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Erdwärme lässt im Frühling Tomaten reifen

Josef Steiner ist Gemüsebauer – und er produziert im ganz großen Stil: Fünf Millionen Kilo Tomaten im Jahr kommen aus Deutschlands größtem mit Erdwärme geheizten Gewächshaus im oberbayerischen Kirchweidach.

mittelstand im blickpunkt: Gemüsebau Steiner

Josef Steiner ist Gemüsebauer – und er produziert im ganz großen Stil: Fünf Millionen Kilo Tomaten im Jahr kommen aus Deutschlands größtem mit Erdwärme geheizten Gewächshaus im oberbayerischen Kirchweidach.

von martin botz

Kirchweidach – Helles, diffuses Licht, angenehme 20 Grad und überall wachsen Tomaten. Es ist Winter in Oberbayern, draußen herrscht seit Tagen Frost. In knapp zwei Monaten wird man hier in Kirchweidach im Gewächshaus der Gemüsebau Steiner GmbH mit der Tomaten- und Paprika-Ernte beginnen. Vor November werden die rund 80 Mitarbeiter damit nicht aufhören. Fünf Millionen Kilo Früchte will das Unternehmen heuer ernten; genug um die bayerischen Rewe-Märkte mit regional erzeugter Ware zu versorgen.

Nach dem Betriebsstart 2014 beginnt derzeit gerade das erste reguläre Betriebsjahr in den Gewächshäusern. Sie stehen auf einer Fläche von 11,8 Hektar. Das ist groß genug, um etwa die Münchner Allianz Arena zweimal darauf zu setzen – inklusive großzügiger Wendeflächen für die Mannschaftsbusse. Der Österreicher Josef Steiner (55) ist über eine Verwaltungsgesellschaft Geschäftsführer des Unternehmens. Seine Familie betrieb immer schon Gartenbau – keine 50 Kilometer vom heutigen Firmensitz entfernt.

„Ich hab mich schon eine ganze Weile für den Tomatenanbau im großen Stil interessiert“, sagt er. So machte er sich vor einigen Jahren auf die Suche nach geeigneten Flächen in Bayern. Denn erst ab sechs Hektar, so Steiner begänne sich die Investition in Anlagen und Technik zu rechnen. Und er begann mit der Suche nach einem Partner, der ihm die nötige Energie günstig zur Verfügung stellen kann. „Heute ist eigentlich jedem klar, dass man derartig große Flächen nicht mehr mit fossilen Trägern heizen kann“, sagt Steiner. Er lotete zunächst bei Müllheizwerken und Chemieunternehmen in der Region aus, ob dort genügend Wärme für seinen Betrieb abfallen könnte.

Heizen mit Wärme aus der Tiefe

In Kirchweidach hatte er Glück. Die Regensburger Geoenergie Bayern GmbH – ein Unternehmen hinter dem das Geld eines britischen Investmentfonds steckt – plante keine 500 Meter vom heutigen Standort des Gewächshauses ein Erdwärmekraftwerk und war bereit, das über 100 Grad warme Wasser, das aus dem Bohrloch sprudelte, den Gemüsebauern zur Verfügung zu stellen. Zudem nutzt der Betrieb heute die Restwärme aus dem Nahwärmenetz der Gemeinde Kirchweidach – das ebenfalls mit dem Geothermiewasser gespeist wird. Das Heizhaus mit den beiden Ersatz-Ölheizkesseln und der Übergabestation bauten und betreiben Gemeinde und Unternehmen gemeinsam und teilen sich die Kosten. Auf 17,5 Millionen Euro veranschlagt Steiner die Investitionen in den gesamten Betrieb. 12 Millionen Euro stellten Banken. Den Rest teilte sich Steiner mit fünf weiteren Gesellschaftern. Der Vertrieb wird über das genossenschaftliche Unternehmen vitfrisch organisiert, das sich auf die Vermarktung regionalen Gemüses spezialisiert hat. Von dort wurde Steiner auch die Rewe-Handelsgruppe vermittelt – der wichtigste Absatzpartner.

Milben halten Insekten in Schach

Rewe kann mit dem Kirchweidacher Gemüse in seinen Märkten regionale und CO2-neutral erzeugte Produkte anbieten. Durch den Verzicht auf eine Ölheizung spart das Unternehmen 10,2 Millionen Kilo CO2 im Jahr ein. Außerdem belasten etwa 300 000 Lkw-Kilometer weniger die Öko-Bilanz.

Gegen Schädlinge geht Steiner fast nur ökologisch vor. Noch bevor die ersten Tomaten geerntet werden können, züchten Mitarbeiter auf speziellen Gräsern und Nährböden Milben und andere Nützlinge, die später die Schadinsekten in Schach halten sollen. Die Blüten werden von Hummeln bestäubt. Die Pflanzen wachsen auf einem Kokossubstrat, das in Sri Lanka beim Anbau von Kokosnüssen abfällt und am Ende des Kirchweidacher Vegetationsjahres von den Bauern als Dünger ausgebracht werden kann. Sogar das Regenwasser, das übers Jahr auf die Gewächshausdächer prasselt, wird in einem riesigen Außenbecken aufgefangen und deckt damit vollständig den Wasserbedarf des Unternehmens. Restwasser aus den Kulturen wird gesammelt, desinfiziert und wieder in den Bewässerungskreislauf zurückgepumpt.

Eine Photovoltaikanlage auf den Betriebsgebäuden liefert übers Jahr bald drei Viertel des Bedarfs an elektrischer Energie. Die Gemeinde bezeichnet das Projekt als Win-Win-Situation für den Ort. Selbst über die enormen Gewächshausflächen hätte sich bisher noch niemand beschwert. Grund dafür war sicher auch, dass Josef Steiner lange vor der eigentlichen Bauphase in Bürgerversammlungen und vor dem Marktgemeinderat für das Kirchweidacher Tomatengewächshaus warb. Heute ist es eine Touristenattraktion im Ort: Bereits im ersten Jahr musste Steiner Gästeführer engagieren, die im Sommer die staunenden Besucher durch Deutschlands größtes mit Geothermie geheiztes Gewächshaus schleusen.