Die Sixtinische Kapelle als Spektakel

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Kurz vor Ostern hat am Vatikan ein Multimedia-Spektakel über Michelangelos Sixtinische Kapelle seine Pforten geöffnet. Mit einer wahren Show der Superlative werden die Besucher zurück in die Entstehungszeit des Meisterwerks geführt.

Neues Musical

Von Ingo-Michael Feth

Rom – Es herrscht tiefe Nacht, nur die Sterne funkeln. Dann die Flut: brausend und zischend schlagen mächtige Wogen bedrohlich über den Köpfen der Zuschauer zusammen. Kurz darauf ziehen sich die Wassermassen zurück und weichen riesigen Vulkanen, die aus dem Ozean aufsteigen und ihr glühendes Magma übers Publikum ausspeien. Langsam wird es heller, die Nacht weicht dem Tag. Der erste Schöpfungsakt: Gott trennt Licht von Dunkelheit, Wasser von Erde. Die erkalteten Lavamassen werden von Pflanzen bedeckt, aus den Meeren klettern Tiere an Land. Die Genesis, der Anfang der Heiligen Schrift, setzt sich fort. Aus den Bildern der Natur formen sich vor den Augen der Betrachter Farben und Pinselstriche, verdichten sich zu dreidimensionalen Figuren und ganzen Gemälden. Die Gestalten erwachen zum Leben. Gottvater schwebt auf einer Wolke über den Häuptern und erschafft Adam, den ersten Menschen.

Die Schöpfungsgeschichte nach Michelangelo, wie sie das Deckengewölbe der Sixtinischen Kapelle ziert. Und der Zuschauer als staunender Zeuge mittendrin. So wurde die Entstehung von Michelangelos Meisterwerk noch nie gezeigt: „Das Jüngste Gericht – Michelangelo und die Geheimnisse der Sixtinischen Kapelle“ erzählt die Geschichte des florentinischen Malers und seiner berühmten Fresken. In der rund einstündigen 3D-Show fließen verschiedenen Unterhaltungsformate zusammen. Es ist eine Mischung aus Theater, Ballett, Musical, Kino, dreidimensionalen Spezialeffekten und Lasershow, die den Gast wie eine Zeitmaschine um rund 500 Jahre zurück ins päpstliche Rom der Renaissance versetzt. Zum visuellen Spektakel gesellt sich ein musikalisches.

Neben dem Titelsong von US-Megastar Sting sorgen die begleitende Musik von Metcalf, Techno-Rhythmen, polyphone Gesänge der Renaissance, Händels Halleluja und Verdis Requiem für Gänsehaut. Die sonore Stimme des italienischen Schauspielers Pier Francesco Favino erzählt die Geschichte Michelangelo Buonarottis und seiner Beziehung zu Papst Julius II, der ihn 1508 beauftragte, „Das Jüngste Gericht“ zu malen, der Höhepunkt der Show. Himmel, Hölle, Fegefeuer als dreidimensionaler Farbenrausch. Die Chefin der Vatikanischen Museen, Barbara Jatta, ist angetan: „Derart nah wie hier kommt man den Figuren auf den Fresken nicht mal in der Sixtina selbst.“ Monatelang wurden nach Schließung der Museen die Fresken mit hoch auflöslichen Spezialkameras aufgenommen, um dem Publikum einen möglichst hautnahen Eindruck der Szenen und Figuren zu vermitteln.

Eine Geduldsarbeit, die sich auszahlt – und möglicherweise die echte Sixtinische Kapelle von den Besuchszahlen entlasten soll. Entworfen wurde die neun Millionen Euro teure Show vom Italiener Marco Balich. Der Regisseur, der schon die Eröffnungszeremonien der Olympischen Spiele in Rio und Turin organisiert hat, griff bei der Planung auf die wissenschaftliche Beratung der Vatikanischen Museen zurück. Sechs Jahre lang habe er mit dem Vatikan verhandelt, bis die Kooperation zustande kam, und Choreografie und Dramaturgie abgesegnet wurden, berichtet Emmy-Preisträger Balich.

„Rom ist die einzige große europäische Hauptstadt ohne eine permanente Show über seine Geschichte. Wir haben versucht, die Sprache und die Technologie der Olympischen Eröffnungsfeier zu verwenden, um eines der großartigsten Meisterwerke der Menschheit zu erzählen.“ Internationale Designer, Videokünstler und Choreografen arbeiten bei dem Projekt zusammen. Kritik an einer „Banalisierung des sakralen Meisterwerks“, wie sie vereinzelt laut wurde, weisen die Veranstalter zurück. Schauspieler Favino entgegnet: „Wir sollten alles tun, was darauf aufmerksam macht, was wir haben, und was unser künstlerisches Erbe fördert.“ Das Event ist im eigens dafür umgebauten Auditorium an der Via della Conciliazione nahe dem Petersplatz zu sehen. Karten: www.vivaticket.it.

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