Mit dem Skalpell gegen Darmkrebs

Vor der Krebs-Operation: Wo im Darm bei Christa R. (71) der Tumor wächst, zeigt Prof. Wolfgang Thasler seiner Patientin auf dem CT-Bild. Auch Prof. Christiane Bruns, Vizedirektorin des LMU-Krebszentrums, begutachtet den Tumor. m. sCHLAF

Eine Darmspiegelung zur Krebsvorsorge? „Kommt für mich nicht infrage“, dachte Christa R. noch vor einem halben Jahr. „Bis der Krebs an die Tür klopfte“, sagt die 71-Jährige. In ihrem Darm wucherte ein großer Tumor. Im Klinikum Großhadern wurde der jetzt entfernt.

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Eine Darmspiegelung zur Krebsvorsorge? „Kommt für mich nicht infrage“, dachte Christa R. noch vor einem halben Jahr. „Bis der Krebs an die Tür klopfte“, sagt die 71-Jährige. In ihrem Darm wucherte ein großer Tumor. Im Klinikum Großhadern wurde der jetzt entfernt.

VON ANDREA EPPNER

Nur noch knapp drei Tage, dann wird Christa R. ihn endlich loshaben: Den Tumor, der in ihrem Darm wuchert. Zehn Zentimeter ist er von der Schleimhaut aus bereits in Muskel und Bindegewebe eingewachsen. Um so groß zu werden, muss er viele Jahre lang im Körper wuchern. Entdeckt wurde der Tumor aber erst vor fünf Monaten: Christa R. ist nie zur Krebsvorsorge gegangen – wie viele andere Menschen.

„Das kam für mich nicht infrage“, sagt sie. War es Angst, Scham oder Bequemlichkeit? Christa R. weiß es selbst nicht so genau. „Vielleicht, weil es doch immer nur die anderen trifft, nie einen selbst?“ Sie winkt ab: Darüber will sie sich jetzt auch keine Gedanken mehr machen, das ist verschwendete Zeit. Für sie zählt jetzt nur die Operation am Montag. Dann werden die Ärzte den Feind in ihrem Darm endlich aus ihrem Körper schneiden.

Läuft alles nach Plan, steigt die Chance, den Kampf gegen den Krebs doch noch zu gewinnen – obwohl die Erkrankung bereits fortgeschritten ist. Der Tumor ist zwar groß, doch hat er wohl noch nicht in andere Organe gestreut. „Es gibt bei Frau R. keine sichtbaren Metastasen“, sagt Prof. Wolfgang Thasler, Experte für kolorektale Chirurgie am Klinikum Großhadern in München. Die Operation kann Christa R. daher von ihrer Krebserkrankung heilen.

Gleich nach der Diagnose war der belastende Eingriff aber nicht möglich. Christa R. war viel zu schwach. „Als die Patientin hier im Klinikum aufgenommen wurde, war sie mangelernährt“, sagt Thasler. „Zudem wurde ein massiver Blutverlust festgestellt.“ Der Tumor im Darm hatte offenbar schon länger geblutet. Bemerkt hat Christa R. davon aber nichts. Nicht ungewöhnlich: Im Stuhl fällt Blut meist nicht auf.

Doch gab es auch sichtbare Warnsignale: Innerhalb kurzer Zeit hatte Christa R. stark abgenommen. „Die Kilos kamen mir nur so entgegen“, erzählt sie. Sie wunderte sich, verdrängte die Gedanken daran aber einfach. Auch weil die Pflege ihrer Mutter sie damals sehr in Anspruch nahm. Zum Arzt ging Christa R. erst, als es ihr richtig schlecht ging. „Wie bei einer Grippe“, erzählt sie. Dazu kam Durchfall.

Der Hausarzt nahm Blut ab, schickte Christa R. dann weiter ins Klinikum Großhadern. Dort wurde sie genauer untersucht. So musste sie sich etwa einer Darmspiegelung unterziehen, die mit einer Ultraschall-Untersuchung von innen kombiniert wurde (Endosonografie). „Dabei ist der Krebs festgestellt worden“, sagt Christa R. Ein gewaltiger Schock.

Um festzustellen, ob bereits angrenzende Organe befallen sind oder der Krebs Absiedlungen (Metastasen) gebildet hat, wurde Christa R. zudem mit dem Computertomografen (CT) untersucht. Das Ergebnis: Der Tumor hatte bereits die äußere Darmwand durchbrochen, war in umliegendes Bindegewebe eingewachsen. Die Aufnahme zeigte auch, dass die angrenzenden Lymphknoten verdickt waren. Ob sich darin wirklich bösartige Zellen finden, könne man aber erst nach der Operation sagen, erklärt Prof. Christiane Bruns, stellvertretende Direktorin des Krebszentrums München der Ludwig-Maximilians-Universität.

Auch sie half mit, als es darum ging, die bestmögliche Therapie für Christa R. zu finden. Denn für die Wahl der optimalen Behandlung von Krebspatienten braucht es mehr als einen Arzt. In zertifizierten Zentren wie dem Darmkrebszentrum in Großhadern ist es darum Standard, jeden Fall in einer Tumorkonferenz zu besprechen. Ärzte verschiedener Fachrichtungen kommen dazu zusammen. Bei Christa R. kamen die Mediziner zu dem Schluss, dass vor der OP eine Kombination aus Chemotherapie und Bestrahlung angezeigt wäre. Auch medizinische Leitlinien (Artikel unten) sehen bei solch großen Darmtumoren zunächst eine solche Vorbehandlung (neoadjuvante Therapie) vor: So versucht man den Tumor bereits vor dem Eingriff zu verkleinern. Bei der späteren Operation muss dann meist nicht so viel Gewebe entfernt werden. Gerade bei Tumoren, die wie bei Christa R. im Bereich des Enddarms liegen, bietet dieses Vorgehen einen weiteren Vorteil – es hilft, die Funktion des Schließmuskels zu erhalten. Die Gefahr, nach dem Eingriff inkontinent zu werden, sinkt.

Bei Christa R. kam noch ein weiterer wichtiger Aspekt dazu: Die Vorbehandlung verschaffte ihr Zeit, um sich vor der belastenden Operation zu erholen. Denn der Allgemeinzustand der 71-Jährigen war zum Zeitpunkt der Diagnose schlecht. Im Klinikum Großhadern wurde sie zunächst sogar künstlich ernährt.

Dort startete man auch mit der Strahlentherapie und dem ersten Chemotherapie-Zyklus. Nach zwei Wochen durfte Christa R. nach Hause. In den vier Wochen darauf musste sie aber fünf Mal pro Woche zur Bestrahlung in die Klinik kommen. „Insgesamt wurde ich 28 Mal bestrahlt“, sagt sie. Die Therapie wirkte, der Tumor wurde kleiner. Doch: Ehe der Tumor schrumpft, vergrößern die sterbenden Krebszellen ihr Volumen. Die Bestrahlung führte bei Christa R. zu einem Darmverschluss. Es folgte eine Not-Operation, ihr wurde ein künstlicher Darmausgang (Stoma) gelegt.

Erspart geblieben wäre ihr dieser ohnehin nicht. Denn bei der Operation wird unter anderem ein Stück des Darms entfernt. Mit einer Naht oder wie bei Christa R. mit Klammern werden die offenen Enden anschließend wieder verbunden. Damit die Wunde heilt, darf aber nicht ständig Stuhl daran vorbeifließen. Auch deshalb, weil die Darmbakterien darin die Heilung stören würden. Bei der Operation wird daher zunächst der Dickdarm „stillgelegt“, wie Mediziner sagen. Dazu legen sie einen künstlichen Darmausgang: eine Dünndarmschlinge, die durch ein kleines Loch im Bauch den Stuhl die erste Zeit nach der Operation aus dem Körper leiten soll.

Christa R. hat den Eingriff inzwischen überstanden. Sie konnte sogar bereits entlassen werden. Bis auf ein fünf Zentimeter langes Stück vor dem Schließmuskel ist der Enddarm entfernt worden, zudem ein Teil des angrenzenden Sigma, das zum Grimmdarm gehört (s. Stichwort). Ebenso entfernt wurde der Abflussbereich der Lymphe. „Die Operation ist wie geplant verlaufen“, sagt Thasler. Eine weitere Chemotherapie wird noch folgen. Doch Christa R. hat eine wichtige Schlacht in ihrem Kampf gegen den Darmkrebs gewonnen – vielleicht war es die entscheidende.

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