„HELD VON PARIS“

„Spiderman“ wird Franzose

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In weniger als 30 Sekunden kletterte Mamoudou Gassama vier Stockwerke zu einem Bub hoch, der am Balkon eines Hochhauses hing. „Ich habe nur an seine Rettung gedacht“, sagte Gassama dem Sender BFM-TV hinterher. „Und Gott sei Dank habe ich ihn gerettet.“

Dramatische Szene in Paris: Ein Kind klammert sich von außen an einen Balkon im vierten Stock. Ein junger Zuwanderer eilt ihm in spektakulärer Weise zu Hilfe – und avanciert zum Helden.

von Sebastian Kunigkeit

Paris – Sie nennen ihn „Spiderman“: Der junge Mann, der da in Jeans und kurzärmeligem Hemd im Pariser Präsidentenpalast steht, wirkt überwältigt von der plötzlichen Aufmerksamkeit. In einer spektakulären Kletteraktion hat Mamoudou Gassama einen Vierjährigen vor dem Sturz aus dem vierten Stock bewahrt – und wird nun in Frankreich als Held gefeiert und mit der Comic-Figur Spiderman verglichen. Der Zuwanderer aus Mali ist erst seit einigen Monaten im Land, bislang ohne französische Papiere. Nun winkt ihm nicht nur ein französischer Pass, sondern auch eine mögliche Arbeitsstelle bei der Pariser Feuerwehr.

Staatspräsident Emmanuel Macron persönlich empfängt den Anfang-20-Jährigen am Montag im Élyséepalast und zollt ihm Respekt: „Bravo!“ Gassama soll jetzt schnell eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und einen Antrag auf Einbürgerung stellen. „Der außergewöhnliche Charakter dieser Tat rechtfertigt diese Ausnahmeentscheidung“, sagt Macron.

Videoaufnahmen des dramatischen Vorfalls im Norden der französischen Hauptstadt wurden hunderttausendfach in sozialen Netzwerken angeklickt. Darauf ist zu sehen, wie der Bub sich an der Außenseite eines Balkongeländers festklammert. Gassama wurde am Samstagabend auf die Notsituation aufmerksam, als er gerade auf dem Weg war, um das Champions-League-Finale anzuschauen. In gut einer halben Minute kletterte der junge Mann über die verschiedenen Balkone nach oben, griff das Kind und hob es in Sicherheit.

Alle hätten ihm gesagt, dass er sein Leben riskiert habe, erzählte Gassama dem Sender RMC – darüber habe er aber nicht nachgedacht. „Ich habe daran gedacht, dieses Kind zu retten.“ Erst hinterher hätten seine Beine gezittert.

Das Kind war von seinem Vater allein in der Wohnung zurückgelassen worden – dem Mann droht nun eine Strafe wegen Vernachlässigung seiner elterlichen Pflichten. Darauf stehen in Frankreich bis zu zwei Jahre Gefängnis und 30 000 Euro Geldstrafe. Staatsanwalt François Molins sagte dem Sender BFMTV, der Mann sei zum Einkaufen gegangen und habe danach noch Pokémon Go gespielt. „Er ist erschüttert.“

Mamoudou Gassama tritt am Montag eher schüchtern auf, überlässt öfter seinem Bruder das Wort. „Sie werden den Staatspräsidenten treffen“, sagt ein Journalist vor dem Besuch im Élysée. „Beeindruckt, stolz, gerührt?“ Gassama lächelt und nickt, ein Glänzen in den Augen.

Bei RMC erzählt er, dass er sein Heimatland vor langer Zeit verlassen habe. Er sei über Burkina-Faso, Niger und Libyen nach Italien gelangt – mit einem Boot über das Mittelmeer. Sein Bruder sagt, dass der Mann in Italien einen Aufenthaltstitel bekommen habe. Er dürfe innerhalb Europas reisen, aber nur wenige Monate in anderen Ländern bleiben. Nach eigenen Angaben war er im September nach Frankreich gekommen und will dort arbeiten.

Der Fall hat auch eine politische Dimension – das Thema Zuwanderung polarisiert auch in Frankreich. Während Hilfsorganisationen der Regierung eine zu harte Linie vorwerfen, fordern Konservative und Rechtspopulisten einen schärferen Kurs. So sagte Nicolas Bay von der Rechtsaußen-Partei Front National im Hinblick auf illegale Einwanderung: „Wenn man uns sagt, dass man (Gassama) wegen seiner mutigen Tat legalisiert und im Gegenzug alle anderen abschiebt, bin ich dabei.“ Dagegen hofft der Kommunist Ian Brossat, Beigeordneter der Pariser Bürgermeisterin, dass der Fall dazu beitragen könne, „den Blick unserer Gesellschaft“ auf Migranten zu verändern.

Bei der von seinem Kletter-Einsatz beeindruckten Pariser Feuerwehr könnte Gassama nun einen Zivildienst absolvieren – und später möglicherweise eine Stelle bekommen. „Man sagt oft, dass die französische Gesellschaft Helden brauche“, kommentierte eine Moderatorin des TV-Senders BFMTV. „An diesem Wochenende hat sie einen gefunden.“

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