Zwei Päpste, kein Bier und ein Söder

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Der Termin ist großteils Zufall – und doch voller Symbolik. Just an dem Tag, an dem der Kreuzerlass in Kraft tritt, besucht Markus Söder den Papst. Für einen Politiker, der die Macht der Bilder kennt, ist das ein Fest.

Bayerische Ministerpräsidenten und der papst

von Mike Schier

Vatikanstadt – Es ist ein Moment, der viel über diesen Papst erzählt. Wer – wie am Freitag Markus Söder – zum Heiligen Vater will, muss lange, majestätische Flure entlangschreiten. Antike Möbel. Kronleuchter. Jedes Stück erzählt eine kleine Geschichte. Der Marmorboden stammt aus dem Jahr 1903, die Wände sind mit Samt und Seide verkleidet. Es ist eine eigene Welt hier oben im zweiten Stock des Vatikans mit Blick auf den Petersplatz, wo die Touristen Schlange stehen. In der geräumigen Privatbibliothek, in der Franziskus den bayerischen Ministerpräsidenten zur Privataudienz empfängt, folgt das Protokoll strikten Regeln. Man darf die Hand geben. Auch ein Kuss des Rings wäre erlaubt.

Und der Papst? Der begutachtet den Geschenkkorb des Gastes voller Lebkuchen, Schokolade und Marmelade und fragt mit einem schelmischen Lächeln: „Wie, aus Bayern und kein Bier?“

Eigentlich ist es kein Tag für ausgelassene Späßchen. Söder, die CSU und die Kirche – das war in den vergangenen Wochen ein schwieriges Thema. Selbst kleine Gesten werden dieser Tage genau registriert. Den Ministerpräsidenten hat es ehrlich überrascht, dass die heftigste Kritik am Kreuzerlass aus der Kirche selbst kam. „Das Kreuz lässt sich nicht verordnen“, hatte Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, gewettert. Durch die Verordnung sei „Spaltung, Unruhe, Gegeneinander“ entstanden. Für diese Wortwahl erntete wiederum Marx kirchenintern Kritik – schließlich sehen viele Christen das Kreuz natürlich gerne in bayerischen Amtsstuben hängen.

Mitten in diese Aufregung hinein hat die Protokollabteilung des Vatikans entschieden, dass Söder ausgerechnet an dem Tag zur Privataudienz darf, an dem sein Erlass in Kraft tritt. Noch symbolischer: Am Donnerstagmorgen, kurz vor seinem Abflug, nahm er im heißen München noch an der Fronleichnamsprozession teil. Zum Abschied schüttelte er Marx erstmals seit dem öffentlichen Streit die Hand. Noch immer haben sich die beiden nicht ausgesprochen. Aber immerhin: Der verschwitzte Kirchenmann dankte dem verschwitzten Politiker für die Teilnahme und richtete beste Grüße an den Heiligen Vater in Rom aus.

Im Vatikan hat man das alles genau verfolgt. Nicht nur Erzbischof Paul Gallagher, im Kirchenstaat so etwas wie der Außenminister, weiß Bescheid. Söder selbst versucht, das Thema an diesem Tag etwas kleiner zu hängen. „Es ging nicht darum, sich hier eine Erlaubnis zu holen“, sagt er nach seinen Gesprächen. Trotzdem kommt der Besuch im Vatikan angesichts dieser Vorgeschichte für ihn genau zur rechten Zeit. Er ist nicht der Einzige, der dieser Tage seine Aufwartung macht: NRW-Kollege Armin Laschet war erst vor ein paar Tagen hier, auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller. Nur die Schlagzeilen sind bei Söder deutlich größer, die Bilder besser choreografiert.

Der 51-Jährige ist einer der wenigen Politiker, die nicht nur pflichtbewusst bei Fronleichnamsprozessionen in der Sonne schwitzen, sondern ihren Glauben offensiv nach außen tragen. Immer wieder hat er erzählt, wie er nach dem Tod seines Vaters 2002 wieder den Bezug zu Gott gefunden habe. Immer wieder wird er eingeladen, Kanzelreden zu halten. Und obwohl der Franke Söder evangelisch ist (Lutheraner, wie er betont), steht er als CSU-Politiker quasi qua Amt auch nahe an der katholischen Kirche. Franziskus lobt er explizit dafür, dass er die Gefühle anspricht. „Er verbindet die frohe Botschaft mit einem frohen Gesicht.“

Söder hat für den Papst sogar eine Botschaft dabei: Der Freistaat will sich künftig mehr um die Hilfe für Obdachlose kümmern – ein Leitthema des Heiligen Vaters. Söder hat nicht nur einen Scheck über 10 000 Euro dabei, sondern will auch im Freistaat ein Programm starten. Sozialministerin Kerstin Schreyer hat den Auftrag erhalten, mit Kommunen und Kirchen zu klären, wo der größte Handlungsbedarf besteht: Schlafplätze, Wärmestuben, Essensausgaben. „Ich glaube, dass ein so reiches Land wie wir mehr machen könnte.“ Franziskus sei sehr angetan gewesen, berichtet Söder nach dem Gespräch unter vier Augen.

Wo Franziskus das Herz berührt, steht der emeritierte Benedikt eher für den intellektuellen Umgang mit Religion. Söder und er haben eine kleine Vorgeschichte, die sehr an den heutigen Streit ums Kreuz erinnert: 2004 forderte der junge CSU-Generalsekretär die Wiedereinführung von Schulgebeten. Auch damals kam aus der Kirche heftiger Widerspruch. Kreuz und Gebet sollten nicht in die politische Auseinandersetzung hineingezogen oder gar als Waffe instrumentalisiert werden, schimpfte Prälat Erich Pfanzelt, damals Leiter des Katholischen Schulkommissariates in Bayern. Von Kardinal Joseph Ratzinger, der ein Jahr später zum Papst werden sollte, erhielt Söder dagegen einen Dankesbrief aus Rom. Bis vor Kurzem hing er in seinem Büro.

Deshalb ist es natürlich ein besonderer Termin, als der Ministerpräsident am Freitagmittag den kleinen Hügel zum Alterssitz hinauffährt. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf den Petersdom. Benedetto empfängt im ersten Stock, bleibt zur Begrüßung aber sitzen. 91 Jahre ist er inzwischen alt. Der Körper wird schwächer, aber der Geist bleibt rege. Die Debatte ums Kreuz hat er genau verfolgt. Und wie einst beim Schulgebet gibt es Rückendeckung für den Ministerpräsidenten. „Es war ein bewegender Vormittag“, bilanziert Söder später.

Natürlich hat auch der emeritierte Papst einen Geschenkkorb bekommen. Herzhaft. Würste, Griebenschmalz, Meerrettich. Das Präsent ist bereits am Vormittag eingetroffen, Benedikt konnte nicht warten und hat schon getestet. Ein bisschen Heimat im Vatikan. Doch auch er hat noch einen Wunsch: bayerisches Bier.

Jetzt hat Hofbräu, der berühmte bayerische Staatsbetrieb, einen Auftrag: zwei Fässer für den Vatikan. Den guten Beziehungen zuliebe.

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