Psychosen – früh erkennen und verhindern

Eine verzerrte Wahrnehmung ist typisch für eine Psychose. Der gehen oft lange zuvor erste Symptome voraus. panthermedia
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Eine verzerrte Wahrnehmung ist typisch für eine Psychose. Der gehen oft lange zuvor erste Symptome voraus. panthermedia

Herausfinden, wer ein hohes Risiko hat: Um einem Herzinfarkt vorzubeugen, ist das Standard. Anders bei psychotischen Erkrankungen.

Dabei ließen sich auch diese oft verhindern – wenn man früh eingreift. Doch wer ist gefährdet? Münchner Forscher wollen das bald vorhersagen können.

Herausfinden, wer ein hohes Risiko hat: Um einem Herzinfarkt vorzubeugen, ist das Standard. Anders bei psychotischen Erkrankungen. Dabei ließen sich auch diese oft verhindern – wenn man früh eingreift. Doch wer ist gefährdet? Münchner Forscher wollen das bald vorhersagen können.

VON ANDREA EPPNER

Gesichter, die sich plötzlich seltsam verzerren. Ein Bahngleis, dessen Schienen auseinanderweichen. „Ich habe Dinge gesehen, die nicht sein konnten.“ So erzählt es eine junge Frau, dunkles Haar, schicker Minirock. Sie will anonym bleiben. Ihr Auftreten verrät, dass sie es gewohnt ist, Dinge anzupacken. Sie habe früh erkannt, dass sie sich professionelle Hilfe suchen sollte, berichtet sie. Denn sie konnte ihre Wahrnehmungen selbst nicht einordnen.

Sind die Erlebnisse noch harmlos? Oder ist ein Mensch schon auf dem Weg in eine Psychose? Selbst Experten fällt die Antwort da oft schwer. Viele Symptome, die dem Ausbruch einer psychiatrischen Erkrankung oft lange vorausgehen, träten einzeln auch bei Gesunden auf, erklärt Dr. Nikolaos Koutsouleris. Er ist Oberarzt am Klinikum für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München und leitet dort die Früherkennungsambulanz für Psychosen.

So bezeichnet man schwere psychiatrische Störungen, wie sie insbesondere bei Patienten mit Schizophrenie auftreten. In der Wahrnehmung der Betroffenen verzerrt sich die Realität. Sie sehen Dinge, die es nicht gibt, fühlen sich überwacht und verfolgt, mancher glaubt sich gar mit einem göttlichen Auftrag betraut – die Bandbreite ist groß. Patienten mit Schizophrenie durchleben meist immer wieder solche psychotische Phasen.

Oft geht der Erkrankung aber ein Vorstadium mit sehr leichten Symptomen voraus, in dem sich diese noch verhindern lässt, etwa durch gezielte Psychotherapie und Medikamente. Auch der jungen Frau mit den Wahrnehmungs-Störungen soll so geholfen werden. Allerdings sind die ersten Symptome einer Psychose oft nur schwach ausgeprägt und können viele andere Ursachen haben. Dem einen fällt es etwa plötzlich schwer, sich zu konzentrieren, die Gedanken schweifen ständig ab. Ein anderer hat auf einmal Probleme, den Inhalt eines Textes zu verstehen, muss ihn immer wieder lesen. Oder er tut sich plötzlich schwer, beim Sprechen das richtige Wort zu finden. Auch bei einem Leistungsknick in Schule oder Ausbildung – das Erkrankungsalter bei einer Psychose liegt im Schnitt bei 15 bis 25 Jahren – kommen viele andere Ursachen infrage.

Die Wahrscheinlichkeit, an Schizophrenie zu erkranken, ist dabei insgesamt eher gering. Im Schnitt trifft es einen unter 100 bis 200 Menschen. Für den Einzelnen kann das Risiko aber weitaus höher liegen. Äußere Faktoren wie Stress oder der Konsum von Cannabis können dieses noch um ein Vielfaches erhöhen. Das Problem: Bislang lässt sich nur schwer absehen, wer aufpassen muss und vor allem, wer von einer vorbeugenden Therapie profitiert.

Das wollen die LMU-Mediziner ändern. Koutsouleris und sein Team arbeiten daran, das Risiko eines Menschen vorhersagbar zu machen, lange bevor er erkrankt. Pronia heißt das Forschungsprojekt (www.pronia.eu), an dem neben der Münchner Uniklinik auch Zentren in Köln, zudem in Italien, Finnland, Großbritannien, der Schweiz und Australien beteiligt sind. Untersuchungs-Daten von etwa 1700 Freiwilligen im Alter zwischen 15 und 40 Jahren sollen in das Projekt einfließen – von Gesunden, bereits Erkrankten und Menschen in Vorstadien. Die Idee: Man füttert den Computer mit Daten sehr vieler Menschen, damit er darin Muster erkennt, die typisch für spätere Patienten sind. Die Münchner haben hierzu selbstlernende Algorithmen entwickelt.

Bei den Untersuchungen geht es aber nicht nur darum, mit den Probanden zu sprechen und ihr Verhalten zu bewerten. Derzeit basiert die Diagnose der meisten psychiatrischen Erkrankungen nämlich im Wesentlichen allein darauf. Doch entstehen die letztlich im Gehirn und führen dort zu organischen Veränderungen. „Mit biologischen Daten ist eine viel genauere Risikoeinschätzung möglich“, ist Koutsouleris überzeugt.

Daher sucht man auch nach Biomarkern: Blutproben werden auf bestimmte Eiweiße untersucht, dazu kommen genetische Analysen. Auch die Ergebnisse neurokognitiver Tests – in der Diagnostik von Demenzerkrankungen längst etabliert – fließen in die Prognose ein. Und: Bilder aus dem Gehirn, erzeugt mit funktioneller Magnet-Resonanz-Tomografie. Das Verfahren macht sichtbar, welche Bereiche stark durchblutet und damit gerade aktiv sind. „Das erlaubt Rückschlüsse, welche Regionen miteinander verknüpft sind“, erklärt Koutsouleris. Solche Netzwerke seien bei Kranken verändert.

Läuft alles wie geplant, soll Pronia in vier Jahren Ärzten weltweit als telemedizinische Anwendung zur Verfügung stehen. Koutsouleris ist zuversichtlich, dass diese eine verlässliche Prognose erlauben wird. Eine erste Testrunde mit Münchner Probanden sei vielversprechend ausgefallen. Der Mediziner schätzt, dass Pronia Psychosen einmal mit einer Genauigkeit von bis zu 90 Prozent voraussagen kann.

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