Wie Erbenermittler arbeiten

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Erbenermittler nutzen verschiedene Quellen für ihre Recherchen: Familienchroniken, Kirchenverzeichnisse, Dokumente aus Standesämtern – und natürlich das Internet. foto: panthermedia

finanzen . von moritz heilmann.

Es war einer seiner härtesten Fälle. Sein Auftrag: Die Erben einer verstorbenen Münchnerin ausfindig machen. Er war in Archiven, las in etlichen Büchern und Stammbäumen, durchleuchtete alle Familienmitglieder – doch keine Spur von den Verwandten der Verstorbenen. Drei Jahre vergingen. Sollte er aufhören? Doch Reinhard Mayer aus Trostberg blieb hartnäckig und hatte schließlich Erfolg. Er fand eine Halbschwester, die ihm den entscheidenden Hinweis gab: Die Erblasserin war in den 30er-Jahren in die Schweiz, nach Zürich, ausgewandert. Der Familienname war zwar ausgestorben, dennoch wurde Mayer fündig. Es gab entfernte Verwandte und somit erbberechtigte Personen. Ganze 59 Erben fand er schließlich nach ganzen sechs Jahren Ermittlungsarbeit, für den Nachlass von 200 000 Euro. Reinhard Mayer ist professioneller Erbenermittler. So lange wie in diesem Fall ziehen sich nicht viele Fälle von Erbenermittlern hin – es kommt aber immer wieder vor.

Wie gehen Erbenermittler in der Regel vor? Was sind Genealogen? Und wer trägt die Kosten, wenn es gilt, einen Erben zu finden? Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

-Was ist gewerbsmäßige Erbenermittlung?

Gewerbsmäßige Erbenermittler suchen nach Verwandten eines Erblassers – und das weltweit und oft über mehrere Jahre hinweg. Es sind eigentlich immer komplizierte Fälle, denn ansonsten findet der zuständige Nachlasspfleger den Erben.

-Wer beauftragt den Erbenermittler?

Zunächst ist das zuständige Nachlassgericht für den Nachlass verantwortlich. Hauptaufgabe ist es, den Erbschein zu erteilen. In Fällen, bei denen der Erbe nicht sofort zu ermitteln ist, wird ein sogenannter Nachlasspfleger vom Gericht bestellt. Stößt dieser dann selbst an seine Grenzen, was den Umfang der Ermittlungen angeht, zum Beispiel bei Auslandsfällen, kann dieser gewerbliche Erbenermittler mit der Suche beauftragen, die dann oft genealogische Nachforschungen betreiben müssen.

-Was sind Genealogen?

Genealogen sind Familienforscher. Die meisten betreiben ihr Forschungsgebiet nicht als Vollzeitberuf, sondern als Hobby. Ausnahme sind die professionellen Erbenermittler. Meist sind sie Historiker oder Juristen und haben besondere geschichtliche Kenntnisse. Diese sind zum Auffinden von Erben notwendig, zum Beispiel bei der Erforschung diverser Migrationsströme.

-Wer kann eigentlich Erbenermittler werden?

Im Grunde jeder. Es ist kein geschützter und auch kein staatlich geregelter Ausbildungsberuf. Werden kann es also jeder, aber erfolgreich sind nur die wenigsten, da teilweise viel Hintergrundwissen erforderlich ist. Sprachkenntnisse sind sehr wichtig, sagt Erbenermittler Reinhard Mayer. Denn die meisten Fälle seien international. Deshalb haben die meisten Erbenermittler auch studiert und haben in Archiven gearbeitet.

-Wie arbeiten Erbenermittler?

Die Ermittler nutzen fast jede Art der Recherche. Sei es in verschiedenen Archiven, Standesämtern oder Kirchengemeinden. Letztere werden besonders dann genutzt, wenn es um Personen geht, die vor 1876 geboren wurden. Denn da gab es noch keine Auflistung bei Standesämtern, sondern nur in Kirchenbucheinträgen. Viele Erbenermittlungen haben außerdem eine eigene Bücherei mit genealogischen Quellen und antiquarischen Büchern. Auch das Internet ist nicht zu vernachlässigen und wird immer mehr genutzt.

-Wie erfahre ich als potenzieller Erbe von der Sache?

Man wird vom Ermittler in „einer bisher ungeklärten Nachlassangelegenheit“ angeschrieben. In dieser heißt es dann in etwa: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehören Sie zu den erbberechtigten Personen“.

-Was passiert dann?

Um Näheres zum Nachlass, dem Erblasser und der Erbenstellung zu erfahren, muss der potenzielle Erbe eine sogenannte Honorarvereinbarung unterschreiben. In dieser erklärt er sich bereit, dem Erbenermittler einen vereinbarten Prozentsatz des Nachlasses als Honorar zu überlassen. Nach dem Zurückschicken wird dann der Erbscheinantrag gestellt. Sobald der Erbschein erteilt ist, wird das Honorar des Ermittlers vom Nachlass abgezogen und der Erbe bekommt den Nachlass ausgezahlt.

-Man zahlt also nur im Erfolgsfall?

Richtig. Erbenermittler arbeiten ausschließlich auf Erfolgsbasis. Das Honorar wird erst bei Auszahlung des Nachlasses fällig. Das heißt, falls es dazu nicht kommen sollte, erhält der Ermittler auch nichts. Der Erbenermittler trägt also selbst ein großes wirtschaftliches Risiko, weil er immer auf seinen Ermittlungskosten sitzen bleiben kann – und das können auch mal ein paar Tausend Euro sein.

-Wie hoch ist das Honorar der Erbenermittler?

Das übliche Honorar liegt zwischen 15 und 30 Prozent des Nachlasses, bei Ermittlungen im Ausland auch bis zu 35 Prozent. Diese Sätze sind von deutschen Gerichten mehrmals bestätigt worden. Dadurch, dass die Grundlage des Honorars der entsprechende Erbteil ist, werden Erbenermittler nur bei schuldenfreien und unbelasteten Nachlassfällen tätig.

-Ab welchen Nachlasssummen nimmt ein Erbenermittler einen Auftrag an?

Erst ab einer gewissen Summe lohnt sich das Geschäft wirklich. Bei Mayers Büro sind es 20 000 Euro. „Andere Unternehmen fangen erst bei 100 000 Euro an“, so der Erbenermittler. Manchmal müssten auch die größeren Fälle die kleineren finanziell mittragen, denn nicht immer rentiert sich ein Auftrag.

-Was passiert mit dem Nachlass, falls kein Erbe gefunden wird?

Wird auch kein gesetzlicher Erbe gefunden, so fällt das Erbe in der Regel dem Staat zu. Können die gesetzlichen Erben nicht vollständig ermittelt werden, kann der Nachlass zunächst gerichtlich hinterlegt werden, sofern es sich hierbei um Bargeld oder hinterlegungsfähige Wertsachen, wie Schmuck, handelt. Findet sich dann noch ein Erbe, kann dieser den Nachlass noch erhalten. Die Frist endet erst nach 30 Jahren.

-Wie erkenne ich, ob ein Erbenermittler seriös ist?

In der Branche gibt es manchmal schwarze Schafe. Wie kann man also erkennen, ob ein Ermittler kein Betrüger ist? Einen Anhaltspunkt für die Seriosität gibt es, wenn das Unternehmen Mitglied im Verband Deutscher Erbenermittler e.V. (VDEE) ist, der einzige Berufsverband von Erbenermittlern hierzulande. Dort wird jedes Mitglied vom Verband überprüft bevor es eintreten darf. Schließlich gibt es keine offizielle Ausbildung zum Erbenermittler und immerhin gehe es um den Ruf der gesamten, relativ überschaubaren Branche, so der Verband. Außerdem sollte man nicht vom Erbenermittler gedrängt werden, die Honorarvereinbarung zu unterschreiben. Auch ein überhöhtes Honorar jenseits von 35 Prozent sollten einen zweifeln lassen. Größtes Alarmsignal ist es, wenn der Erbe in spe vorab zur Kasse gebeten werden soll: „Keine Vorkasse zahlen“, warnt Mayer. Wenn verlangt wird, Vorkasse zu zahlen, sollte man die Finger davon lassen. Seriöse Ermittler verlangen dies nie.

-Wie viele Erbenermittler gibt es in Deutschland?

Die Anzahl der Erbenermittler wird auf wenige hundert geschätzt, lässt sich aber nicht genau beziffern, da es kein Register gibt. Zieht man Nachlasspfleger ab, die selbst als Erbenermittler tätig werden und betrachtet man nur die reinen gewerbsmäßigen Ermittler, so sind es deutlich weniger. Unternehmen gibt es bundesweit ungefähr auch nur ein Dutzend, die Branche ist also recht klein.

-Wird der Bedarf in Zukunft wachsen?

Der Bedarf nach professionellen Erbenermittlungen scheint eher größer zu werden. Menschen werden immer älter und Familienverhältnisse komplexer sowie internationaler. „Es wird immer multikultureller“, sagt Mayer.

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