Angekommen, eingelebt, ausgebildet

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Renas Tahlo ist als Flüchtling nach Garmisch-Partenkirchen gekommen, hat sich durch den Deutschkurs gekämpft und seine Ausbildung als Lackierer abgeschlossen. Nun darf er bleiben. Eine Erfolgsgeschichte.

erfolgreiche integration

von Christian Marxt

Garmisch-Partenkirchen – Mit Schweißperlen im Gesicht und einer Farbpistole in der Hand kommt Renas Tahlo (23) aus der dampfigen Lackierkammer. „Viel zu heiß. Im Winter gut, im Sommer schlecht“, entschuldigt sich der junge Syrer und lächelt. Vor wenigen Tagen hat er sein Ausbildungszeugnis erhalten. Jetzt ist er unbefristet angestellt bei der Lackiererei des Autohauses Hornung in Garmisch-Partenkirchen. Ein großer Erfolg für ihn, das Unternehmen und Geschäftsführer Gerhard Lutz.

Tahlo hat einen langen Weg hinter sich. Vor fünf Jahren hatte er in Syrien gerade sein Technisches Abitur abgeschlossen und war kurz davor, Fahrzeugtechnik zu studieren. Als seine Heimatstadt im Norden Syriens vom Islamischen Staat belagert und terrorisiert wurde, musste er fliehen. Sein Vater gab ihm Geld, er solle sich auf den Weg machen. Über vier Monate war Tahlo unterwegs – zu Fuß, im Auto mit Schleppern, wurde immer wieder festgenommen und saß in Serbien tagelang im Gefängnis. Von München aus sei er nach Garmisch gekommen, erzählt Tahlo, dem die Erinnerungen an seine Flucht sichtlich nahegehen.

2015 kam dann der Anruf von der Agentur für Arbeit beim Autohaus Hornung: Zwei nette Syrer hätten sie da, die gerne arbeiten würden. Geschäftsführer Lutz fasste einen Beschluss: „Das versuchen wir. Wir brauchen Azubis und wir wollen den beiden eine Chance geben.“

Mit Renas Tahlo kam auch Abdullah Mohamad zum Autohaus. Während Tahlo mit seiner Ausbildung jetzt fertig ist, lernt Mohamad noch für seine Abschlussprüfung als Kfz-Mechatroniker.

Das Autohaus vereinbarte mit Tahlo und Mohamad zum Start ein Praktikum. Lutz erinnert sich: Danach waren die Kollegen derart von den beiden begeistert, dass sie einstimmig gesagt haben: „Ja, wir wollen sie ausbilden.“ Da die Deutschkenntnisse noch nicht ausreichten, begannen Tahlo und Mohamad mit der Einstiegqualifizierung Jugendlicher (EQJ). Das Programm wird unterstützt von der Agentur für Arbeit. Währenddessen lernten sie die Sprache in der sonderpädagogischen Berufsschule Herzogsägmühle in Peiting, wo sie von den kleinen Lerngruppen, der individuellen Förderung und dem Fahrdienst profitierten.

Aus der einjährigen EQJ wurden Tahlo und Mohamad direkt in das zweite Lehrjahr übernommen – das ist keine Selbstverständlichkeit. „Aber die beiden sind so unglaublich engagiert“, schwärmt Geschäftsführer Lutz. Tahlo sei sogar schon vier Tage vor Ausbildungsbeginn zur Lackiererei gekommen und hätte gefragt, ob er helfen könne. Als Musterschüler, hilfsbereite und immer höfliche Menschen habe Lutz die beiden Syrer wahrgenommen. So etwas ist Lutz wichtig.

Bei der Ausbildung sieht er sein Unternehmen in der Pflicht, einen positiven Beitrag zur Erziehung junger Menschen zu leisten. Jeder Azubi muss regelmäßig seine Berufsschulzeugnisse bei ihm vorlegen. Da kann es schon mal Ärger geben. „Bei uns reift man als Azubi vom Kind zum Erwachsenen, hier kriegt man Regeln beigebracht“, betont Lutz. „Dafür liegt unsere Übernahmequote bei über 80 Prozent.“

Auch Tahlo und Mohamad wurde in der Lehrzeit nichts geschenkt. Für sie galten dieselben Anforderungen wie für alle anderen Auszubildenden. Das war nicht immer leicht, denn die Sprache sei vor allem zu Beginn eine riesige Hürde gewesen, gibt Tahlo zu und ergänzt schmunzelnd: „Bairisch ist besonders schwer – kruzifix.“ Lutz hat sie immer wieder motiviert. Er fordert nach wie vor: „Wenn etwas nicht klar ist, müsst ihr nachfragen. Und zwar so lange, bis ihr es verstanden habt!“

Auch die Wohnungssuche war schwierig. Bis Ende 2016 – also die Hälfte der Ausbildung – musste Tahlo in einer engen, überteuerten Gemeinschaftsunterkunft wohnen. Zimmer, Bad und Küche teilte er sich mit drei weiteren Flüchtlingen. Auch in Garmisch-Partenkirchen ist der Wohnungsmarkt begrenzt. Zudem wollten ihn viele aufgrund von Vorurteilen und den negativen Schlagzeilen über Flüchtlinge nicht einziehen lassen, berichtet er. Erst seit Ende 2016 hat er seine eigene kleine Wohnung in Garmisch-Partenkirchen.

Tahlo darf bleiben. Seine Aufenthaltserlaubnis gilt bis Mai 2019. Für die Zeit danach hat er vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bereits eine Zusage für ein unbefristetes Aufenthaltrecht. „In Garmisch habe ich schon viele Freunde gefunden“, erzählt Tahlo. Zweimal pro Woche geht er zum Kickboxen. In der Arbeit lobt man ihn immer noch: „Er ist einfach ein sehr guter Lackierer“, sagt Andreas Fischer, sein Ausbilder und Leiter des Kfz-Fachzentrums. „Für uns ist das wunderbar gelaufen“, freut sich Lutz und hofft, dass sich auch andere Betriebe ein Beispiel nehmen – gerade in Zeiten, in denen viele Lehrstellen aufgrund von Bewerbermangel unbesetzt bleiben.

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