht.

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