Schwer zu fassende Volkskrankheit

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Abwärtsspirale im Kopf: Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen. foto: dpa

Depressionen werden oft unterschätzt – sowohl volkswirtschaftlich als auch in ihrer Auswirkung für den Einzelnen. Millionen Deutsche erkranken daran.

In Bayern scheint die Lage besser, aber hier werden laut einer Studie Antidepressiva auch länger eingenommen.

depressionsatlas 2015

Depressionen werden oft unterschätzt – sowohl volkswirtschaftlich als auch in ihrer Auswirkung für den Einzelnen. Millionen Deutsche erkranken daran. In Bayern scheint die Lage besser, aber hier werden laut einer Studie Antidepressiva auch länger eingenommen.

Berlin – Die Bayern melden sich seltener wegen Depressionen krank als die Menschen in den meisten anderen Bundesländern. Nur die Baden-Württemberger und Sachsen fallen weniger am Arbeitsplatz aus. Das geht aus dem Depressionsatlas 2015 hervor, den die Techniker Krankenkasse (TK) gestern in Berlin vorgestellt hat und für den Zahlen von 2013 ausgewertet werden. Die Gründe dafür sind aber offenbar ebenso schwer zu definieren wie die Krankheit selbst.

Nur niedergeschlagen oder schon depressiv? Der Übergang von einer ständigen psychisch-seelischen Belastung wie Stress zu einer Erkrankung mit einer deutlich körperlichen Komponente ist offensichtlich fließend. Behandelt werden die Patienten von Medizinern und Psychologen denn auch sowohl mit direkt auf den Körper wirkenden Medikamenten (Antidepressiva) als auch mit auf Seele und Geist wirkender psychotherapeutischer Betreuung. Dieser fließende Übergang ist denn auch schwer zu greifen. Das könne durchaus dazu führen, dass der eine oder andere eine Depression diagnostiziert bekomme, obwohl er gar nicht krank, sondern einfach nur traurig ist, erläutert der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, bei der Vorstellung des TK-Depressionsatlasses.

Die Diagnostik sei zwar inzwischen besser geworden, sagt Baas. Allerdings habe man immer noch ein bisschen Bauchschmerzen bei der Qualität der Diagnosen. Gerade die Befunde zu psychischen Problemen aus dem hausärztlichen Bereich müssten zumindest mal hinterfragt werden.

Die Erkrankung kommt häufig nach belastenden Erlebnissen wie dem Verlust eines Angehörigen oder Beziehungsproblemen auf. Auch einschneidende Veränderungen wie die Pensionierung können ein Auslöser sein – jeder kennt solche Fälle in seinem persönlichen Umfeld. Und gerade weil die Erkrankung nicht als körperliche wie Magengeschwüre oder Herzinfarkt zu erkennen ist, wird sie sehr häufig unterschätzt.

Aufgrund von Depressionen fallen zwar wesentlich weniger Menschen bei der Arbeit aus als durch die „Volkskrankheit“ Rückenbeschwerden. Sie bleiben aber wesentlich länger zu Hause – im Durchschnitt 64 Tage. Insgesamt liegen laut Studie die Produktionsausfälle dadurch bei rund vier Milliarden Euro. Von ihren gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen könne die Depression inzwischen als „Volkskrankheit“ durchgehen.

Weil viele Fragen offen sind, sei auch nicht eindeutig erkennbar, weshalb gerade Callcenter-Agenten, Altenpfleger oder Erziehungs- und Sicherheitsmitarbeiter besonders häufig in Depressionen verfallen. Dagegen können Stress oder ähnliche Belastungen Vorständen, Geschäftsführern, Unternehmensberatern, Software-Entwicklern oder Ärzten nach der Statistik offenbar weitaus weniger anhaben. „Wir vermuten, aber das ist an den Daten nicht ablesbar, da scheint schon ein gewisser Faktor Selbstbestimmung eine Rolle zu spielen“, argumentiert Baas.

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