Französischer Autor räumt in den USA ab

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Der Franzose Thomas Piketty ist in den USA der Ökonom der Stunde. Ausgerechnet mit einer Kapitalismuskritik sorgt der 43-Jährige in der Hochburg der freien Marktwirtschaft für Furore. Doch folgt auf dem Höhenflug der Absturz?

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Der Franzose Thomas Piketty ist in den USA der Ökonom der Stunde. Ausgerechnet mit einer Kapitalismuskritik sorgt der 43-Jährige in der Hochburg der freien Marktwirtschaft für Furore. Doch folgt auf dem Höhenflug der Absturz?

Von Hannes Breustedt und Marco Mierke

Washington – Die Bestsellerliste für Bücher beim US-Versandriesen Amazon besteht in der Regel aus Krimis, Kinderbüchern und manch kitschigem Roman. Doch weit vorne mit dabei ist schon seit Wochen wie ein Fremdkörper auch ein 700 Seiten dickes Fachbuch voller Wirtschaftsdaten. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat ausgerechnet in der Hochburg der freien Marktwirtschaft mit einer wissenschaftlichen Kapitalismuskritik einen Riesenerfolg gelandet. Amerikas Linksliberale und Intellektuelle haben einen neuen Helden.

Piketty hätte kein besseres Erscheinungsdatum für ein Buch über soziale Ungleichheit wählen können, denn das Thema trifft in den USA den Nerv der Zeit. Spätestens seit Präsident Barack Obama die Kluft zwischen Arm und Reich 2012 in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes stellte, ist der Streit über Steuererhöhungen für Wohlhabende, über Finanzhilfe für Arbeitslose und die Rolle des Staates im Kampf gegen ökonomische Ungerechtigkeit neu entbrannt. Auf dieser Welle schaffte es Piketty von seiner Pariser Studierstube in Amerikas Wohnzimmer.

Die Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und Joseph Stiglitz, beide selbst Verfechter des Sozialstaates, überschlagen sich vor Lob. „Capital in the Twenty-First Century“ (Kapital im 21. Jahrhundert) sei das wichtigste Wirtschaftsbuch des Jahres, schrieb Krugman in der „New York Times“. „Vielleicht des Jahrzehnts“, ergänzte er gar. Ob beim Internationalen Währungsfonds IWF oder bei US-Finanzminister Jack Lew – Piketty ist in Washington ein beliebter Gast.

Dabei ist seine These keineswegs neu: Reichtum konzentriert sich an der Spitze der Gesellschaft, also dort, wo er ohnehin schon reichlich vorhanden ist, schreibt er und liefert lange Datenreihen als Beweis. Weil die Kapitalrendite historisch fast immer größer sei als das reale Wirtschaftswachstum, vermehre sich Vermögen schneller als Arbeitseinkommen – und so werde das normale Volk mehr denn je von den oberen ein Prozent abgehängt.

Tatsächlich hatte schon Karl Marx in seinem 1867 veröffentlichten Opus Magnum „Das Kapital“ versucht zu belegen, dass die Reichen im Kapitalismus immer reicher werden. Und heute verdienen einzelne Finanzmanager mehr, als ganze Volkswirtschaften erwirtschaften. In Frankreich, wo das Werk schon Monate vor Veröffentlichung der englischsprachigen Fassung herauskam, erzielte Piketty mit der wenig innovativen These somit auch kaum Aufmerksamkeit. Über seinen Erfolg in den USA reibt man sich daheim ein wenig verdutzt die Augen.

Dabei ist die These des Professors nicht einmal unumstritten. Vor allem der letzte Teil seines Werks, in dem Piketty der Politik konkrete Handlungsempfehlungen gibt, erntete viel Kritik. Er will die Vermögen weltweit rigoros besteuern und umverteilen – marktliberale Volkswirte werfen ihm deshalb vor, Wissenschaft mit Ideologie zu vermischen. Überraschend sind solche Reaktionen natürlich nicht: Ökonomen kommen sowieso fast nie auf einen gemeinsamen Nenner, wenn es um praktische Lösungen für Probleme geht.

Schwerer dürfte für Piketty aber der jüngst von der „Financial Times“ erhobene Vorwurf wiegen, er habe unsauber gearbeitet. Rechenfehler und Übertragungspannen aus einer Excel-Tabelle will die Zeitung aufgedeckt haben. Einige Ergebnisse von Pikettys Analyse stellt die „FT“ sogar unter den Verdacht, „aus der Luft gegriffen“ zu sein. Der Ökonom reagierte rasch und wies die Kritik zurück: Er habe zwar zum Zwecke der Vergleichbarkeit einige Anpassungen an den Daten machen müssen, das aber auch nie verheimlicht. Schließlich habe er sein Material für jedermann öffentlich zugänglich gemacht.

Dennoch – wer hoch steigt, kann auch tief fallen. Seit Tagen ziehen Fachmedien die Aussage des neuen ökonomischen Rockstars in Zweifel. Ob das unterstellte Malheur überhaupt etwas an der Grundaussage ändern würden, dass die Einkommens- und Vermögensschere weltweit immer weiter auseinanderklafft, bleibt hingegen zu klären. Die Zeitung habe ein paar „Zahlenfehler“ gefunden, die in der Gesamtbetrachtung wohl nicht sonderlich ins Gewicht fielen, verteidigte Krugman in der „New York Times“ seinen neuen Liebling.

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