Stuhlspende gegen den Reizdarm

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Die Ergebnisse der Untersuchungenfüllen einen Ordner

Schon der Name der Therapie weckt bei vielen Ekelgefühle: Stuhltransplantation. Dabei kann der Kot eines Gesunden einen kranken Darm heilen. In München testen Mediziner, ob die Methode auch Reizdarm-Patienten hilft. Ihr erster Patient: Claus D. (48).

STIEFS sprechstunde

Schon der Name der Therapie weckt bei vielen Ekelgefühle: Stuhltransplantation. Dabei kann der Kot eines Gesunden einen kranken Darm heilen. In München testen Mediziner, ob die Methode auch Reizdarm-Patienten hilft. Ihr erster Patient: Claus D. (48).

VON ANDREA EPPNER

München – Ob er gern eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wasser möchte? Claus D. überlegt kurz, schüttelt dann den Kopf. Das kann er sich heute nicht leisten. In zwei Stunden hat der 48-Jährige einen Termin, das geht sich nicht aus. Denn was und wann er essen und trinken darf – darüber bestimmt seit langem sein Darm. Und der ist hochnervös.

Mehr als zehn Jahre ist es her, als Claus D. zum ersten Mal Stress mit der Verdauung hatte. Er musste häufiger kurz nach dem Essen zur Toilette, litt unter Durchfall und Blähungen. Erst wartete er ab, später ging er zum Arzt. Doch der konnte ihm nicht helfen wie auch keiner seiner Kollegen, die Claus D. später konsultiert hat. Blutuntersuchungen, Magen- und Darmspiegelungen, Tests auf Allergien und Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, eine Computertomografie – die Ergebnisse füllen inzwischen einen dicken Aktenordner.

Doch verrieten die Untersuchungen nur, was Claus D. alles nicht hat: keinen gefährlichen Darmkeim, keinen bösartigen Tumor, keine chronische Darmentzündung. Was bleibt, wenn andere körperliche Ursachen ausgeschlossen wurden, fassen Mediziner als „Reizdarm-Syndrom“ zusammen. „Vermutlich verbirgt sich dahinter ein Sammelsurium verschiedener Erkrankungen“, sagt Prof. Martin Storr, Gastroenterologe am Klinikum Großhadern in München. „Und man hat noch nicht geknackt, was ihnen allen zugrunde liegt.“

Die Zahl der Betroffenen jedoch ist riesig. Studien zufolge sollen es etwa 15 Prozent der Bevölkerung sein. 90 Prozent davon hätten aber nur leichte Beschwerden, die sich meist mit wenigen Maßnahmen in den Griff bekommen ließen, sagt Storr.

Claus D. gehört zu den anderen, zu den etwa fünf Prozent der Patienten, bei denen der Darm das Leben bestimmt. Manche schränkt die Erkrankung sogar so stark ein, dass sie ihren Beruf aufgeben müssen. Claus D. ist froh, dass er sich seine Arbeit selbst einteilen kann. Doch schluckt er auch Medikamente, um seinen Darm besser kontrollieren zu können. Zumal er beruflich viel unterwegs ist. Auf der Fahrt muss er trotzdem oft raus. „An der Autobahn zwischen Regensburg und Flensburg kenne ich jedes Klo“, sagt er und lacht.

Man muss Claus D.s Vorgeschichte kennen, um zu verstehen, wie er auf die Idee mit der Stuhltransplantation kam. Von dieser Methode, bei der Kot eines gesunden Spenders in den Darm des Kranken eingebracht wird, hat er im Internet gelesen. Schon zuvor hat er sich hier die ein oder andere Anregung geholt, was er noch versuchen, zu welchem Arzt er noch gehen könnte. Und es gibt kaum etwas, das Claus D. nicht probiert hat: Er experimentierte mit seiner Ernährung, ging zum Heilpraktiker, versuchte Probiotika und ließ sich sogar hypnotisieren.

Auch beim Psychologen war er. Da sich beim Reizdarm keine klare körperliche Ursache findet, suchte man früher oft nach einer psychischen. Sind Erfahrungen in der Kindheit schuld, die Beziehung, der Stress in der Arbeit? Alles wurde bei Claus D. durchleuchtet. „Man kommt schnell in die Psycho-Schublade. Aber ich bin nicht mehr Psycho als jeder andere“, sagt er ärgerlich. Heute geht er nur noch zum Psychologen, um mit den Folgen der Beschwerden zurecht zu kommen – eine enorme Belastung.

Schon deshalb kommt Aufgeben für ihn nicht infrage. Das Experiment Stuhltransplantation wollte er darum unbedingt wagen. Ekelgefühle? Claus D. winkt ab. Wer sich zehn Jahre lang mit Darm und Durchfall beschäftigt hat, ekelt nichts mehr. Auch, dass es beim Reizdarm nur wenige Erfahrungen, alles Einzelfallberichte, mit dieser Methode gibt, schreckte ihn nicht. Er suchte einen Arzt, der den Versuch wagen wollte – und fand ihn in Prof. Martin Storr. Der kannte die Stuhltransplantation bis dahin nur aus der Fachliteratur. Er wusste um die guten Ergebnisse bei Patienten, bei denen sich der Keim Clostridium difficile im Darm breit gemacht hat. Das kann selten nach einer Behandlung mit Antibiotika passieren. Betroffene leiden an Durchfällen, Krämpfen und Blähungen. Studien aus den Niederlanden haben gezeigt, dass der Stuhl eines gesunden Spenders die Darmflora wieder ins Gleichgewicht bringen kann: Mehr als 80 Prozent der Behandelten ging es besser.

Bei Gesunden ist der Dickdarm dicht mit Bakterien besiedelt. Diese Wohngemeinschaft meint man, wenn von „Darmflora“ die Rede ist. Allein die Anwesenheit der winzigen Mieter verhindert, dass Krankmacher einziehen. Wer sich hier niederlassen kann, darüber bestimmt auch die Ernährung. Der Grundstock der Mieterschaft wird aber bei der Geburt gelegt: Das Kind schluckt dabei etwas Darminhalt der Mutter – quasi eine natürliche Stuhltransplantation, die den Aufbau einer gesunden Darmflora fördert.

Ob eine Transplantation auch Patienten mit Reizdarm nützt, ist unklar. Zwar ist auch bei ihnen die Darmflora verändert. Doch ist unklar, ob das Folge oder Ursache der Beschwerden ist. Zudem sind wohl viele Faktoren an der Entstehung eines Reizdarms beteiligt (Artikel unten).

Der Mediziner Storr und sein Patient Claus D. wollten den Versuch dennoch wagen. Der Plan: Statt per Magenspiegelung in den Dünndarm, wie es andere Kollegen oft praktizieren, wollte er den Spenderkot per Koloskopie, also per Darmspiegelung, direkt in den Dickdarm bringen. „Der Dünndarm ist prinzipiell nicht bakteriell besiedelt“, erklärt Storr. Da wollte er lieber nicht eingreifen. Zudem befürchtete er, dass Magensäure und Verdauungssäfte zu viele Bakterien im Stuhl abtöten.

Fehlte nur noch ein gesunder Spender. Claus D. fragte seine Tochter, die sofort zustimmte. Vor dem fäkalen Mikrobiom-Transfer wie Ärzte die Methode nennen, standen aber noch viele Untersuchungen. Das sollte ausschließen, dass die Spenderin an Erkrankungen leidet, die per Stuhl übertragen werden können.

Wie vor einer konventionellen Darmspiegelung musste Claus D. am Vorabend seinen Darm reinigen, bekam ein abführendes Getränk. Auch erhielt er ein paar Tage vorher ein Antibiotikum, das den Darm für neue Mieter frei machen sollte. Am Morgen der Transplantation holte er den Spenderkot in einer großen Plastikdose von seiner Tochter ab. In der Klinik wurde der Kot mit Kochsalz-Lösung verdünnt, die Suspension per Endoskop in den Darm gespritzt. „Ziel war, den ganzen Dickdarm zu benetzen“, sagt Storr.

Etwa fünf Monate liegt die Transplantation jetzt zurück. Das Ergebnis war nicht ganz so, wie es sich Claus D. erhofft hatte. In den ersten Wochen habe er sich deutlich besser gefühlt, sagt er. Jetzt sei alles beim Alten. Storr hat die vielen Mittel im Verdacht, die Claus D. schluckt, um seinen Darm im Zaum zu halten. Er hat vor einigen Wochen einen weiteren Patienten mit der Methode behandelt, dem es besser gehe. Ein Hoffnungsschimmer für Claus D., der bereits über einen zweiten Versuch nachdenkt.

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