Hintergründe der Großrazzia

Remmo-Familie aus Berlin: Der dreisteste Clan der Republik

17.11.2020, Sachsen, Dresden: Ein verdächtiger Mann (M) im Fall um den Kunstdiebstahl im Grünen Gewölbe wird von Polizisten in das Gebäude des Oberlandesgerichts geführt. Knapp ein Jahr nach dem Kunstraub im Dresdner Grünen Gewölbe hat die Polizei am Morgen in Berlin drei Tatverdächtige festgenommen. 
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17.11.2020, Sachsen, Dresden: Ein verdächtiger Mann (M) im Fall um den Kunstdiebstahl im Grünen Gewölbe wird von Polizisten in das Gebäude des Oberlandesgerichts geführt. Knapp ein Jahr nach dem Kunstraub im Dresdner Grünen Gewölbe hat die Polizei am Morgen in Berlin drei Tatverdächtige festgenommen. 

Der spektakuläre Diebstahl historischen Schmucks aus dem „Grünen Gewölbe“ in Dresden steht vor der Aufklärung. Bei einer Großrazzia verhaftete die Polizei gestern drei Mitglieder des Berliner Remmo-Clans – darunter Wissam Remmo, der schon am Diebstahl der 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum beteiligt war.

VON ANDREAS RABENSTEIN UND WOLFGANG HAUSKRECHT UND KATHRIN BRAUN

Berlin/Dresden – Der Einsatz ähnelt einer militärischen Operation. 1600 Polizisten aus acht Bundesländern, dazu schwer bewaffnete Spezialeinsatzkommandos (SEK), sogar die GSG-9 des Bundes. Polizeieinheiten fahren Umwege nach Berlin, um nicht zu sehr aufzufallen. In der Dunkelheit am Dienstagmorgen um 6 Uhr schlägt die Polizei in der Hauptstadt zu. Die SEKs stürmen zehn Wohnungen, viele im Stadtteil Neukölln. Ihr Ziel ist der Remmo-Clan – eine Großfamilie mit langem Strafregister. Drei Männer werden festgenommen, bei einem soll es sich um Wissam Remmo handeln, der erst im Februar wegen des Diebstahls der 100 Kilogramm schweren Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Berliner Bode-Museum zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden war.

Verdacht fällt schnell auf den Remmo-Clan

Der Einbruch in das Grüne Gewölbe ist spektakulär. Am frühen Morgen des 25. November 2019 dringen zwei Täter in das berühmte Schatzkammermuseum im Dresdner Residenzschloss ein. Sie durchtrennen ein Gitter und stemmen ein Fenster heraus. Im Juwelenzimmer schlagen sie mit einer Axt Löcher in eine Vitrine und raffen mehr als 20 barocke Schmuckstücke aus Diamanten und Brillanten zusammen. Der von einer Kamera gefilmte Coup dauert nur wenige Minuten. Ein angezündetes Fluchtauto wird später in einer Garage entdeckt. Mit einem als Taxi getarnten Mercedes sollen die Täter dann nach Berlin gefahren sein.

Nach ihm wird gefahndet: Mohamed Remmo

Die Kriminalpolizei in Sachsen bildet die 40-köpfige Sonderkommission „Epaulette“, benannt nach einem der wertvollsten Schmuckstücke, und setzt eine Belohnung von 500 000 Euro aus. Mehr als 700 Spuren werden gesichert, mehr als 1000 Hinweise gehen ein. Ermittelt wird auch gegen Wachmänner des Museums. 

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Dass der Remmo-Clan die Finger im Spiel haben könnte, dieser Verdacht kommt schnell auf. Denn die Paralellen zum Einbruch ins Bode-Museum (siehe Text unten) sind unübersehbar. Aber das Puzzle setzt sich erst allmählich zusammen: Aufnahmen der Überwachungskameras des Museums, Spuren am Tatort, die laut Polizei den Beschuldigten zugeordnet werden können, sowie der Fund des zweiten Fluchtautos. Bereits Anfang September gibt es Durchsuchungen: in einem Internet-Café in Neukölln, wo die Täter auf fiktive Namen registrierte SIM-Karten bekommen haben sollen. Und in Autowerkstätten, wo das Fluchtauto mit Folien beklebt worden sein soll.

Nun also stehen fünf junge Männer des Remmo-Clans im Visier der Fahnder. Drei werden am frühen Dienstagmorgen verhaftet. Zwei sind 23, einer 26 Jahre alt. Nach den Zwillingen Mohamed und Abdul Majed Remmo (21) wird gefahndet. 

Remmo - der bekannteste Clan Berlins

Die Großfamilie Remmo ist einer der bekanntesten Clans der Hauptstadt. Die Familie ist arabischstämmig, lebte im kurdischen Gebiet im Osten der Türkei und kam in den 80er-Jahren über den Libanon und Ost-Berlin nach West-Berlin. Der Clan ist weit verzweigt, hat etwa 500 Mitglieder. Eine Kernfamilie ist die in Berlin. Oberhaupt ist Issa Remmo. Fahnder sprechen von einer „Einbrecherfamilie“, aber das Strafregister hat mehr zu bieten: Körperverletzung, Schutzgelderpressung, Raub, Drogengeschäfte Hehlerei, illegaler Waffenbesitz.

Nach ihm wird gefahndet: Abdul Majed Remmo

Einer der Söhne von Issa Remmo stand 2019 wegen Totschlags vor Gericht; ein Mann war mit einem Baseballschläger totgeprügelt worden. Freispruch, weil die Beweise nicht reichten. Issas Bruder Toufic räumte 2014 mit Komplizen in einer Berliner Sparkasse die Schließfächer leer. Die Täter setzten danach die Filiale in Brand. Beute: rund 10 Millionen Euro. Von den acht Jahren Haft saß er nur vier Jahre ab – was der Berliner Justiz heftige Kritik einbrachte. Im Juli 2018 beschlagnahmte die Berliner Staatsanwaltschaft in einer spektakulären Aktion 77 Immobilien von Clanmitgliedern im Wert von neun Millionen Euro. Über die Immobilien soll Geld aus Straftaten gewaschen worden sein.

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Weiter keine Spur von den Schmuckstücken

Der nun verhaftete Wissam Remmo, 23, ist ebenfalls umtriebig. Nur zwei Tage nach dem Einbruch ins Grüne Gewölbe saß er im fränkischen Erlangen vor Gericht. Wegen des Einbruchs bei einem Hersteller für Hydraulikspreizer wurde er zu zweieinhalb Jahren verurteilt. In Haft kam er nicht. Im Februar 2020 folgte die Verurteilung wegen des Diebstahls der Goldmünze. Im September wurde das Urteil rechtskräftig. In Haft kam er wieder nicht (Artikel unten). Nun also wartet der nächste Prozess. Womöglich diente der Einbruch in Erlangen dazu, Tatwerkzeug für das Grüne Gewölbe zu beschaffen.

Von den historischen Schmuckstücken fehlt weiter jede Spur. „Da müsste man schon sehr viel Glück haben, wenn man die ein Jahr nach der Tat noch finden würde“, sagt Thomas Geithner, Sprecher der Dresdner Polizei. Ob die Schmuckstücke zerlegt und die Diamanten umgeschliffen wurden, ist unklar.

EXTRA: Wissam Remmo - Rechtskräftig verurteilt – aber auf freiem Fuß

Die kanadische Goldmünze „Big Maple Leaf“

Es war nur ein einziges Beutestück, aber ein gewaltiges: Die kanadische Goldmünze „Big Maple Leaf“ wiegt 100 Kilogramm und hat einen Wert von rund 3,7 Millionen Euro. Nur sechs Stück gibt es davon auf der Welt – oder gab es. Denn die Diebe dürften die Münze eingeschmolzen haben, um sie unauffällig zu Geld zu machen.

Hinter dem Coup steckt eine bekannte Berliner Großfamilie: der Remmo-Clan. Der Fall kocht nun wieder hoch, weil einer der Täter, der 23-jährige Wissam Remmo, auch am Einbruch in das Grüne Gewölbe in Dresden beteiligt gewesen sein soll. Gestern wurde er verhaftet.

Dass er überhaupt noch auf freiem Fuß war, ist eine kuriose Fußnote, denn sein Urteil wegen des Münzraubs aus dem Berliner Bode-Museum war seit Ende September rechtskräftig. Der 23-Jährige hatte die Revision gegen sein Urteil – vier Jahre und sechs Monate Jugendstrafe wegen besonders schweren Diebstahls – zurückgenommen. Seine Verurteilung vom 20. Februar 2020 könne damit vollstreckt werden, teilte das Landgericht Berlin am 22. September mit.

Dass er noch nicht einsaß, erklärte Lisa Jani, Sprecherin der Berliner Strafgerichte, gestern auf Anfrage unserer Zeitung so: „Er wurde noch nicht zum Strafantritt geladen. Wenn sich der Angeklagte nach einer Verurteilung noch nicht in U-Haft befindet, muss er nicht sofort die Strafe antreten.“ Wissam Remmo habe sich immer an alle Meldeauflagen gehalten, sich regelmäßig bei der Polizei gemeldet. Nun also wurde der 23-Jährige nicht geladen, sondern von der Polizei abgeholt – in anderer Sache.

Der Klau der 100-Kilo-Münze im März 2017 war ein von langer Hand vorbereiteter Coup. Wissam Remmo und sein Cousin Ahmed Remmo (22) hatten sich einen Komplizen ins Boot geholt. Denis W., 22, ein Freund von Ahmed. Wie die Ermittlungen ergaben, ließ sich Denis W. im Berliner Bode-Museum als Sicherheitskraft anstellen, um die Alarmanlage auszuspionieren. Tatsächlich gab es eine Schwachstelle: ein von der Alarmanlage abgekoppeltes Fenster zu einer Umkleidekabine des Personals.

Nach mehreren Probeläufen war es in der Nacht zum 27. März so weit: Denis W. ließ das Fenster offen. Wissam, Ahmed und ein dritter Täter stiegen über das Fenster ein, zertrümmerten die Vitrine mit einer Axt, transportierten die Goldmünze mit einem Rollbrett ab, warfen sie auf die angrenzenden Bahngleise und fuhren sie mit einer Schubkarre zum Fluchtfahrzeug. Das Gericht bescheinigte den Tätern eine besondere Dreistigkeit, denn sie hätten gewusst, dass sie von Überwachungskameras des Museums und der S-Bahn gefilmt werden.

Überführt wurden die Diebe auch, weil sich an den am Tatort verbliebenen Werkzeugen DNA-Spuren fanden – an einem Seil und einem Türkeil. Zudem wurden Goldpartikel und Glassplitter der Vitrine an Kleidungsstücken und im Fluchtauto der Angeklagten gefunden – das nach der Tat wegen eines illegalen Autorennens konfisziert wurde. Unbekannte versuchten noch, die Spuren im Auto zu vernichten. Sie drangen auf das Polizeigelände ein und sprühten Feuerwehrschaum ins Innere. Vergeblich. Die Goldpartikel mit einem Reinheitsgehalt von 99,999 Prozent entsprachen exakt dem der „Big Maple Leaf“. Handydaten und die Bilder aus den Überwachungskameras taten ihr Übriges.

Ahmed Remmo wurde wie sein Cousin Wissam zu vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Denis W. kam mit drei Jahren und vier Monaten davon. Ihre Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Ebenfalls angeklagt war Wayci Remmo (25). Er soll der ominöse dritte Mann gewesen sein. Jedoch reichte die Beweislage gegen ihn nicht aus – Freispruch.

Maple-Leaf-Münzen werden seit 1979 geprägt und sind in Kanada ein offizielles Zahlungsmittel. Es gibt sie in allen möglichen Größen.

2007 erschien die auf sechs Stück begrenzte 100-Kilo-Version mit einem Nennwert von einer Million Kanadischer Dollar – rund 644 000 Euro. Der Sammlerwert liegt aber deutlich höher. Eine der Münzen ist im Besitz der auf der Vorderseite abgebildeten kanadischen Königin Elisabeth II. Die „Big Maple Leaf“ gehört zu den vier größten Münzen der Welt. Die größte ist mit 1012 Kilogramm die australische „Red Kangaroo“.

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