Erste Konzerne fliehen aus Katalonien

Nach dem Referendum will Katalonien schon bald seine Unabhängigkeit ausrufen. Was bedeutet der Schritt für die Wirtschaft im Land? Und welche Auswirkungen hätte die Unabhängigkeit auf deutsche Firmen?

streben nach Unabhängigkeit

Barcelona/Madrid – In der Katalonienkrise erhöht die spanische Regierung den wirtschaftlichen Druck auf die Regionalregierung. Das Wirtschaftsministerium kündigte am Freitag an, Unternehmen die Verlegung ihres Firmensitzes erleichtern zu wollen. Zuvor hatte bereits die Großbank Banco Sabadell die Verlegung ihres Unternehmenssitzes aus Katalonien angekündigt; Furcht vor einer weiteren Eskalation herrschte auch bei Kunden der Geldhäuser.

Mit dem Dekret zur einfacheren Verlegung des Firmensitzes reagiere die spanische Regierung auf Nachfragen aus der Wirtschaft angesichts von „Schwierigkeiten“ für den normalen Betrieb „in Teilen des nationalen Territoriums“, erklärte das Wirtschaftsministerium in Madrid. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der wohlhabenden Region, in der rund ein Fünftel des gesamten spanischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet wird, haben das Land in seine schwerste Krise seit Jahrzehnten gestürzt. Die Zentralregierung will eine Abspaltung Kataloniens unbedingt verhindern, die Fronten sind verhärtet.

Angesichts der Krise waren die Aktienkurse des Geldhauses Banco Sabadell – der zweitgrößten Bank in Katalonien und fünftgrößten in Spanien – in dieser Woche um rund zehn Prozent abgestürzt. Am Donnerstag reagierte das Geldinstitut darauf mit der Ankündigung, seinen Firmensitz zu verlegen. Daraufhin erholten sich die Kurse um mehr als sechs Prozent. Die CaixaBank – Nummer eins in Katalonien und Nummer drei in Spanien – kündigte für Freitag eine Sitzung des Aufsichtsrats an, bei der über eine mögliche Verlegung des Firmensitzes beraten werden sollte.

Bankkunden in Katalonien äußerten sich besorgt. „Die Leute haben Angst, dass sie sich auf einmal ohne Arbeit wiederfinden oder bei den Banken kein Geld mehr bekommen“, sagte die 63-jährige Asunción García, die ihre Ersparnisse bei der CaixaBank deponiert hat. In ihrem Bekanntenkreis gebe es viele, die alle nicht notwendigen Ausgaben aufschöben, solange unklar sei, wie sich die Situation weiter entwickeln werde.

Nach dem Referendum vom vergangenen Sonntag will Katalonien möglicherweise schon bald seine Unabhängigkeit von Spanien ausrufen – und wäre dann nach offizieller Brüsseler Lesart nicht mehr EU-Mitglied.

Für deutsche Unternehmen ist Katalonien die wirtschaftlich wichtigste Region in Spanien. Knapp tausend deutsche Firmen haben laut Regionalregierung eine Niederlassung in der nordspanischen Region. Insgesamt gibt es dem Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) zufolge etwa 1600 deutsche Unternehmen in ganz Spanien. Deutschland exportierte 2015 Waren im Wert von etwa 14 Milliarden Euro nach Katalonien, das entspricht fast 40 Prozent aller Exporte nach Spanien. Besonders gefragt waren Fahrzeuge. Umgekehrt importierte Deutschland Waren im Wert von 7,5 Milliarden Euro, ebenfalls hauptsächlich Autos.

Durch die Abspaltung von Spanien würde Katalonien wahrscheinlich aus der Europäischen Union ausscheiden. Damit verlöre die Region den Zugang zum europäischen Binnenmarkt, der viele Vorteile für Unternehmen hat, etwa Zollfreiheit und Freizügigkeit innerhalb der EU. Wie stark es die Firmen treffen würde, kommt aber auf die zukünftigen Beziehungen eines katalanischen Staats zur EU an, die heute niemand vorhersehen kann. Der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Volker Treier, erklärte: „Bei einer Abspaltung droht große Rechtsunsicherheit.“

Nach der Ratingagentur Standard & Poor’s warnte am Donnerstag auch Fitch, die Kreditwürdigkeit der Region im Nordosten Spaniens könnte weiter herabgestuft werden. Als Grund gab die Agentur „unvorhersehbare Ereignisse“ in Katalonien an, womöglich sogar „Störungen“ beim Finanzzugang für die Region. Die Kreditwürdigkeit Kataloniens bei Fitch ist bereits auf die spekulative Kategorie „BB“ abgesunken.

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