IM INTERVIEW ERLÄUTERT PROFESSOR MARTIN HALLE, WIE KREBSPATIENTEN MIT SPORTLICHEM TRAINING IHREN GENESUNGSPROZESS VERBESSERN KÖNNEN

„Wichtige Signalwirkung fürs Umfeld“

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Den Zusammenhang zwischen einer Krebserkrankung und der heilsamen Wirkung von sportlichem Training erklärt Professor Martin Halle. Foto: Peter von Felbert

Die Kraft des Sports zur Genesung nutzen: Darüber hat Professor Martin Halle, Leitender Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München, jetzt das Buch „Lauf dem Krebs davon“ publiziert.

Im Interview mit unserer Zeitung erläutert der renommierte Sportmediziner, wie Krebspatienten von sportlicher Aktivität profitieren können.

-Mit Krebs assoziiert man gemeinhin eine Leidensgeschichte. Wie passt das mit Sport zusammen?

Professor Martin Halle: Die Diagnose Krebs ist natürlich niederschmetternd, für Betroffene genauso wie fürs Umfeld. Chemo- oder Strahlentherapie, Krankenhausaufenthalte - die Patienten geraten komplett in eine passive Konstellation. Aus dieser werden sie durch Sport herausgeholt: Regelmäßiges, gezielt dosiertes Training hilft den Patienten, in den Aktivitäts-Modus zurückzukehren, neue Kraft und Lebensfreude zu schöpfen. Das Training macht sie fitter, sie kommen besser durch den sehr anstrengenden Therapiezyklus, verkraften eher die Begleiterscheinungen wie Abgeschlagenheit und Müdigkeit.

-Zuviel Ruhe kann also kontraproduktiv sein?

Der einstige ärztliche Ratschlag an Krebspatienten, sich möglichst zu schonen, gilt heute nicht mehr. Mittlerweile weiß man, dass sich viel Bewegung und Sport während und nach einer Krebserkrankung förderlich auf die Genesung auswirken. Die neue Aktivität stärkt Körper- und Selbstbewusstsein, kurbelt das Immunsystem an. Und ein Krebspatient braucht eine starke Immunabwehr, um die Tumorzellen zu bekämpfen. Hinzu kommt: Sportlich Aktive gehen insgesamt geordneter und aktiver an den Prozess der Behandlung heran, sie ziehen Therapien durch statt sie abzubrechen.

-Sport stärkt also auch die Psyche?

Ja, absolut. Eine Mutter von zwei Kindern, acht und zehn Jahre alt, hat mir einmal berichtet: „Seitdem ich Sportklamotten anziehe, fragen meine Kinder mich nicht mehr, ob ich krank bin.“ Sport steht für Fitness, verleiht eine positive Ausstrahlung. Das ist eine wichtige Signalwirkung fürs Umfeld. Sport ist kein Allheilmittel, um eine Chemotherapie erfolgreich zu ergänzen, aber körperliches Training in hohem Maße eine psychologische Therapie.

-Welche sportliche Betätigung kommt in Betracht?

Die Basis lautet: Ausdauertraining. Ob Nordic Walking, Joggen, Radfahren oder Ergometer-Training – das können die Patienten nach ihren Vorlieben auswählen. Ergänzend hinzu kommen Kraft- und Koordinationstraining. Die Patienten, die in ihrer Krankheit verhaftet sind, sollen spüren: Der Körper gehört zu mir, er funktioniert.

-Trotzdem sind Krebspatienten natürlich in ihrer Gesamtphysis geschwächt. Wie intensiv darf das Training sein, wo liegen die Grenzen?

Entscheidend ist, das Training in jedem Einzelfall genau abzustimmen. Beispielsweise zehn Minuten lang einen bestimmten Puls zu halten. Dazu wird für jeden Patienten zunächst dessen Belastbarkeit getestet - auf dieser Basis erstellen wir ein individuelles Trainingsprogramm. Generell kann man sagen, dass es mehr auf die Dauer ankommt als auf die Intensität. Eine wichtige Rolle spielt auch die Regelmäßigkeit. Einmal pro Woche lohnt sich nicht, drei- bis viermal Sport sind ideal. Wobei zu berücksichtigen ist, dass Krebspatienten im Vergleich zu gesunden Menschen eine längere Regenerationszeit benötigen.

-Existieren Erfahrungswerte, wie Sport sich auswirkt?

Studien zufolge ist es mittlerweile erwiesen, dass viel Bewegung das Risiko, an Brust- oder Darmkrebs zu erkranken, signifikant senkt, und zwar um 20 bis 30 Prozent. Regelmäßiges Training har einen weiteren Effekt: Es stabilisiert das Körpergewicht, gleichzeitig werden die Fettzellen kleiner, sie sind deshalb deutlich stoffwechselaktiver. Fettzellen schütten üblicherweise Entzündungshormone in den Blutkreislauf aus. Für bestimmte Krebsarten wie Brust-, Darm- oder Prostatakrebs zeigen wissenschaftliche Daten bei schlanken, körperlich aktiven Menschen eine bessere Prognose auf als bei Übergewichtigen.

Das Gespräch führte Martin Becker.

Buchtipp

In seinem neuen Buch „Lauf dem Krebs davon“ erklärt Professor Martin Halle zusammen mit der Sportwissenschaftlerin Anika Berling-Ernst, warum sich Krebs und Sport nicht widersprechen. Das Buch geht speziell auf Darm-, Brust- und Prostatakrebs ein: Welche Therapien gibt es? Wie können sie durch Sport positiv ergänzt werden? Detailliert gehen die Autoren auf alle Fragen einer Sporttherapie ein und bieten sogar präzise Trainingspläne an. Sie stellen nicht nur geeignete Sportarten vor, sondern zeigen konkret Übungen, die geeignet sind – und welche vermieden werden sollten, um dem Genesungsprozess nicht zu behindern. Erfahrungsberichte von Betroffenen runden den Ratgeber ab.

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