Flüchtlings-Integration: Wo Bayern steht

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48 000 Menschen mit Fluchthintergrund haben in Bayern seit Herbst 2015 einen regulären Job angenommen, 7000 eine Ausbildung – viele davon in einem Handwerksberuf. Foto: Stefan Puchner/dpa

Zwei Jahre sind vergangen, seit Politik und Wirtschaft in Bayern einen Pakt geschlossen haben. 60 000 Flüchtlinge sollten bis 2019 in den Arbeitsmarkt integriert werden. Was die Zahlen angeht, sieht es zur Halbzeit gut aus, allerdings herrscht in vielen Betrieben erhebliche Verun- sicherung.

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von manuela dollinger

München – Ob auf dem Bau oder in der Pflege: In Bayern arbeiten mittlerweile zehntausende Flüchtlinge. Um genau zu sein, haben knapp 48 000 Menschen mit Fluchthintergrund in den vergangenen zwei Jahren einen regulären Job in Bayern angenommen. Das geht aus aktuellen Zahlen der Bayerischen Staatsregierung hervor. Sie hat im Oktober 2015 gemeinsam mit der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), dem Bayerischen Handwerkstag (BHT), dem Bayerischen Industrie- und Handelskammertag (BIHK) und der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit einen Pakt geschlossen. Ziel der „Initiative durch Ausbildung und Arbeit“: Bis 2019 sollten 60 000 Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden.

„Seit dem Abschluss unserer Initiative konnten 117 880 Flüchtlinge in Praktika, Ausbildung und Arbeit integriert werden“, erklärt Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aig-ner (CSU) bei der Vorstellung der Halbzeitbilanz in München. Mit 48 000 regulären Jobs sei das Ziel von 60 000 Arbeitsmarktintegrationen bis 2019 bereits jetzt zu mehr als drei Viertel erreicht. Zu den 48 000 sozialversicherungspflichtigen Jobs kommen 7000 Flüchtlinge, die eine Ausbildung aufgenommen haben, und knapp 63 000 Praktika. Damit leiste Bayern mehr als jedes andere Bundesland bei der Flüchtlingsintegration.

Möglich sei das auch aufgrund der guten Lage auf dem bayerischen Arbeitsmarkt, so Bayerns Arbeitsministerin Emilia Müller (CSU). Allerdings hätten die meisten der Flüchtlinge bisher Helferjobs angenommen, bei denen man mehr verdiene als während einer Berufsausbildung, räumt Müller ein. Hier müsse man noch Überzeugungsarbeit leisten.

Im Rahmen der Initiative wurde ein Paket mir rund 40 Projekten geschnürt – zur Sprachförderung, Berufsorientierung, zur Anerkennung von Berufsabschlüssen, zur Beratung der Unternehmen und zur Unterstützung der Flüchtlinge in den Betrieben.

Die aktuellen Zahlen der Kammern in Bayern zeigen, welchen Stellenwert vor allem junge Leute mit Fluchthintergrund in den Betrieben mittlerweile haben. So haben im Handwerk über 1700 Flüchtlinge 2017 einen Ausbildungsvertrag unterzeichnet – 6,4 Prozent aller neu abgeschlossenen Verträge. „Insgesamt bildet das Handwerk in Bayern derzeit 2580 Flüchtlinge aus, das sind 3,6 Prozent unseres Gesamtbestands an Lehrlingen“, so BHT-Präsident Franz Xaver Peteranderl. Ähnlich stellt sich die Lage im Bereich von Industrie, Handel und Dienstleistung dar. „Ohne Flüchtlinge hätten wir im IHK-Bereich ein Minus von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr“, erklärt BIHK-Präsident Peter Driessen.

Vor diesem Hintergrund appellieren die Kammern auch an Staatsregierung und Behörden, „bürokratische Hürden abzubauen, wo es möglich ist, und frühzeitig Rechtssicherheit für Betriebe zu schaffen, die einen Flüchtling einstellen möchten“, so Peteranderl. Denn in vielen Betrieben herrscht Unsicherheit hinsichtlich einer Arbeitserlaubnis und der Bleibeperspektive.

Grundsätzlich greift in Bayern die 3+2-Regelung, nach der jeder junge Mensch mit Fluchthintergrund, der einen Ausbildungsvertrag in der Tasche hat, bleiben kann – während der Ausbildung und zwei Jahre danach. Insbesondere seit Afghanistan als sicheres Herkunftsland eingestuft wurde, erhalten dennoch vermehrt Azubis aus Afghanistan Post vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ihr Asylbescheid wird abgelehnt. „Sie dürfen aber dennoch bleiben, wenn die 3+2-Regelung greift“, betont Aigner.

Ebenfalls junge Leute aus Afghanistan betrifft eine andere Regelung, die in Bayern seit einigen Monaten greift: Sie dürfen von den Berufsberatern der Kammern in den Berufsintegrationsklassen nicht mehr beraten werden. Auch hier ist der Grund die Einstufung als sicheres Herkunftsland, entsprechend gering die Bleibeperspektive. „Allerdings sind fast die Hälfte der Flüchtlinge in den berufsvorbereitenden Berufsschulklassen Afghanen“, so IHK-Chef Driessen. Die Anerkennungsquote von Afghanen liege zudem weiter bei über 40 Prozent. „Es ist unverständlich, die zum Großteil ausbildungs- und arbeitsfähigen Flüchtlinge zum Nichtstun zu verdammen“, so Driessen. Er fordert deshalb, die entsprechende Richtlinienänderung in Bayern wieder zurückzunehmen. Zusätzlich macht sich Driessen für eine Stichtagsregelung stark. Für Flüchtlinge, die beruflich qualifiziert sind und bereits seit geraumer Zeit in berufsvorbereitenden Klassen oder in Ausbildung, soll der Weg zu einem gesicherten Aufenthalt frei gemacht werden.

Ob die Vorschläge der Kammern in der Politik Gehör finden, wird sich zeigen. Dort räumt man ein, dass es in bestimmten Punkten „Zielkonflikte“ gebe. Festlegen will man sich aber nicht, wie man diese lösen könnte.

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