Die zweite Karriere des Diplomaten

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Wolfgang Ischingerist seit 2008 Chef der Sicherheitskonferenz.

Das Porträt . München – Wenn er mag, kann Wolfgang Ischinger auch mal ganz undiplomatisch sein.

Neulich hat der Linken-Abgeordnete Alexander Neu zum Besuch der Demonstration gegen die Münchner Sicherheitskonferenz aufgerufen. Neu selbst wird nicht draußen im Schneetreiben stehen, sondern drinnen im noblen „Bayerischen Hof“. In einem Raum mit US-Vizepräsident Biden, Kanzlerin Merkel sowie den Außenministern Steinmeier, Kerry oder Lawrow. Wolfgang Ischinger hat das mächtig geärgert. Sein Vorschlag: Vielleicht solle der Abgeordnete sich nicht „auf Staatskosten zwei Tage im Fünf-Sterne-Hotel verköstigen lassen“, sondern lieber in die Jugendherberge umziehen – dort werde er eher auf Gleichgesinnte treffen.

Früher durfte Wolfgang Friedrich Ischinger, heute 68 Jahre alt, seinem Herzen nicht immer so ungefiltert Luft machen. 1975 war der Jurist in den diplomatischen Dienst eingetreten. Er kann spannende Geschichten aus dieser Zeit erzählen – beispielsweise wie er 1989 mit den Flüchtlingen aus der Prager Botschaft im Zug durch die DDR fuhr. Dabei musste er zwei Stasi-Männer durch den Zug führen. Man habe die Sorge der Reisenden in der Gegenwart der beiden regelrecht riechen können: „Es stank vor Angst in dem Zug.“

Auch später war Ischinger bei historischen Ereignissen dabei. So arbeitete er in den 90ern für den Sonderbeauftragten für den Balkan, Richard Holbrooke, als der Friedensvertrag von Dayton für Bosnien-Herzegowina ausgehandelt wurde. In der Öffentlichkeit jedoch machte er sich erst als deutscher Botschafter in Washington und London einen Namen – ehe er 2008 die Nachfolge von Horst Teltschik als Chef der Sicherheitskonferenz übernahm.

Erstaunlich schnell ist Ischinger zum Gesicht dieser Konferenz geworden, die in den vergangenen Jahren nochmals an Renommee gewonnen hat. „Ich könnte ohne Qualitätsverlust statt 400 auch 800 oder 1000 Teilnehmer haben“, sagt der Organisator, der die „schwerste Krise“ diagnostiziert, „die die internationale Staatengemeinschaft in den letzten Jahrzehnten erlebt hat“. Ischinger ist als Mitglied der „Atlantik-Brücke“ klar Richtung Westen orientiert, saß aber auch in der vom damaligen Bundeskanzler Schröder und Präsident Putin eingesetzten deutsch-russischen Strategischen Arbeitsgruppe. Ziel: ein besseres bilaterales Verhältnis. Heute sagt Ischinger: „Wir haben Krieg in Europa.“ Mike Schier

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