„Wir leben in einer Kultur der Störung“

Zunehmend abgelenkt, unkonzentriert, nervös – so sieht Soziologe Matthias Horx viele Menschen. Angesichts des Einflusses der digitalen Welt diagnostiziert er eine „Kultur der Störung“.

Und er prophezeit: Medien-Süchtige würden künftig sanktioniert wie heute Raucher.

Trendforscher Horx warnt vor ständigem Online-sein

Zunehmend abgelenkt, unkonzentriert, nervös – so sieht Soziologe Matthias Horx viele Menschen. Angesichts des Einflusses der digitalen Welt diagnostiziert er eine „Kultur der Störung“. Und er prophezeit: Medien-Süchtige würden künftig sanktioniert wie heute Raucher.

Frankfurt/Main – Der Publizist und Zukunftsforscher Matthias Horx (59) warnt vor den Schattenseiten der digitalen Welt. Immer online zu sein, sei nicht ratsam. Zudem werde Medien-Sucht in wenigen Jahren „so sanktioniert sein wie das Rauchen“, sagte Horx.

- Herr Horx, Sie sind Zukunftsforscher und befassen sich mit den Trends von morgen. Wie sehr beherrscht mittlerweile das Internet und Online-Sein unseren Alltag?

Das Sich-Überschlagen der digitalen Welle findet jetzt statt. Das haben wir Zukunftsforscher schon vor Jahren erkannt. Wir realisieren allmählich, dass wir in einer Kultur der Störung leben, in der wir zunehmend abgelenkt, unkonzentriert, fahrig und nervös, ja geradezu asozial werden. In wenigen Jahren wird das Suchtverhalten mit den elektronischen Medien so sanktioniert sein wie das Rauchen. Man wird dann als ungebildet und charakterschwach gelten, wenn man auf sein Smartphone starrt. Und an vielen Orten wird die Nutzung elektronischer Geräte verboten sein.

-Was resultiert aus dem „Sich-Überschlagen der digitalen Welle“?

Mehr und mehr Menschen ziehen Bilanz und hinterfragen die Heilsbotschaft des Digitalen. Führt das Internet wirklich zu mehr Wissen, besserer Information, guter Kommunikation und höherer Produktivität? Sind Beurteilungen von Hotels und Produkten im Netz glaubwürdig? In den USA gibt es einen neuen Kult der „technologischen Schüchternheit“. Die amerikanische Internet-Aktivistin Alexa Clay hat diesen Begriff geprägt. Sie sagt: „Digitale Technologien desorientieren und überreizen das archaische, menschliche Orientierungssystem. Um es sinnvoll zu nutzen, brauchen wir eine neue Treue zu unseren genuin menschlichen Bedürfnissen.“

-Was sind daneben die wichtigsten Trends der Mediennutzung?

Wir haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen massiven Diffusionstrend erlebt: Medien wurden allgegenwärtig, multi-kanal, mobil, interaktiv – und gleichzeitig immer flacher, schneller, unbedeutender. Wenn man heute eine Nachrichten-Website anklickt, finden sich dort Porno-Berichte aus dem „Dschungelcamp“ neben sieben Tipps zur Katzenpflege und der Frage, warum Obama ein tragischer Held ist. Die Klick-Logik führt zu einer Beliebigkeit, die alles in Bedeutungslosigkeit verwandelt.

-Wie sieht es beim Fernsehen aus?

Dort ist es ähnlich: Die Aufmerksamkeit schwindet, TV zerlegt sich in unendlich viele Bilder-Ströme, das Geschäftsmodell der „Sendeschema-Kanäle“ geht zu Ende. Wir sind uns sicher, dass es in den nächsten Jahren zu einer Re-Fokussierung kommt. Einerseits werden sich Medien wieder mehr Sinn- und Interpretationsfragen zuwenden, andererseits führt das Web zu mehr Spezialisten-Plattformen.

-Wie verändert das Internet die Wirtschaft, zum Beispiel mit App-Diensten wie dem Fahrdienstvermittler und Taxi-Konkurrenten Uber?

An Uber sieht man, dass Ausbeutungs-Geschäftsmodelle auch in der „Share Economy“ weiterexistieren. Während das Smartphone erst Teilungsmodelle wie Carsharing möglich macht, setzt Uber auf die brachiale Technik der Marktzerstörung. Das wird schiefgehen, es werden sich langfristig kooperative Modelle durchsetzen, Mitfahrzentralen neuen Typs. Allerdings lässt sich die Taxi-Branche jetzt etwas einfallen, um Service und Qualität zu erhöhen.

Zur Person: Horx (59) ist einer der renommiertesten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Der studierte Soziologe arbeitete zunächst als Journalist und eröffnete 1993 mit Peter Wippermann das Trendbüro in Hamburg. Fünf Jahre später gründete er sein Zukunftsinstitut, das mittlerweile in Frankfurt am Main angesiedelt ist. Das rein privatwirtschaftlich organisierte Institut hat in den Büros in Frankfurt, München und Wien gut 30 Mitarbeiter Horx ist Dozent für Trend- und Zukunftsforschung an mehreren Universitäten.

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