Börsenboom: Lohnt der Einstieg noch?

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dax auf rekordhoch . Der Deutsche Aktienindex Dax ist auf Rekordjagd.

Am Mittwoch kletterte der Index auf ein neues Allzeithoch von 12 976,24 Punkten – und lag damit nur knapp unterhalb der symbolisch wichtigen 13 000-Punkte-Marke. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um in den Markt einzusteigen? Oder sollte man lieber Gewinne mitnehmen? Und wann ist die Rally vorbei? Darüber sprachen wir mit Finanzberaterin Stefanie Kühn aus Grafing bei München.

-Der Aktienindex Dax ist gestern auf den höchsten Stand in seiner knapp 30-jährigen Geschichte gestiegen. Warum läuft es gerade so gut auf dem Aktienmarkt?

Das ist eine berechtigte Frage. Wir haben schließlich weltpolitisch einige Krisenherde. Speziell die Krise in Nordkorea hätte durchaus das Potenzial ein Börsenbeben auszulösen. Aber der Börsianer scheint das momentan zu ignorieren. Die Gefahr dabei: So wie es Übertreibungen nach unten gibt, gibt es auch Übertreibungen nach oben am Aktienmarkt. Das könnte gerade der Fall sein. Andererseits starten wir gerade in den Herbst. Die kommenden sechs Monate sind die besseren für Aktien.

-Woran liegt das?

Zum einen sagt das die Statistik, wenn man sich die Wertveränderungen ansieht. Dann hat man im Sommer oft den Fall, dass viele Börsianer im Urlaub sind. Da tut sich nicht so viel. Und es ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Es gibt den Spruch: ,Sell in May and go away. But don’t forget to come back in September.‘ Also: Verkaufe im Mai, aber komm zurück im September. Wenn sich genügend Anleger so verhalten, bewahrheitet sich das Sprichwort auch. Dazu kommen weitere Faktoren: Zum Beispiel werden viele Boni im Januar oder im ersten Quartal gezahlt, das wirkt sich wiederum positiv auf Aktien aus.

-Sie sagen aber auch: Das aktuelle Rekordhoch könnte eine Übertreibung sein. Manche Analysten sehen das anders. Sie gehen davon aus, dass der Dax bald auf 13 000 Punkte steigt – und es danach erst richtig losgeht.

Ich tue mich mit solchen Prognosen schwer. Es ist natürlich richtig, dass es eine gewisse Magie der Zahlen gibt. Sind die 13 000 Punkte erreicht, stellen sie eine Schwelle dar, die nicht mehr so leicht unterschritten wird. Für einen weiteren Kursanstieg spricht auch die Wirtschaftslage. Wenn die weltpolitischen Krisen nicht wären, würde ich die aktuelle Entwicklung auch als ganz normalen Verlauf bezeichnen. Wenn man aber mit Donald Trump und Kim Jong-un zwei so unkalkulierbare Personen an zwei unterschiedlichen Enden der Welt sitzen hat, besteht einfach die Gefahr einer Eskalation. Und wenn es dazu kommt, wird zunächst alles in Mitleidenschaft gezogen – auch der Aktienmarkt. Ganz gleich wie mit der Krise dann umgegangen wird.

-Zurück zum aktuellen Rekordhoch. Es bietet sich an, jetzt Aktien zu verkaufen und Kasse zu machen.

Man sagt: An mitgenommenen Gewinnen ist noch keiner gestorben. Wenn man jetzt merkt, dass die Aktienquote zuletzt hochgegangen ist, weil es an der Börse in den vergangenen Monaten so gut lief, ist das jetzt ein guter Zeitpunkt, um die Quote anzupassen – also Aktien zu verkaufen und Gewinne mitzunehmen. Wer zum Beispiel eine Aktienquote von 20 Prozent haben möchte, diese sich aber auf 23 Prozent erhöht hat, verkauft jetzt drei Prozent.

-Wie hoch sollte die Aktienquote denn sein?

Das hängt sehr von der Risikofreudigkeit des Einzelnen ab. Grundsätzlich sagt man: Zehn Prozent Aktien gehen immer. Es gibt auch Leute, die bis zu 50 Prozent Aktienquote halten, das ist allerdings schon sehr spekulativ. Viele bewegen sich bei 20 bis 25 Prozent. Ich denke, das ist eine vernünftige, wachstumsorientierte Quote.

-Lohnt denn der Einstieg in den Aktienmarkt zum jetzigen Zeitpunkt?

Wer jetzt in den Aktienmarkt einsteigt, sollte das in Tranchen tun – und nicht über ein einmaliges Investment. Höchststände bergen nämlich immer die Gefahr von Rückschlägen. Auch wenn man am Ende bei der Jahresendrally dann vielleicht nicht dabei ist. Das schmerzt weniger, als wenn der Markt dann doch nach unten geht.

-Wie sollten diese Tranchen aussehen?

Wer 200 Euro im Monat übrig hat, sollte bei der Bank einen Sparplan einrichten. Wer eine höhere Summe in den Aktienmarkt investieren möchte, kann sich selbst einen Sparplan bauen. 100 000 Euro zum Beispiel lässt man über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren in den Aktienmarkt fließen. Da ergibt sich eine monatliche Sparrate zwischen 2500 und 4000 Euro.

-Sollte man in Einzelaktien oder lieber in Aktienfonds investieren?

Ich empfehle Indexfonds, sogenannte ETFs, die lediglich einen Index abbilden. Sie verzichten auf ein teures Fondsmanagement und sind deshalb in der laufenden Verwaltung sehr kostengünstig. Außerdem gibt es bei vielen Direktbanken eine ganze Palette an ETFs, die man ohne monatliche Kosten besparen kann. Außerdem sind Indexfonds einfach und transparent. Wenn man in der Zeitung liest, der Dax ist auf einem Rekordhoch, weiß man: Auch mein Dax-ETF ist auf einem Höchststand.

-Welche Indexfonds empfehlen Sie?

Man sollte grundsätzlich auf eine breite Streuung achten. Auch wenn der Dax jetzt einen Höchststand aufweist, sollten nicht alle einen Indexfonds auf den Dax kaufen. Ich rate zu einer weltweiten Streuung – das ist zum Beispiel über den Indexfonds MSCI World möglich, dem man noch einen kleine Quote Schwellenländer beimischen kann. Denn der Name MSCI World ist etwas missverständlich, der Fonds investiert nicht weltweit, sondern nur in die westlichen Industrieländer.

-Wie sieht es mit Einzelaktien aus?

Einzelaktien kann man machen, wenn man Interesse an einem bestimmten Unternehmen und ausreichend Kapital hat. Tranchen von 500 Euro pro Aktie machen hier keinen Sinn. Das Problem ist bei Einzelaktien: Eine weltweite Streuung ist sehr schwierig. Man hat bei ausländischen Aktien zum Beispiel die ausländische Quellensteuer. Die kann man sich zwar oft wiederholen, das ist aber sehr komplex. Hier stehen Aufwand und Ertrag oft nicht in Relation.

-Gibt es bestimmte Branchen, die im Aufwind sind und in die sich ein Investment lohnt?

Es gibt durchaus Argumente für einzelnen Branchen, die man auch über ETFs abdecken kann. Man kann sich zum Beispiel überlegen, dass die Menschen immer älter werden, und vor diesem Hintergrund auf die Biotech- und Pharmabranche setzen. Auch Sicherheitsfirmen boomen derzeit. Man könnte auch sagen, die Automobilindustrie in Deutschland schwächelt derzeit – ich setzte darauf, dass es bald wieder bergauf geht. Grundsätzlich rate ich: Wer sich mit einer Branche gut auskennt und darauf setzt, kann diese dem Depot beimischen.

-Denken Sie, dass die Kurse weiter steigen werden? Oder ist die Rally bald vorbei?

Ich denke, wenn wir keinen externen Auslöser haben, kann das durchaus noch weiter laufen. Ob und wann dieser kommt, kann man aber nicht sagen. Deshalb wäre ich wachsam – und würde nicht alles auf eine Karte setzen. Neben Aktien gehören auch langweiliges Festgeld, Gold und Immobilien ins Depot. Auch bei Höchstständen am Aktienmarkt sollte man langfristig bei seiner Anlagestrategie bleiben.

Interview: Manuela Dollinger

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