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Zustimmung oder Ablehnung?

So sehen die Russen den Krieg

Sieben Wochen Krieg in der Ukraine - Was denken die Russen?
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Zettel in den ukrainischen Nationalfarben (blau und gelb) hängen an einer Brüstung des Ufers der Moskwa, im Hintergrund sind Gebäude des Hochhausviertels Moskwa City zu sehen. Auf dem blauen Blatt an einem Kreuz steht „Gedenken an die Toten in Mariupol, Irpen, Butscha und Hostomel...“

Ende Februar befiehlt Wladimir Putin den Angriff auf die Ukraine. In Russland sind viele entsetzt, bei Anti-Kriegs-Protesten werden Tausende festgenommen. Doch die breite öffentliche Empörung bleibt aus. Warum?

Von Hannah Wagner

Moskau – Einen Tag nach der Entdeckung Hunderter ermordeter Zivilisten im ukrainischen Ort Butscha hängen im Moskauer Zentrum zwei Zettel am Zaun der Uferpromenade. „Das ist Krieg“, steht darauf. Und: „Schweigt nicht!“ Ein Zettel ist blau, der andere gelb – die Farben der Ukraine. Es ist ein stiller Protest. Der Krieg und die Verbrechen im Nachbarland schockieren auch viele Menschen in Russland.

Mehrfach appellierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an die Russen, nicht gleichgültig zuzusehen, wenn ihr Brudervolk ermordet wird. In Russland rief der inhaftierte Kremlgegner Alexej Nawalny aus dem Straflager zum Protest auf. In den ersten Kriegswochen wurden auf Russlands Straßen Bürgerrechtlern zufolge mehr als 15.000 Demonstranten festgenommen. Die bis dahin systemtreue Journalistin Marina Owsjannikowa protestierte Mitte März während der abendlichen Nachrichten des Staatsfernsehens.

Proteste werden kleiner

Und jetzt? Mit der Zeit sind die Proteste kleiner geworden. Und die Hoffnung einiger Kremlgegner, Owsjannikowas mutiger Fernseh-Protest könne eine Welle auslösen, erfüllt sich nicht. Stattdessen ist vielerorts das Propaganda-Symbol Z zu sehen – nicht nur als Lichtinstallation an öffentlichen Gebäuden, sondern auch auf Privatautos und Wohnungstüren geklebt oder gemalt. Es steht auch für „Za Pobedu“ – „Für den Sieg“.

Auf der Straße und in Supermärkten klagen Menschen, wie schlimm alles momentan sei – aber gemeint ist damit oft nicht das Vorgehen der russischen Armee, sondern die Folgen der westlichen Sanktionen, die gestiegenen Lebensmittel-Preise, die gestrichenen Flüge.

In einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada erklären mehr als einen Monat nach Kriegsbeginn 81 Prozent der Befragten, die „Handlungen“ Russlands in der Ukraine zu unterstützen. Zugleich gehören zu den drei meistgenannten Gefühlen, die Menschen mit dem Krieg verbinden, neben Stolz auf Russland auch „Entsetzen“ und „Schock“. 

Staatspropaganda zeigt Wirkung

Der wissenschaftliche Leiter des Lewada-Zentrums, Lew Gudkow, sieht den Hauptgrund für den Rückhalt in der russischen Bevölkerung in der Staatspropaganda, die den Krieg gebetsmühlenartig als „Befreiung“ der Ukraine von „Faschisten“ anpreist. Ukrainische Vorwürfe gegenüber russischen Soldaten würden per se und ohne Belege als von den USA gesteuerte „Inszenierungen“ und „Fakes“ abgetan. Während Menschen in Metropolen wie Moskau den Zugang zu kritischen Homepages haben, blieben die Bewohner in provinziellen Regionen mit schlechtem oder fehlendem Internet oft mit dem Staatsfernsehen alleine.

Zustimmung für die „militärische Spezial-Operation“, wie der Krieg in Russland offiziell genannt werden muss, dürfe nicht mit Zustimmung für Putin verwechselt werden, betont Gudkow. Umfragen zeigen, dass die Unterstützung für den Kremlchef nachließ – der Stolz auf die eigene Armee aber zunahm. Zugleich nehmen die Repressionen gegen Andersdenkende zu. In Moskau wird ein Mann festgenommen, der neben einem Denkmal mit der Aufschrift „Kiew“ das Buch „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoi hält. Ein neues Gesetz sieht 15 Jahre Haft für angebliche „Falschinformationen“ über Russlands Streitkräfte vor. Unabhängige Sender und Nachrichtenportale werden blockiert. Journalisten, Schriftsteller und Künstler verlassen das Land.

Soziologe Gudkow meint, viele Bürger schwiegen, um nicht öffentlich in einen Konflikt mit der Staatsmacht zu geraten. Sogenannte Küchengespräche – seit Sowjetzeiten fest in der russischen Gesellschaft verankert – erleben eine neue Hochphase. Eine 74-jährige Moskauerin erzählt im Gespräch, ihr Herz blute angesichts der Bilder aus der Ukraine. Russland habe sich in ein faschistisches Regime verwandelt. „Aber wenn nachher meine Nachbarin vorbeikommt, werde ich nicht das sagen, was ich dir jetzt gesagt habe.“