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Apotheker schlagen Alarm

Medikamenten-Engpässe: Diese wichtigen Arzneien sind kaum mehr lieferbar

Engpass im Apothekenregal: Das Foto zeigt eine Apothekerin mit einem Rezept und einem Medikament in der Hand an einer ausgezogenen Apothekenschublade.
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Engpass im Apothekenregal
  • Fabian Laube
    VonFabian Laube
    schließen

Der Apothekerverband warnt eindringlich vor Lieferengpässen. Davon sind nicht nur Nischenprodukte betroffen - Auch sogenannte versorgungsrelevante Arzneien, für die es kaum Alternativen gibt, sind zeitweise nicht erhältlich. Welche Medikamente fehlen und wo liegen die Ursachen dieser Knappheit?

Hans-Peter Hubmann ist Vizevorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes. Im Rahmen des diesjährigen Welttages der Patientensicherheit hat er zur in Deutschland zunehmenden Problematik der Medikamentenengpässe eindringliche Worte gefunden: „Das Problem ist schon sehr bedeutend, das muss man klar sagen.“ Die Zahl der gelisteten Lieferengpässe liegt jenseits der 250, noch vor fünf Jahren waren nicht einmal halb so viele Produkte abgängig.

Diese Medikamentengruppen sind besonders betroffen:

  • Schmerzmittel (Ibuprofen, Paracetamol)
  • Antidepressiva
  • Blutdrucksenker
  • Insulin
  • Schilddrüsenmedikamente
  • Krebsmedikamente (Tamoxifen)
  • Antibiotika

Für vieles lässt sich ein im Wirkstoff gleichwertiger oder zumindest ähnlicher Ersatz finden. Nicht so für beispielsweise Tamoxifen, ein wichtiger Baustein in der Nachsorge der Brustkrebstherapie: In Deutschland nehmen ungefähr 125.000 Menschen täglich eine Tablette, die das Tumorwachstum verhindern soll. Anfang des Jahres herrschte ein monatelanger Mangel an dem Medikament. Für alle Betroffenen eine beängstigende Situation, in der sie gezwungen waren, viele Apotheken auf der Suche nach dem dringend benötigten Medikament abzugrasen.

Mit einer Sonderproduktion von 20 Millionen Tabletten durch das Pharmaunternehmen Hexal wurde kurzzeitig reagiert, eine langfristige Lösung ist das jedoch nicht, wie der Interessenverband ProGenerika berichtet.

Was sind die Ursachen der Medikamentenknappheit?

Die Ursachen für die Knappheiten sind vielfältig. Im Fall von Tamoxifen ist eine fehlende Wirtschaftlichkeit für die Hersteller das hervorstechende Problem. Erhöhen sich die Herstellungskosten, weil beispielsweise ein Zulieferer die Preise erhöht, kann ein Generikahersteller in Deutschland diese Mehrkosten nicht auf den Festpreis draufschlagen.

Auch schmerzstillende und fiebersenkende Medikamente für Kinder sind im Lauf der letzten Monate immer wieder von Lieferengpässen betroffen gewesen. Neben einer stark angestiegenen Nachfrage, die sich bereits vor der Pandemie bemerkbar gemacht hatte, liegt es auch in den Fällen von Paracetamol und Ibuprofen an einer Marktverengung aufgrund der Preispolitik.

Was sind Generika?

Ein Generikum ist ein Arzneimittel, welches den identischen Wirkstoff wie ein zuvor patentgeschütztes Präparat enthält und dementsprechend wirkungsgleich wie das Erstanbieterpräparat ist. Da Generika nicht neu erforscht oder entwickelt werden müssen, können sie deutlich günstiger angeboten werden. Der Patentschutz für Medikamente hält in der EU 20 Jahre. Ein Beispiel wäre Acetylsalicylsäure: Unter dem Namen Aspirin von der Firma Bayer auf den Markt gebracht, ist der Wirkstoff heute Teil verschiedener Generika.

Generikaproduktion als Verlustgeschäft

Nachdem sich im Mai dieses Jahres ein weiterer Generikahersteller aus wirtschaftlichen Gründen aus der Produktion zurückgezogen hat, liegt die Hauptlast für die Versorgung mit paracetamolhaltigen Säften für Kinder bei Ratiopharm, seit der Übernahme durch Teva Teil des weltgrößten Generikaherstellers aus Israel.

Noch vor zwölf Jahren hatte es elf Anbieter gegeben. Bei Ratiopharm, dem einzig verbliebenen relevanten Hersteller, geht man davon aus, in Zukunft 90 Prozent des Marktes versorgen zu müssen. Die Produktion wurde seit letztem Jahr verdoppelt, doch der Bedarf ist noch höher.

Um den Kostenanstieg im Gesundheitswesen zu begrenzen, wurden 1989 Festbeträge für Arzneimittel und Hilfsmittel eingeführt. Das Preisniveau ist seit Jahren unverändert: 1,36 Euro erhält der Hersteller pro Flasche Paracetamol, eine 100er-Packung Tamoxifen bringt 8,80 Euro.

Die gestiegenen Energiekosten und Preise für Logistik und Wirkstoffe können nicht weitergegeben werden und führen zu einem Verlustgeschäft. „Für Unternehmen ist das kein attraktives Modell und auf Dauer nicht zu stemmen“, sagt Andreas Burkhardt, Generalmanager bei Teva Deutschland, zum Handelsblatt.

Das können Patienten tun:

  • Breit informieren und bei verschiedenen Apotheken (auch online) anfragen
  • Mit dem Arzt absprechen und nach Möglichkeit auf ein anderes Medikament umsteigen
  • Alternative Darreichungsform in Erwägung ziehen (zum Beispiel Zäpfchen statt Hustensaft)
  • Regelmäßig über aktuelle Lieferengpässe informieren

Mehraufwand für Apotheken und Krankenhäuser

Nun liegt es mit an den Apotheken, auf den Arzneimangel zu reagieren: Sind die Wirkstoffe vorrätig, können sie den Fiebersaft selber herstellen. Andernfalls wird versucht, über das Ausland an ein Mittel zu kommen. Einer Studie der ZAEU (Zusammenschluss der Apotheker in der EU) nach, führt dies zu einem Mehraufwand von etwa 5 Stunden pro Woche für die Mitarbeiter in europäischen Apotheken.

Mitunter müssen die Apotheken aber auch Patienten an ein Krankenhaus verweisen. Deren Medikamentenversorgung ist anders geregelt als bei den Apotheken und nicht immer von denselben Lieferengpässen betroffen, auch weil dort größere Mengen geliefert und gelagert werden dürfen. Doch die Arbeitslast wächst durch den Mangel auch für die Krankenhäuser, zumindest indirekt, wenn mehr Patienten stationär behandelt werden müssen.

Pro Generika spricht von einem Unterbietungswettbewerb, zu dem das deutsche Gesundheitssystem die Unternehmen drängt. Ausschreibungen gewinnt der günstigste Anbieter, die Versorgungssicherheit und andere Faktoren spielten dabei keine Rolle. Pro Generika fordert ein Ende des Preismoratoriums, also dem Einfrieren von Arzneimittelpreisen auf dem Niveau des Jahres 2009, zumindest bis wieder mehr Hersteller in die Produktionen eingestiegen sind und so eine Versorgungssicherheit gewährleisten können.

Bundesgesundheitsminister Professor Karl Lauterbach hat für 2023 ein Finanzstabilisierungsgesetz für die gesetzlichen Krankenversicherungen angekündigt. Unter anderem soll eine Verlängerung des Preismoratoriums bis 2026 durchgesetzt werden. Hans-Georg Feldmeier, Vorsitzender des Bundesverbands der pharmazeutischen Industrie, äußert sich mit Hinblick auf steigende Kosten gegenüber dem Ärzteblatt kritisch und fordert Anpassungen.

Wir sind der einzige Industriezweig, der Kostensteigerungen nicht an anderer Stelle refinanzieren kann. Dazu kommen weitere Sparpläne aus dem GKV-Finanzstabilisierungsgesetz. Damit gefährdet der Bundesgesund­heits­­minister den Pharmastandort Deutschland und eine sichere Arzneimittelversorgung.

Hans-Georg Feldmeier

Unbeständige Lieferketten in Pandemiezeiten

Der Deutsche Apothekerverband nennt Lieferkettenabrisse als einen weiteren schwerwiegenden Faktor für die vorherrschende Medikamentenknappheit. Die Herstellung der Wirkstoffe ist auf Indien und China zentralisiert: 80 bis 90 Prozent werden dort produziert. Noch vor dem Krieg in der Ukraine hat die Pandemie gezeigt, wie fragil globale Lieferketten sind. Frachter dürfen Häfen nicht anlaufen, Produktionsstätten fallen coronabedingt aus.

Im chinesischen Wuhan, Ausgangspunkt der weltweiten Pandemie, werden 17 für Deutschland versorgungsrelevante Wirkstoffe produziert. In der Nachbarprovinz Hubei sind es sogar 48.

Ein Produktionsstopp führt zu gewaltigen Problemen und so fehlen dann in hiesigen Apotheken auch jene Arzneimittel, deren Herstellungen eigentlich in Europa stattfinden. Der Deutsche Apothekerverband fordert seit Jahren, die heimische Wirkstoffproduktion zu stärken und mit sinkendem Kostendruck für europäische Produzenten rentabler zu machen.

fl

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