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9000 Lehrstellen in Oberbayern unbesetzt

Das Ausbildungsjahr hat gerade begonnen – und in Oberbayern ist noch immer ein Drittel aller Lehrstellen unbesetzt. Wieder einmal.

Auch wenn es erste Versuche gibt, vermehrt Flüchtlinge in den Betrieben auszubilden: Zuwanderung allein kann die Lücke nicht schließen.

Start des Ausbildungsjahres

Das Ausbildungsjahr hat gerade begonnen – und in Oberbayern ist noch immer ein Drittel aller Lehrstellen unbesetzt. Wieder einmal. Auch wenn es erste Versuche gibt, vermehrt Flüchtlinge in den Betrieben auszubilden: Zuwanderung allein kann die Lücke nicht schließen.

Von Sebastian Hölzle

München – Die Zahlen klingen besorgniserregend: Zum Start des neuen Ausbildungsjahres sind in Oberbayern von 29 000 angebotenen Ausbildungsplätzen noch immer 9000 Stellen unbesetzt – also fast ein Drittel. Das schätzt die Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern.

„Vor allem kleine und mittlere Unternehmen müssen um jeden Azubi kämpfen“, klagt IHK-Präsident Eberhard Sasse. Aufgrund der guten Konjunktur und des absehbaren Fachkräftemangels gebe es reichlich Lehrstellen, nur bekämen die Betriebe immer weniger Bewerbungen.

Der Hilferuf der Handelskammer klingt ähnlich verzweifelt wie vor einem Jahr: Bereits zum Start des Ausbildungsjahres vergangenen September war die Zahl der offenen Lehrstellen etwa so hoch wie jetzt. Die Bewerberlücke verharre auf „dramatischem Niveau“.

Zwei Branchen hat es offenbar besonders hart getroffen: Laut IHK suchen insbesondere Einzelhandels- und Gastronomiebetriebe händeringend nach Nachwuchs. Sasse unterstrich aber, dass das Problem quer durch alle Branchen gehe. Allein im Großraum München würden noch rund 100 angehende Bankkaufleute und über 200 Kaufleute für Büromanagement gesucht. „Der Mangel an Ausbildungsbewerbern wird für die oberbayerische Wirtschaft immer mehr zum Normalzustand“, beklagte er. Die fehlenden Azubis von heute seien aber der Fachkräftemangel von morgen.

Nicht nur die rund 10 000 bei der IHK registrierten Betriebe haben Probleme, Nachwuchs zu finden. Im Handwerk liegt die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge 0,7 Prozent unter dem Vorjahresniveau. „Die Erfahrung zeigt aber, dass auch nach Beginn des Ausbildungsjahres noch viele Lehrverträge geschlossen werden“, hofft Georg Schlagbauer, Präsident des Bayerischen Handwerkstages. Im Handwerk bekomme jeder eine Chance.

Die Gewerkschaften geben den Arbeitgebern allerdings eine Mitschuld an der Situation: Der DGB Bayern kritisiert, dass bei vielen Ausbildungsplätzen die Qualität nicht stimme – zu viele Überstunden, fehlende Ausbildungspläne, schlechte Bezahlung. Unter Jugendlichen spräche sich schnell herum, welcher Betrieb gut und welcher Betrieb schlecht ausbilde, sagte ein DGB-Sprecher.

Die IHK hat andere Ursachen ausgemacht: Präsident Sasse führt den Bewerber-engpass auf stagnierende Schulabgängerzahlen sowie den Trend zur Akademisierung zurück. Die Zahl der Absolventen der Mittelschulen – früher Hauptschulen – sei in Oberbayern seit 2005 um 27 Prozent zurückgegangen, während gleichzeitig die Zahl der Abiturienten um 54 Prozent gestiegen sei.

Damit widerspricht Sasse dem Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), Bertram Brossardt. Der vbw-Chef hatte noch am Wochenende kritisiert, dass Auszubildende und Studenten immer wieder gegeneinander ausgespielt würden (wir berichteten). Wörtlich hatte er gesagt, es gebe keinen Grund, vor besorgniserregenden „Akademisierungstendenzen“ zu warnen. Die Fachkräftelücke betreffe sowohl die Hochschulabsolventen als auch die betriebliche Ausbildung.

Einig sind sich vbw und IHK allerdings darin, dass das Potenzial von Asylbewerbern besser genutzt werden kann. Brossardts vbw testet gerade gemeinsam mit dem bayerischen Arbeitsministerium und der Bundesagentur für Arbeit (BA) ein neunmonatiges Schulungsprogramm für Flüchtlinge. Es soll Aufschluss darüber geben, ob es möglich ist, Asylbewerber möglichst rasch für die Arbeit in bayerischen Betrieben fit zu machen. Über 100 Flüchtlinge nehmen seit Juni an der Fortbildung teil.

Gestern hat die Bundesagentur für Arbeit allerdings Erwartungen gedämpft, Asylbewerber noch schneller in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Es werde nur in Einzelfällen gelingen, Asylbewerbern bereits nach drei Monaten einen Arbeitsplatz zu vermitteln, sagte BA-Vorstand Raimund Becker der Tageszeitung „Die Welt“. Nach Beckers Einschätzung sind zwar Motivation und Arbeitswillen der Flüchtlinge groß. Doch fehlten meist die nötigen Sprachkenntnisse und Qualifikationen.

Was es jetzt schon gibt, sind berufsvorbereitende Klassen an den Berufschulen. Die IHK hat registriert, dass derzeit etwa 2000 jugendliche Asylsuchende in Oberbayern die Vorbereitungskurse besuchen. Die IHK fordert daher ein Abschiebeverbot von Flüchtlingen, die eine Lehre angefangen haben. Dies solle für die drei Jahre der Berufsausbildung sowie die folgenden zwei Jahre zum Sammeln von Berufserfahrung gelten.

Trotz der Projekte: Momentan ist die Zahl der Flüchtlinge mit einer Lehrstelle in Oberbayern offenbar gering. Das legen Daten der IHK nahe, auch wenn sich exakte Zahlen nur schwer ermitteln lassen. Denn Unternehmen erfassen lediglich die Staatsbürgerschaft, nicht aber den Aufenthaltsstatus eines Lehrlings. Klar ist nur: Von den insgesamt über 40 000 IHK-Auszubildenden in Oberbayern haben derzeit beispielsweise 172 die afghanische Nationalität und 87 die irakische. Zum Vergleich: Etwa 1100 Lehrlinge haben die türkische Staatsbürgerschaft. Lehrlinge, die in der Regel in Deutschland geboren und aufgewachsen sind.

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