MEDIZINKOLUMNE

Wenn das Herz aus dem Takt kommt

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Priv. Doz. Dr. med. habil. Barbara Richartz, Niedergelassene Kardiologin in München- Bogenhausen, erklärt, was Vorhofflimmern bedeutet – und was hilft.

Es ist eine unendliche Geschichte: Meine Patientin Frau M. erinnert sich, vor mehr als 20 Jahren Herzrasen und Herzstolpern verspürt zu haben. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, ihr wurde schwindelig und sie hatte das Gefühl, gleich bewusstlos zu werden. Und dann war auch schon alles vorbei. Zuerst glaubte sie, es sei ein einmaliges Ereignis. Aber dann war es wieder da, aus heiterem Himmel.

Nun probierte sie Vermeidungsstrategien: keinen Alkohol, keinen Stress, Vermeidung von Schlafmangel oder Extrembelastung. Damit ging es eine Weile gut. Aber irgendwann traten die Rhythmusstörungen erneut auf, häufiger und länger. Erst nach Jahren ging Frau M. zum Kardiologen. Der Befund war für meine Patientin unbefriedigend: normales EKG, ein normal großes Herz mit guter Pumpfunktion und zu allem Überfluss ein unauffälliges Langzeit-EKG. Wie sollte man auch etwas feststellen?

Die Herzrhythmusstörungen treten ohne Vorboten alle zwei bis drei Monate auf, und dann auch noch für wenige Minuten. So wie Frau M. geht es vielen. Leider dauert es oft Jahre oder gar Jahrzehnte, bis die Diagnose „Vorhofflimmern“ gestellt wird. Manchmal wird diese zufällig gestellt, manchmal leider erst beim Auftreten eines Schlaganfalls!

Beim Vorhofflimmern kommt es plötzlich zu unkoordinierten elektrischen Entladungen der Vorhöfe, die „zittern oder flimmern“, und das mit einer Frequenz von 350 bis 500 Schlägen pro Minute. Glücklicherweise ist im Herzen eine automatische Kontrollstation, der AV-Knoten, eingebaut, der die Erregungen so abbremst, dass die Vorhoffrequenz von 350 auf etwa 100 bis 120 Schlägen pro Minute sinkt. Dies ist natürlich immer noch ungewohnt und unangenehm, insbesondere, da das Herz hierbei nicht rhythmisch pocht. Die erste Behandlung sind Tabletten, die den AV-Knoten bremsen; oft kommen hier beispielsweise Beta-Blocker zum Einsatz.

Bei der modernen Behandlung gibt es zwei verschiedene Strategien: Erhaltung des regelmäßigen Rhythmus (Sinusrhythmus) oder Belassen des Vorhofflimmerns. Die Prognose beider Strategien ist gleichwertig. Demzufolge ist der wesentliche Gesichtspunkt in der Entscheidung für eine Behandlung, also eine Normalisierung des Rhythmus’, ob und wie stark der jeweilige Patient unter dem Vorhofflimmern leidet. So eine Normalisierung kann mittels Elektroschock oder bei Herzgesunden auch mit bestimmten Medikamenten erfolgen. Bei einigen Patienten können auch moderne invasive katheter-basierte Verfahren („Ablation“) zum Einsatz kommen.

Das Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung und aus kardiologischer Sicht eigentlich nicht gefährlich. Aber aus neurologischer Sicht ist Vorhofflimmern sehr gefährlich, denn es besteht ein hohes Risiko, dass sich in den Vorhöfen Gerinnsel bilden. Diese können mit dem Blut mitgerissen werden und Embolien verursachen. Im ungünstigsten Fall kann das zu einem Schlaganfall führen. Deshalb ist es beim subjektiven Empfinden von Herzrhythmusstörungen wichtig, aktiv nach Vorhofflimmern zu suchen – weil fast immer eine Blutverdünnung durchgeführt werden muss, um einem Schlaganfall vorzubeugen.

Vorhofflimmern ist eine unendliche Geschichte, es begleitet Sie Ihr ganzes Leben. Aber mit den richtigen Medikamenten und einer guten medizinischen Betreuung ist eine normale Lebensqualität und -erwartung absolut möglich!

HERZENSSACHE

von Dr. Barbara Richartz

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