Facebook als Vorbild für Morphosys

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biotechnologie . Martinsried – Das Biotechnologie-Unternehmen Morphosys aus Martinsried bei München gilt als das Vorzeigeunternehmen in der bayerischen Biotech-Branche.

Und das, obwohl die Firma auch 24 Jahre nach ihrer Gründung noch kein Medikament auf den Markt gebracht hat. Momentan stecken die Martinsrieder sogar in den roten Zahlen. Für Simon Moroney, Gründer und bis heute Chef von Morphosys, ist das allerdings kein Grund zur Sorge. Er rechnet in nicht allzuweiter Ferne mit Gewinnen und macht sich gerade daran, Morphosys in einen Pharmakonzern zu verwandeln.

-Herr Moroney, Ihr Unternehmen steckt in den roten Zahlen. Sie wirken allerdings ganz entspannt. Bereitet Ihnen das keine Kopfschmerzen?

Nein. Das war so geplant und basiert auf unseren gestiegenen Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Wir werden hier wie geplant in diesem Jahr zwischen 76 und 83 Millionen Euro investieren. Außerdem haben wir gerade über eine Kapitalerhöhung 115 Millionen Euro erlöst, die uns strategisch weiter stärken und nun zusätzlich in die Entwicklung unserer Pipeline fließen können. Um in unserem Bereich erfolgreich zu sein, ist das in dieser Höhe notwendig. Die Medikamentenentwicklung ist ein teures Geschäft. Mich überrascht es immer wieder, welch großes Thema es in Deutschland ist, wenn ein Unternehmen rote Zahlen schreibt. In den USA ist das völlig anders. Über 90 Prozent der amerikanischen Biotech-Unternehmen schreiben rote Zahlen. Wenn wir dort mit Investoren sprechen, reden wir nicht über Finanzergebnisse. Das ist gar kein Thema.

-Im Frühjahr haben Sie angekündigt, noch 2016 könnte das erste Medikament aus dem Hause Morphosys auf den Markt kommen. Das Jahr ist bald um. Wie sieht es aus?

Da ging es um Bimagrumab, einen Wirkstoff zur Stärkung des Bewegungsapparats und gegen Muskelschwäche, den unser Partner Novatis entwickelt. Anders als erwartet, gab es leider einen Misserfolg in einer Phase-III-Studie. Bimagrumab ist aber nicht völlig tot. Es laufen weiterhin zwei Phase-II-Studien. Allerdings wird es bis zu einer Marktzulassung hier noch länger dauern.

- Ein zweiter Wirkstoff, den einer Ihrer Partner entwickelt, galt als aussichtsreich: Guselkumab, ein Mittel gegen Schuppenflechte. Wie sieht es hier aus?

Hier sieht es sehr gut aus. Die Ergebnisse der klinischen Phase-III-Studie, die wir vor einigen Wochen erhalten haben, waren positiv. Die Mehrheit der Patienten, die an Schuppenflechte litten, hatte nach ein paar Monaten reine oder fast reine Haut. Ein weiterer Vorteil von Guselkumab – im Vergleich zu anderen Wirkstoffen – ist, dass es nur einmal alle zwei Monate verabreicht werden muss. Es ist keine Infusion nötig, der Patient kann sich den Wirkstoff über einen Stift selbst verabreichen – so ähnlich wie bei Diabetes. Wir erwarten, dass Guselkumab nächstes Jahr auf den Markt kommt. Unser Partner Janssen hat vergangene Woche die Zulassung beantragt.

-Was heißt das für Sie?

Wir werden dann über Tantiemen im mittleren einstelligen Prozentbereich am Umsatz beteiligt. Schätzungen zufolge könnte das Medikament in der Spitze rund eine Milliarde Euro Umsatz pro Jahr machen. Tantiemen sind für uns reiner Gewinn, weil wir keine Kosten haben. Es geht also um viele Millionen.

-Was würden Sie mit dem Geld machen?

Wir wollen weiter in Forschung und Entwicklung investieren – vor allem in unsere eigenen Programme, die wir momentan ohne Partner entwickeln. Aber wie viel und in welche Bereiche genau, steht noch nicht fest.

- Sie haben momentan mehr als 100 Wirkstoffe in der Entwicklung. Wie viele entwickeln Sie mit Partnern, wie viele auf eigene Faust?

Insgesamt haben wir mehr als 100 Wirkstoffe in der Pipeline, 28 davon sind in der klinischen Entwicklung. Das Verhältnis ist dabei etwa sieben zu eins – also auf sieben Partnerprogramme kommt ein Programm, das wir alleine entwickeln.

-Welche Programme, die Sie selbst entwickeln, sind momentan besonders aussichtsreich?

Das sind die Programme MOR 208 und MOR 202. Bei MOR 208 geht es um Blutkrebs – um das diffuse großzellige B-Zell-Lymphom und chronische lymphatische Leukämie, um genau zu sein. Wir testen MOR 208 gerade in Kombination mit Bendamustin, einem klassischen Chemotherapie-Medikament, und hoffen, dass unsere Kombination zum einen sicher und gut verträglich ist, und zum anderen besser als die der Konkurrenz. Im nächsten Jahr wollen wir hier die dritte und entscheidende klinische Studienphase beginnen. Sind die Ergebnisse positiv, könnte MOR 208 bis 2020 auf den Markt kommen. MOR 202 ist ein Antikörper für die Behandlung des multiplen Myeloms – die häufigste Form von Knochenmarkkrebs– und bestimmter Leukämien. Hier bekommen wir 2017 Ergebnisse aus einer Phase-I/II-Studie. Bisher sieht es gut aus.

-Sie wollen künftig vor allem durch die Entwicklung eigener Wirkstoffe wachsen – ohne Partner. Sie haben sogar angekündigt, die Vermarktung selbst in die Hand nehmen zu wollen. Das klingt mehr nach einem Pharmakonzern als nach einem Biotechnologie-Unternehmen.

Ja. Wir verändern uns in ein Biopharma-Unternehmen. Aber das ist eine ganz normale Entwicklung. Nur so kann man in unserem Bereich wachsen. In den USA gibt es dafür viele Beispiele.

-Wie sehen das Ihre Partner aus der Pharma-Industrie, denen Sie damit künftig Konkurrenz machen?

Sie wissen, dass wir in diese Richtung gehen müssen. Außerdem sind alle Programme so vereinbart, dass wir hier nicht konkurrieren. Die Zielmoleküle sind exklusiv, es gibt also keine direkte Konkurrenz.

-Haben Sie bereits begonnen, einen eigenen Vertrieb aufzubauen?

Wir haben noch keine Vertriebsleute eingestellt. Aber wir haben eine kleine Gruppe, die Vorbereitungen trifft. Wir wollen zunächst nur in Europa unsere eigenen Wirkstoffe selbst vermarkten – zum Beispiel MOR 208. Dafür reichen rund 50 Vertriebsleute. Die werden wir aber erst einstellen, wenn es soweit ist – also kurz vor der Markteinführung eines Medikaments. Jetzt geht es darum, Kontakte aufzubauen und Ärzte und Agenturen davon zu überzeugen, dass unsere Medikamente die Zukunft sind. Um weiter wachsen zu können, ziehen wir außerdem gerade innerhalb von Planegg um. Momentan hat Morphosys 350 Mitarbeiter – in den neuen Räumen ist Platz für mehr als 450.

- Und wann wird Morphosys Gewinn machen?

Da geben wir keine Prognosen ab. Das Wichtigste für uns ist eine breite, fortgeschrittene Pipeline. Wir verfolgen da eine ähnliche Philosophie wie große Internet-Firmen wie Facebook. Dort lag der Fokus zunächst darauf zu investieren, um so viele Nutzer wie möglich zu bekommen, aus denen man später Kapital schlagen konnte, zum Beispiel durch Verkauf von Werbung. Bei uns geht es zunächst darum, so viele neue Medikamente wie möglich zu entwickeln, ohne die eigenen Einnahmen in den Mittelpunkt zu stellen. Später ergeben sich Wege, damit Geld zu verdienen: etwa durch Verkaufserlöse oder Lizenzeinnahmen. Oft reicht schon ein eigenes zugelassenes Medikament aus, um die Gewinnzone zu erreichen. Ob das in vier, fünf oder sechs Jahren passiert, ist nicht so entscheidend. Wenn es soweit ist, werden die Umsätze nicht langsam steigen, sondern sprunghaft. Das ist in unserer Industrie möglich.

Interview: Manuela Dollinger

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