"So schnell stieg der Inn noch nie"

  • schließen
  • Weitere
    schließen

- Stephanskirchen/Rosenheim - "Der Inn ist eigentlich ein ganz Zahmer", lautet die Erfahrung von Erwin Kalteis und Herbert Schinko. Ihr Vertrauen in den Fluss vor ihrer Haustür, mit dem die beiden Hofleitener seit über 35 Jahren vertraut sind, ist in der Nacht zu gestern jedoch auf eine harte Probe gestellt worden:

Zum ersten Mal nach 1985, als eine ähnliche Flut im wahrsten Sinn des Wortes ins Haus stand, drohte der Inn über die Dämme zu treten und die direkt am Ufer liegenden Anwesen zu überfluten. "Wir haben unglaublich viel Glück gehabt", zieht Christian Trost, dessen Elternhaus direkt an der Innbrücke liegt, erleichtert Bilanz einer durchwachten Nacht.

"Kein Auge zugemacht" hat auch Hermine Grötzbach. Die 68-Jährige lebt seit ihrer Geburt in der Hofleiten direkt am Inn. "In den 50er-Jahren und 1985 haben wir schon einmal dramatische Hochwasser erlebt", erinnert sie sich, "doch so schnell wie diesmal ist der Inn noch nie angestiegen." Gegen 19 Uhr mussten die Seniorin und ihr auf den Rollstuhl angewiesener Ehemann deshalb erstmals in ihrem Leben am Fluss evakuiert werden. "Schlimm, wenn man alles zurücklassen muss und nicht weiß, wie man sein Haus vorfindet, wenn man wieder heimkehren kann", erzählt Hermine Grötzbach. In der Eile packte sie ihr Nachthemd, eine Zahnbürste und die Medikamente des Ehemanns ein und floh mit Unterstützung der Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und DRK zu Bekannten. Ältere Bewohner der Hofleiten, die schlecht zu Fuß sind und sich deshalb in der Not nicht den Hang hinauf retten konnten, und Bürger, die keine sichere Ausweichquartiere hatten, verbrachten die Nacht in der Schloßberger Turnhalle. Dort hatten Georg Plankl, Katastropheneinsatzleiter der Gemeinde Stephanskirchen, und der Schloßberger Feuerwehrkommandant Alois Kogler gemeinsam mit weiteren Helfern vom Roten Kreuz Feldbetten und Matratzen für ein provisorisches Nachtlager hergerichtet. Die Stimmung unter den zehn Evakuierten - hauptsächlich ältere Menschen - war nach Angaben von Plankl sehr gedrückt. Entwarnung gab es schließlich gegen 2 Uhr nachts, als die Evakuierten wieder heimkehren konnten.

Gegen Mitternacht hatte sich bereits Inge Wunsam zur Turnhalle vorgekämpft und den dort versammelten Hofleitenern die frohe Botschaft überbracht: "Das Wasser geht zurück." Nur 30 Zentimeter haben nach ihren Angaben gefehlt - dann wäre die Siedlung ein Opfer der Fluten geworden. "Wir haben die ganze Nacht auf dem Damm verbracht", erzählt die Stephanskirchenerin, deren Haus an einer der tiefsten Stellen an den hier sehr niedrigen Ufermauern steht. 42 Jahre wohnt sie mit ihrer Familie bereits in der Hofleiten - "so etwas haben wir jedoch noch nie erlebt". Den ganzen Abend über haben die Wunsams und ihre Nachbarn die Anwesen mit Sandsäcken gesichert, bei Freunden und Verwandten beim Räumen der unteren Stockwerke mitangepackt. Vorsichtsmaßnahmen, die viele Hofleitener unternommen haben.

Viele Anwohner vernagelten die Haustüren und Fenster der Hochparterre mit Brettern, verfugten die Lücken mit Silikon, räumten Wertgegenstände und Möbel in die oberen Stockwerke und fuhren, wenn dies noch möglich war, ihre Autos auf den Schloßberg hinauf. Verzweiflung übermannte gegen Abend Friseurmeisterin Margit Velotta, die um ihren frisch renovierten Friseursalon an der Innbrücke bangte. Ihre teuren Elektrogeräte konnte sie noch in Sicherheit bringen, die fest montierte Möblierung des Geschäfts jedoch nicht. Während sie am Inndamm mit klopfendem Herzen die steigenden Fluten mit ihrer Last aus Baumstämmen und Sperrmüll ("Sogar Bierfässer und Kühlschränke tauchten in den Fluten auf") beobachtete, kam bereits die nächste Hiobsnachricht: Wasser im Keller des Privathauses an der Mangfall. "Innerhalb weniger Stunden stand meine ganze Existenz auf dem Spiel", zieht die Friseurmeis-terin gestern Bilanz eines dramatischen Tages, der für sie doch noch ein Happyend fand.

Erleichterung auch bei Erwin Kalteis und Herbert Schinko: "Der Inn bleibt brav in seinem Bett, davon waren wir eigentlich selbst in der dramatischsten Phase, als das Wasser den Scheitelpunkt erreicht hatte, überzeugt", betonen die Anwohner. Trotzdem drängen sie angesichts der in letzter Minute abgewendeten Überflutung auf einen Ausbau des seit langem auch von der Gemeinde geforderten Hochwasserschutzes für die gefährdete Straße am Inn. "Es wird Zeit, dass die Eon-Werke endlich etwas unternehmen. Überall haben sie neue Dämme gebaut, nur ausgerechnet bei uns, im Bereich der Siedlung zwischen der Innbrücke und der Unterführung, ist nichts unternommen worden", ärgern sich die Betroffenen. Bei aller Wut auf fehlende Sicherungsmaßnahmen gibt es jedoch auch positive Resonanz auf den Tag der Beinah-Katastrophe: Einhelliges Lob sprechen die Anwohner den Katastrophenschutzkräften aus. "Die haben ihr Bestes gegeben."

@BLANK

Weiteres im Internet unter www.ovb-online.de

Zurück zur Übersicht: Welt

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare