Der Teufel hat Konjunktur

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Auch wenn man Dämonenglaube eher in der Zeit des Mittelalters vermutet: In Polen und Italien wenden sich immer mehr Menschen an Exorzisten.

RELIGION

Auch wenn man Dämonenglaube eher in der Zeit des Mittelalters vermutet: In Polen und Italien wenden sich immer mehr Menschen an Exorzisten.

Von Julius Müller-Meiningen

Rom – Irrationales Denken nimmt in Zeiten der Krise zu. Das hat vor Jahren bereits der israelische Wirtschaftsnobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahnemann festgestellt. Seine These trifft auch auf ein Phänomen zu, das in Europa wieder stärker zu werden scheint: der Glaube an den Teufel. In Ländern wie Italien oder Polen ist die Nachfrage nach Exorzisten zuletzt gestiegen. Auch aus Deutschland und Österreich dringen Berichte, wonach nicht nur Okkultismus und Sektenglauben, sondern auch die Teufelsaustreiberei wieder Konjunktur haben.

Im katholischen Polen stieg die Zahl der Exorzisten in den letzten 15 Jahren von vier auf 120. Sogar eine eigene Zeitschrift widmet sich dem Thema. Angesichts der Nachfrage steigerte der polnische „Egzorcysta“ seine Auflage innerhalb eines Jahres von 15 000 auf 30 000 Exemplare.

Auch in Italien boomt der Glaube an den Teufel. Die Vereinigung katholischer Psychologen (AIPPC) behauptet, jährlich suchten etwa eine halbe Million Menschen die Hilfe von Exorzisten auf. In Italien sind immer noch etwa 250 offizielle, von der Kirche bestellte Teufelsaustreiber am Werk. Zuletzt reagierte die Kirche auf die große Nachfrage mit Neueinstellungen. Erzbischof Kardinal Angelo Scola ließ die Zahl der Exorzisten in Mailand von sechs auf zwölf erhöhen. Auch in Rom oder Neapel empfangen mehrere von der Diözese ermächtigte Teufelsaustreiber täglich.

Auch wenn Exorzismus und Besessenheit durch den Teufel wie irrationale Relikte aus dem Mittelalter wirken – in der katholischen Kirche haben sie weiter einen festen Platz. Im Katechismus, dem katholischen Handbuch in Glaubensfragen, werden Exorzismen ausdrücklich erläutert. „Der Exorzismus dient dazu, Dämonen auszutreiben oder vom Einfluss von Dämonen zu befreien“, heißt es dort. Etwas ganz anderes seien „Krankheiten, vor allem psychischer Art“. Worin der Unterschied liegt, erklärt der Katechismus nicht.

Deshalb warnen Psychologen und Sektenbeauftragte davor, psychologische Probleme zu dämonisieren. „Strafende Gottesbilder können eine tiefe Auswirkung etwa auf die Psyche haben“, sagt Stefan Barthel von der Berliner Leitstelle für Sektenfragen.

Auch im Vatikan hat der Teufel seinen festen Platz. Noch 2005 ermutigte Papst Benedikt XVI. die Exorzisten explizit, „in ihrem wertvollen Dienst an der Kirche fortzufahren“. Der Ehrenvorsitzende der internationalen Exorzisten-Vereinigung, Pater Gabriele Amorph, behauptet, Johannes Paul II. habe selbst Exorzismen betrieben.

Nachdem Papst Franziskus an Pfingsten vor dem Petersdom einem behinderten Mann die Hand aufgelegt hatte und dieser ein verzerrtes Gesicht zeigte, diskutierten Exorzisten wie Amorth über die Bedeutung der Geste und kamen trotz des offiziellen Dementis des Vatikans zu dem Schluss, auch hier habe es sich um einen Exorzismus gehandelt. Diese Annahme wurde dadurch verstärkt, dass der in vielerlei Hinsicht fortschrittlich wirkende Franziskus in seinen ersten Tagen als Papst gleich mehrmals vom Teufel gesprochen hatte. „Franziskus ist Bischof von Rom, und wie jeder Bischof ist auch er Exorzist“, sagte Amorth. Der 88-jährige Nestor seines Fachs will in seiner Karriere selbst über 70 000 Exorzismen ausgeführt haben.

Insgesamt wirkt es so, als verfolge der Vatikan auch unter Franziskus keinen Kurswechsel in Sachen Teufel. Gleichwohl ist auffällig, dass der neue Papst den Dämon inzwischen mit keinem Wort mehr erwähnt, vielleicht, um die von ihm geweckten Frühlingsgefühle bei reformorientierten Katholiken nicht zu enttäuschen. Vieles spricht dafür, dass Franziskus eine Maxime verfolgt, die er auch bei anderen polarisierenden Themen wie Abtreibung oder Homosexualität anwendet: „Die Ansichten der Kirche sind bekannt, und ich bin ein Sohn der Kirche. Aber man muss nicht endlos darüber sprechen.“

Das sehen die hauptberuflichen Exorzisten in Rom freilich anders. Francesco Bramonte, Vorsitzender der internationalen Exorzisten-Vereinigung, verschaffte sich neulich mit einem Hilferuf Gehör: „In den Diözesen fehlen Exorzisten“, sagte er. „Wir sind der großen Nachfrage nicht mehr gewachsen.“ Das achte Mal in Folge leitete Bramonte im vergangenen Jahr an der katholischen Regina-Apostolorum-Universität in Rom eine Schulung für Exorzisten, mit dem Segen des Vatikans. Für 250 Euro Teilnahmegebühr bekommen Interessierte hier die offizielle Lizenz zur Dämonenbekämpfung.

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