Biotechnologie: Risiken und große Chancen

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Hunderte von Unternehmen forschen, um neue Medikamente gegen die schlimmsten Krankheiten zu finden. Sind sie erfolgreich, stehen die großen Pharmakonzerne Schlange. Doch es gibt auch viele Projekte, die scheitern. foto: Peter Endig/dpa

Kaum eine Branche birgt so viele Chancen und zugleich Risiken wie die Biotechnologie. Eine Beimischung im Depot kann sich deshalb lohnen, jedoch sollten Anleger auf eine breite Risikostreuung achten.

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Von Gerd Hübner

München – Das Jahr 2001 markierte einen Wendepunkt in der Biotechnologie: Damals verkündete das Human Genome Project die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Dieser Fortschritt machte den Weg frei für die Entwicklung neuer Medikamente und eine Vielzahl neuer Ansätze für gezielte Therapien. Allerdings brauchte es viele Jahre, bis die Branche daraus Kapital schlagen konnte.

In den Aktienkursen schlug sich das Potenzial erst ab dem Jahr 2011 nieder. Bis Juli 2015 kletterte der Nasdaq Biotech-Index auf den historischen Höchststand von rund 4000 Punkten. Dann aber kam es zu einer Konsolidierung. Mitte August steht der Index bei knapp 3200 Punkten. „Dies hing vor allem mit der Unsicherheit bezüglich der Zukunft des US-Gesundheitssystems zusammen“, macht Christian Reindl, Leiter Aktien bei Huber, Reuss & Kollegen in München, klar. Schließlich war das Gesundheitssystem in den USA bei beiden Kandidaten ein wichtiges Wahlkampfthema. So wollten Donald Trump und Hillary Clinton die Medikamentenpreise beschränken.

Kunden schauen nicht so aufs Geld

Auf dem jetzt niedrigeren Niveau könnte sich aber auch eine Einstiegschance bieten. „Sie müssen bedenken, dass Gesundheit das höchste Gut ist“, sagt Michael Thaler, Vorstand TOP Vermögen AG in München. „Deshalb ist die Preissensitivität bei Patienten dank der Krankenkassen grundsätzlich recht niedrig.“ Das heißt, Patienten sind eher bereit, für Medikamente hohe Preise zu zahlen.

Dazu kommen weitere Trends, die der Biotech-Branche in die Karten spielen dürften. „Dazu zählen neue Erkenntnisse aus der Genomforschung, dem Verständnis, auf welchen grundlegenden Mechanismen viele Krankheiten basieren, globale Trends wie die zunehmende Weltbevölkerung, die wachsende Mittelschicht, aber auch Umweltverschmutzung und die Verbreitung ungesunder Ernährungsgewohnheiten“, erklärt Reindl.

Ausgaben steigen Jahr für Jahr an

Laut den Experten der Ersten Asset Management sollen die Gesundheitsausgaben in den OECD-Staaten bis 2050 von aktuell sechs auf 9,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Zudem sollen die Umsätze und Gewinne der Biotech-Firmen zwischen zehn und 15 Prozent bis 2020 pro Jahr zulegen. Und etliche innovative Medikamente befinden sich derzeit kurz vor der Marktzulassung. Das Interessante an der Biotech-Branche ist dabei, dass dort besonders hohe Renditen winken, wenn eine Firma mit einem Medikament den Durchbruch schafft. So hat Gilead Sciences das Medikament Harvoni zur Behandlung von Hepatitis C entwickelt. Der Umsatz lag 2015 bei rund 13 Milliarden Dollar, 2016 bei etwa neun Milliarden Dollar. Diese rasante Entwicklung spiegelt sich auch im Aktienkurs wider. Ende 2011 stand die Aktie noch bei unter 16 Euro. In der Spitze kletterte sie bis auf 107 Euro – ein Anstieg um fast das Siebenfache.

Und Gilead Sciences ist kein Einzelfall. Die Aktie von Celgene weist ein Plus von über 400 Prozent auf Sicht von zehn Jahren auf. Und die in Martinsried bei München ansässige Morphosys kommt im gleichen Zeitraum auf einen Zuwachs von 383 Prozent. Die ebenfalls dort niedergelassene Formycon, die auf biologische Generika spezialisiert ist und an der auch die Hexal-Gründer Strüngmann beteiligt sind, kommt sogar auf ein sagenhaftes Plus von über 1400 Prozent in fünf Jahren.

Übernahmehoffnung hebt die Kurse

Dazu kommt eine weitere Phantasie: Kann eine Firma Erfolge bei der Medikamentenentwicklung vorweisen, dann kann es auch zu einer Übernahme kommen. In der Regel sind Pharmakonzerne bereit, dafür dann tief in die Tasche zu greifen. Allerdings liegen Chance und Risiko in kaum einer Branche so eng zusammen wie hier. „Die Risiken des Scheiterns sind bei der Entwicklung eines Medikamentes leider enorm“, macht Thaler klar. Einzuschätzen, wie hoch die Erfolgsaussichten tatsächlich sind, ist für Privatanleger, sofern sie nicht gerade tiefes medizinisches Wissen haben, so gut wie unmöglich.

Fonds besser als Einzelaktien

Einzeltitelinvestments erscheinen deshalb auch extrem riskant. „Besser ist es für Privatanleger über einen guten, aktiv gemanagten Biotech-Fonds in diese Branche zu investieren“, rät Reindl. In der Tat können Anleger davon ausgehen, dass sich ein Fondsmanager in diesem sehr speziellen Markt gut auskennt und so besser einschätzen kann, welche Unternehmen aktuell interessant sind.

Dennoch sollten Anleger die einzelnen Fonds sehr genau vergleichen. Denn die Unterschiede sind erheblich. Laut Morningstar haben die besten Fonds auf Sicht von fünf Jahren über 20 Prozent zugelegt (vgl. Tabelle), während die schlechtesten nur auf einen Zuwachs von rund 14 Prozent kamen. Eine Alternative dazu sind Exchange Traded Funds (ETFs), die beispielsweise die Wertentwicklung des Nasdaq-Biotech-Index nachbilden. Dieser Index enthält mehr als 160 Aktien von Biotech-Unternehmen und ist damit breit diversifiziert. Dessen Zuwachs lag in den vergangenen fünf Jahren immerhin 130 Prozent.

Beimischung für langfristige Anlage

Ohne Zweifel kann der Biotech-Sektor Anlegern viel Freude bringen. Allerdings nur, wenn sie dessen Beimischung als langfristiges Investment betrachten und nicht bei jedem Kursrücksetzer gleich aussteigen. Oder anders ausgedrückt: Eine gewisse Risikofreude muss schon dabei sein.

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