Das stille Massensterben der Farmtiere

Diese Schweine haben sich auf ein Hallendach geflüchtet – das Bild hat ein User auf Facebook gepostet. J. HaLlman

Die wenigen Bilder sind erschütternd und oft von Drohnen aufgenommen, die Tierschützer gestartet haben. Millionen Hühner und Schweine fielen in den USA dem Sturm „Florence“ zum Opfer – doch die Öffentlichkeit erfährt davon kaum etwas.

Folgen der Überschwemmungen von „Florence“

von Friedemann Diederich

Washington – Tote Hühner und Schweine, aus gigantischen Zuchtfarmen von den Flutwellen des Sturms „Florence“ in South und North Carolina herausgespült, soweit das Auge reicht – und nun in trübem Wasser treibend und verwesend. Andere Bilder zeigen Helfer in brusthoher Schutzkleidung, die tote Tiere aus den Farmen nahen Flüssen ziehen, um die Kadaver zu entsorgen.

Allein der zu einem chinesischen Konglomerat gehörende US-Konzern Smithfield Farms, der in North Carolina Hühner-Massenzucht betreibt, spricht in einer Mitteilung an Investoren von bisher 1,7 Millionen toten Tieren und der Möglichkeit, dass sechs weitere Millionen Hühner ertrunken sind. Und die bisher gezählten rund 6000 toten Schweine dürften nur die Untergrenze der Verluste sein, denn allein in North Carolina gibt es Statistiken zufolge mindestens neun Millionen Schweine in Zuchtbetrieben.

Für diese Schreckensbilanz sehen Experten und Tierschutz-Organisationen einen Hauptgrund: Eine Evakuierung war trotz der zeitigen Warnungen vor dem Wirbelsturm den Zuchtbesitzern logistisch zu aufwändig – zumal diese Tiere als „Eigentum“ angesehen werden, deren Verlust von Versicherungen und vom Staat ersetzt wird. Viele Züchter hätten deshalb einfach die Tore zu den Zuchtbetrieben geschlossen, sich selbst in Sicherheit gebracht und die Hühner und Schweine qualvoll ertrinken lassen, resümieren Kritiker wie der Tierschutzaktivist Michael Ma.

Diese Praxis hat in den letzten Tagen vor Ort auch zu dramatischen Szenen geführt. Nachdem beispielsweise Retter mit Booten zehn Schweine verladen hatten, die die Katastrophe überlebt hatten, sich in schlechtem Zustand befanden und für den Konsum nicht mehr geeignet waren, tauchten plötzlich Ordnungshüter auf und konfiszierten die Tiere. Das Argument: Der Eigentümer wolle sie töten lassen, um Versicherungsgelder zu kassieren. „Ein Tierarzt und eine Rettungsstation hatten schon auf die gewartet“, beklagten Mitglieder der Rettungsorganisation „Pig Preserve“ am Wochenende das Einschreiten der Cops.

Die Gemüter erregt auch eine andere mit der kommerziellen Massenzucht verbundene Entwicklung. Zahlreiche Schweinezüchter in North Carolina sammeln die Fäkalien der Tiere in weitflächigen sogenannten „Open Air“-Lagunen direkt neben den überfüllten engen Hallen, in denen die Schweine ihr kurzes Leben fristen. Im Bundesstaat soll es rund 3300 dieser Abfallteiche geben. Die Umweltbehörde des Bundesstaates meldete jetzt, dass die Dämme von vier dieser Lagunen gebrochen seien und sich die Fäkalien mit den Fluten vermischt hätten. Weitere 55 Lagunen stehen kurz vor der Überflutung. Die tatsächliche Anzahl dürfte jedoch wesentlich höher liegen, da die Behörde bei der Zählung auf Meldungen der Farmer angewiesen ist, von denen viele geflüchtet sind.

Damit ist auch die Trinkwasserversorgung zahlreicher naher Orte bedroht, doch Regressansprüche haben die Verwaltungen an die Farmer nicht: Die Schweinezucht-Lobby ist in diesem Bundesstaat so einflussreich, dass die Legislative von den Betrieben so gut wie alle Schadensersatzforderungen fernhält. Während Schweine und Hühner millionenfach jämmerlich ertranken, laufen die Rettungsarbeiten für Pferde und Haustiere wie Hunde und Katzen in den Flutgebieten weiter auf Hochtouren. Zahlreiche Bürger hatten diese Tiere bei der Reise in sichere Gebiete teilweise angekettet zurückgelassen – und viele damit in den sicheren Tod geschickt.

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