AKTIENMARKT

Deutsche Börse startet neues Segment für kleine Firmen

Mit dem Börsensegment Scale will die Deutsche Börse kleinen Unternehmen den Zugang zum Aktienmarkt erleichtern.
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Mit dem Börsensegment Scale will die Deutsche Börse kleinen Unternehmen den Zugang zum Aktienmarkt erleichtern.

Frankfurt – Carsten Kengeter, der Vorstandschef der Deutschen Börse, wird am 1. März um 9 Uhr die Glocke läuten.

Und damit das Startsignal geben für das neue Börsensegment Scale. Dort sollen kleine und mittelgroße Wachstumsunternehmen einen Platz finden, um über Aktien und Anleihen leichter als bislang nationale und internationale Kapitalgeber zu finden. Scale löst den Entry Standard ab, in dem sich kleinere Unternehmen tummeln. Allerdings gelten die Auflagen für die Börsennotiz dort als zu lasch, was vor allem bei Mittelstandsanleihen zu unrühmlichen Ausfällen führte.

„Kapital für ihre Zukunft“, so das Motto des neuen Börsensegments für Aktien und Anleihen, soll auch wieder für mehr Börsengänge in Deutschland sorgen. Vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen sei der Bedarf an besserem Zugang zu Eigenkapital besonders stark gestiegen, sagt Kengeter. Beim 2005 ins Leben gerufenen Entry Standard hatte es immer wieder Probleme gegeben, allerdings bedeutend weniger als im unrühmlichen Neuen Markt.

Solche Zustände will man in Frankfurt nie mehr sehen. Auch Erfahrungen mit Mittelstandsanleihen durch Ausfälle von bis zu 20 Prozent – zuletzt KTG Agrar oder German Pellets – sollen sich nicht wiederholen. Deshalb gelten für Scale anspruchsvollere Vorgaben als im Entry Standard. Die Unternehmen müssen mindestens zwei Jahre alt sein, auf einen Börsenwert von 30 Millionen oder ein Anleihevolumen von 20 Millionen Euro kommen. Sie müssen mindestens zehn Millionen Euro umsetzen und dürfen keine roten Zahlen schreiben. 20 Beschäftigte gelten als Untergrenze. Das Eigenkapital soll bei mindestens fünf Millionen Euro liegen. Schließlich sind Berichtspflichten zu erfüllen. „Wir wenden uns nicht an Start-ups“, betont Hauke Stars, im Vorstand der Börse für Scale zuständig.

Experten begrüßen die schärferen Vorgaben. Hohe Ausfallquoten würden vermieden, die Finanzierungskonditionen für solidere Unternehmen verbessert, heißt es bei der Ratingagentur Scope. Bei der Deutschen Börse schätzt man damit, dass zum Start etwa 40 der derzeit rund 150 im Entry Standard gelisteten Firmen wechseln werden.

Auch wenn Börsen-Managerin Stars betont, dass „das Segment kein Neuer Markt ist“ wird just zum Start von Scale die Erinnerung an das unselige Börsenkapitel wieder wach. Vor fast genau 20 Jahren am 10. März 1997 wurde der Neue Markt aus der Taufe gehoben, um der „New Economy“ sowie Internet- und Technologiefirmen eine Plattform zu verschaffen. Gigabell, Mobilcom oder EM.TV – damals berauschten diese Namen und viele andere die Anleger. Dabei standen zum Start gerade mal zwei Aktien auf der Kursliste – der Telefonanbieter Mobilcom und der Autozulieferer Bertrandt, der – eine der wenigen Ausnahme wie auch United Internet – auch heute noch erfolgreich ist.

Die folgende unglaubliche Entwicklung konnte (und wollte) niemand stoppen, obwohl es viele Warnungen gab. Mehr als 300 Firmen strömten bis 2000 an den Neuen Markt, mit zum Teil aberwitzigen Geschäftsmodellen und oft mit Verlusten, die höher waren als der Umsatz. Anleger rissen sich blind um die Aktien, Emissionen waren hoffnungslos überzeichnet. Es gab Wochen, da wagten zehn und mehr Firmen den Sprung an den Neuen Markt, gefördert von Banken, die nicht genau hinschauten. Bis zum März 2000 stieg der Nemax, der Index für das Segment, von 1000 auf fast 9700 Punkte. Menschen, die keine Ahnung von der Börse hatten, wurden angelockt. Der Kurs von Mobilcom schoss im ersten Jahr um 2800 Prozent nach oben, die Medienfirma EM.TV war zeitweise rund 14 Milliarden Euro wert.

Dann kam Mitte 2000 mit Gigabell die erste Pleite. Die Blase platzte, die Kurse stürzten ab, Betrügereien und Bilanztrickser flogen auf. Nicht wenige Anleger verloren ihr ganzes Kapital.

Im Juni 2003 beendete die Börse das Trauerspiel und machte den Neuen Markt dicht. Für die Aktienkultur in Deutschland war der Ansturm nur sehr kurzfristig ein Segen. Am Ende war es ein Desaster, das bis heute nachwirkt. Die Aktienkultur in Deutschland ist nach wie vor im Vergleich zu anderen Industrieländern unterentwickelt. Scale ist deshalb auch eine neuer Versuch, dies zu ändern. Es wird ein schwieriges Unterfangen.

rolf obertreis

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