Wo aus Baumwolle Geld wird

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In Gmund am Tegernsee hat das wohl begehrteste Produkt der Welt seinen Ursprung. Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stellt Giesecke & Devrient hier Papier her.

Kein gewöhnliches versteht sich – sondern den Stoff, aus dem Träume sind: Banknotenpapier. Ein Besuch in der Papierfabrik der Gelddrucker.

giesecke & devrient

In Gmund am Tegernsee hat das wohl begehrteste Produkt der Welt seinen Ursprung. Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stellt Giesecke & Devrient hier Papier her. Kein gewöhnliches versteht sich – sondern den Stoff, aus dem Träume sind: Banknotenpapier. Ein Besuch in der Papierfabrik der Gelddrucker.

von manuela dollinger

Gmund/München – Die Sicherheitszone beginnt am Waldrand hinter Gmund (Kreis Miesbach). Hier liegt eine Fabrik, in der aus Baumwolle Geld wird. Eine schmale Brücke führt über die Mangfall. Direkt dahinter ein Tor, bewacht von Kameras und Männern, die Besuchern den Pass abnehmen. Ein hoher Zaun zieht sich um das Gelände. Die Fabrikgebäude sind zusätzlich gesichert. Wer hinein will, muss durch eine Schleuse – ausgestattet mit Handvenen-Scanner. Infrarotstrahlen tasten den Besucher ab, eine Waage prüft, ob auch nur eine Person den Schleusenbereich betreten hat, erst dann darf man eintreten – in die Papierfabrik Louisenthal.

Bei der Louisenthal GmbH, einer Tochter des Münchner Technologieunternehmens Giesecke & Devrient, hat Diskretion oberste Priorität. Nur selten wird eine Ausnahme gemacht und Außenstehende dürfen hinter die Kulissen blicken.

Täglich liefern Lkw hier den Rohstoff für das Banknotenpapier an. Damit die Scheine Strapazen in Hosentaschen, Geldbeuteln und Händen überstehen, ist es nicht wie gewöhnliches Papier aus Cellulose sondern aus Baumwolle. Anders als in der Textilindustrie eignen sich für die Papierherstellung nur sehr kurze Fasern. „Eigentlich machen wir aus Abfall Geld“, sagt Alfred Kraxenberger. Der Physiker ist Geschäftsführer für Technologie und Innovation in Louisenthal, wo 700 Mitarbeiter Sicherheitspapier und Folien für mehr als 100 Kunden weltweit produzieren.

Der „Abfall“ wird im Keller gewaschen, zerkleinert und gebleicht. Es entsteht ein flüssiger Papierbrei – 99 Prozent Wasser, nur ein Prozent Fasern. Eine Pumpe befördert die Masse nach oben. Im Erdgeschoss steht die 65 Meter lange Papiermaschine – das Herzstück der Fabrik. Sie ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 362 Tage im Jahr in Betrieb. Nur an Weihnachten und Ostern steht die Anlage still – Wartungsarbeiten. Ansonsten herrscht hier Vierschicht-Betrieb. Mit Hilfe eines Rundsiebs verwandelt sich die breiige Masse in Papier. „Das funktioniert wie bei einem Fussel-Sieb im Wäschetrockner“, erklärt Kraxenberger. Die Baumwollfasen bleiben im Rundsieb hängen, daraus wird eine Art Fließ gepresst. Zwei Sicherheitsmerkmale werden dabei gleich in die Papierbögen eingearbeitet: Wasserzeichen und Sicherheitsfaden. 10 000 Papierbögen entstehen so pro Stunde. Dabei ergibt ein Bogen maximal 50 Banknoten.

Nach einer Trockenrunde, landet das Papier im Leimbad, ohne das die Tinte später rettungslos verlaufen würde. Nachtrocknen, glätten, Inspektion – fertig ist das Sicherheitspapier. Meterhohe, tonnenschwere Rollen. Auf Wunsch kann das fertige Papier auch zusätzlich veredelt werden. Nicht nur Sicherheitsfäden, auch Folien, die in das Papier eingearbeitet werden, stellt Louisenthal im hauseigenen Folienwerk her. Ob Hologrammstreifen oder eine spezielle Oberflächenbeschichtung für besonders dauerhaftes Papier. Möglich sei vieles, aber nicht alles, sagt Kraxenberger. Kunden, die zum Beispiel nach einem Chip in der Banknote fragen, müsse er enttäuschen. Technisch sei das zwar möglich, aber einfach nicht wirtschaftlich. Bevor das Papier Louisenthal in Richtung Druckerei verlässt, wird es in Bögen geschnitten, eingeschweißt und auf Paletten gestapelt.

Design, Produktion und Logistik: Von der Idee bis zur fertigen Banknote dauert es laut G&D zwischen sechs Monaten und zwei Jahren – je nach Aufwand. Die Designberatung, die G&D Kunden anbietet, kostet die meiste Zeit. Eine Banknote sei schließlich die Visitenkarte eines Landes, sagt Kraxenberger. „Sie muss funktionieren, aber auch gut aussehen.“ Ganz nach den Wünschen der Kunden richten sich dann auch die Preise. In der Produktion kosten bei G&D 1000 Banknoten zwischen 25 und 100 Euro.

Trotz der Forderung mancher Ökonomen, das Bargeld abzuschaffen, sind Banknoten nach wie vor ein Verkaufsschlager. Rund 160 Milliarden werden jedes Jahr weltweit produziert. Laut G&D nimmt das Volumen sogar zu – um fünf Prozent pro Jahr. „Bargeld wird bleiben. Es ist das sicherste Zahlungsmittel und auch in Krisenzeiten verfügbar.“ Davon ist Ralf Wintergerst, der bei G&D in der Geschäftsführung den Bereich Banknote verantwortet, überzeugt. Doch eine konkrete Prognose wagt auch er nicht. Momentan werden in Deutschland gut 50 Prozent aller Zahlungen in bar beglichen. Und in zehn Jahren? Da zuckt man auch bei G&D mit den Schultern.

Zentralbanken und Ministerien weltweit brauchen allerdings auch dann Bargeld-Nachschub, wenn immer mehr Menschen mit Karte oder mit dem Smartphone bezahlen. Das liegt daran, dass die Lebensdauer von Banknoten nur wenige Jahre beträgt – trotz speziellem Baumwollpapier. Bei einem Fünf-Euro-Schein sind es laut G&D weniger als zwei Jahre. Dann werden die alten Banknoten aussortiert – und bei den Gelddruckern gehen neue Bestellungen ein. Den Großteil dieser Aufträge greifen allerdings staatliche Druckereien ab. Privaten Anbietern wie G&D stehen im Druckbereich lediglich 15 Prozent des Marktes offen – beim Papier sei es etwas mehr, sagt Wintergerst. Der Markt um das begehrteste Produkt der Welt ist hart umkämpft.

Bei G&D kaufen manche manche Kunden lediglich das Sicherheitspapier, andere fertige Banknoten. In solchen Fällen landen die Paletten aus Louisenthal in einer der G&D-Druckereien – in Leipzig oder München. Hier wird aus dem Banknotenpapier Geld. Die Druckerei an der Münchner Prinzregentenstraße, in der G&D bisher auch den Euro druckt, wird allerdings zum Jahresende geschlossen. Dann gehen alle Druckaufträge nach Leipzig. Seinen Ursprung hat der Euro aus dem Hause G&D aber weiterhin im oberbayerischen Gmund am Tegernsee.

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