Die unglorreichen Fünf

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Priv.-Doz. Dr. med. habil. Barbara Richartz, Chefärztin in der Privatklinik Jägerwinkel in Bad Wiessee, erklärt, warum immer mehr Menschen bestimmte Nahrungsmittel nicht vertragen.

MedizinKolumne

Durchfälle, Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen, Herzrasen, Sonnenallergie und Hitzewallungen – seit mehr als drei Jahren quälte sich eine meiner Patientinnen mit einer Vielzahl von Beschwerden. Die Computerexpertin ging zum Hautarzt, zum Frauenarzt, zu Internisten und Neurologen – aber keiner konnte etwas „Organisches“ feststellen. Bis es 2013 zum kompletten Zusammenbruch kam. Die Diagnose: psychovegetatives Erschöpfungssyndrom.

Auf den ersten Blick war das sicher eine begründete Diagnose – durch den „ganzen Stress“! Da waren die immer größer werdenden beruflichen Anforderungen, dazu eine Familie mit zwei Kindern und die Sorge um die eigenen Eltern. Stimmig schien das aber eben nur auf den ersten Blick. Denn auf Nachfrage traten die vielfältigen Beschwerden meist nach Mahlzeiten auf, zum Beispiel Kopfschmerzen nach Käsegenuss, Bauchkrämpfe nach einem Salamibrot und Hitzewallungen nach einem Glas Rotwein. Fast alle Lebensmittel verursachten irgendwelche Beschwerden.

Für immer mehr Menschen bedeutet die Nahrungsaufnahme puren Stress. Sie stochern nur noch im Essen rum, weil sie nach unverträglichen Nahrungsbestandteilen fahnden. Und das können – je nach Veranlagung – mindestens fünf verschiedene Substanzen sein: Milchzucker, Fruchtzucker, biogene Amine, der Geschmacksverstärker Glutamat oder das Getreideeiweiß Gluten.

Jeder Dritte verträgt einen oder mehrere Bestandteile aus den Lebensmitteln nicht. Doch nur wenige haben eine echte Allergie. Der größte Teil der Betroffenen leidet unter Nahrungsmittel-Intoleranzen, Funktionsstörungen oder einem Mangel an Enzymen, die für die Verdauung bestimmter Zuckerarten oder Eiweiße zuständig sind.

Der Eindruck, dass Nahrungsunverträglichkeiten zugenommen haben, beruht nicht nur auf einer subjektiven Wahrnehmung, sondern entspricht durchaus der Realität. Die Milchzuckerintoleranz (Laktoseintoleranz) kennen die meisten. Dagegen ist die Fruktoseintoleranz, ausgelöst vor allem durch den Verzehr von Obst, eher unbekannt. Doch stellt sie wohl die Hauptursache für das Reizdarmsyndrom dar. Immer weniger Menschen vertragen auch das Klebereiweiß Gluten. Und der Geschmacksverstärker Glutamat, aus Fast-Food- und China-Küchen, sorgt für Kopfschmerzen und Übelkeit.

Meine Patientin litt an einer Histaminunverträglichkeit, einer so genannten Histaminose. Die Symptome der Histaminose können einer Allergie, einer Lebensmittelvergiftung oder sogar einer Erkältung ähneln. Die Diagnose ist schwer zu stellen, da Symptome im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme, aber auch chronisch andauern oder schubweise auftreten können. Betroffene können daher zunächst oft keinen Zusammenhang mit der Ernährung erkennen. Die große Palette der vorwiegend unspezifischen Symptome legt natürlich zudem den Verdacht auf eine psychische Erkrankung nahe – so wie ja auch bei meiner Patientin.

Da Lebensmittelunverträglichkeiten zunehmen, ist der wichtigste Schritt in der Diagnostik: „Dran denken“. Mittlerweile sind es fünf Bestandteile der Nahrung, die zu eklatanten Problemen führen können. Häufig bringt erst ein Ernährungstagebuch die Betroffenen und die behandelnden Ärzte auf die richtige Spur. Als nächster Schritt sollte eine Karenzphase von zwei bis vier Wochen eingeplant werden. Kommt es zu einer Besserung, ist eine Lebensmittelintoleranz wahrscheinlich. Zum Schluss folgt ein Provokationstest (unter ärztlicher Kontrolle) mit den potenziell verdächtigen Lebensmitteln.

Im Falle meiner Patientin hat sich die langwierige Diagnostik gelohnt. Seit sie die Übeltäter in der Nahrung meidet, ist sie fast beschwerdefrei. Und von dem psychovegetativen Erschöpfungssyndrom ist auch keine Spur mehr vorhanden.

Hauptsache gesund

Priv.-Doz. Dr. med. habil. Barbara Richartz, Chefärztin in der Privatklinik Jägerwinkel in Bad Wiessee, erklärt, warum immer mehr Menschen bestimmte Nahrungsmittel nicht vertragen.

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