Zwei Hundertjährige und ihre Lust am Leben

Sie wurden schon vor dem Ersten Weltkrieg geboren: Margarete Prechtel, 101 Jahre alt, und Therese Schmid, 100, haben so einiges erlebt. Manchmal mangelte es an Wurst und Brot, aber nie an Lebensfreude. Ein Kaffee-Gespräch.

Ein Nachmittag mit Margarete Prechtel, 101, und Therese Schmid, 100

Sie wurden schon vor dem Ersten Weltkrieg geboren: Margarete Prechtel, 101 Jahre alt, und Therese Schmid, 100, haben so einiges erlebt. Manchmal mangelte es an Wurst und Brot, aber nie an Lebensfreude. Ein Kaffee-Gespräch.

Von Stefan Sessler

Irschenberg – Margarete Prechtel sitzt im Garten, isst die zweite Apfeltasche, nimmt noch einen Schluck Cappuccino, dann erzählt sie ihrer Freundin Therese Schmid die Geschichte von den verkleideten Hühnern. „Denen habe ich immer Puppenkleider angezogen“, sagt sie, „hab sie in den Kinderwagen gesetzt und bin mit ihnen rumgefahren.“ Damals war sie vielleicht vier Jahre alt. Sie war ein putzmunteres Mädel, das gerne und viel lachte. Hühner mit Puppenkleidern, herrlich. Die Freundinnen müssen lachen. Im Jahr 1917 muss das gewesen sein. Ehrlich wahr.

Die beiden Frauen sind Nachbarinnen. Beide leben in Irschenberg in der Waldstraße bei ihren Kindern. Vielleicht sollte man sich hier auf der Stelle um ein Häuschen bemühen. Der liebe Gott lässt einen anscheinend lange an dieser kurvigen, steilen Straße im Kreis Miesbach wohnen. Margarete Prechtels Geburtsdatum: 28. Juni 1913. Sie ist 101. Therese Schmid Geburtsdatum: 5. November 1913. Sie ist 100.

Margarete Prechtel dreht sich zu ihrer Freundin, die links von ihr sitzt. „Die Apfeltaschen“, sagt sie, „sind ein Gedicht.“ Therese Schmid nickt. Die Frauen kennen sich seit 40 Jahren, und alle paar Tage treffen sie sich zufällig auf der Straße. Meistens nach dem Mittagessen. Dann drehen beide samt ihren Rollatoren eine Runde ums Haus. Man will ja fit bleiben. Sobald sie sich sehen, ist das Sportprogramm allerdings auf der Stelle beendet. Dann ratschen sie erstmal eine Weile. Thema: die richtig wichtigen Dinge des Lebens. Wie geht’s? Was hat’s bei dir zu Essen gegeben? Solche Sachen müssen besprochen werden. „Ich bin eine Fleischkatz“, sagt Margarete Prechtel. Beide lieben gutes, deftiges Essen. Lieber essen sie einen Bissen zu viel als einen zu wenig. Die Frauen haben schlechte Zeiten erlebt, Hunger, Krieg, das prägt.

Es war in Kufstein, da sieht die kleine Margarete eines Tages ein merkwürdiges Tier am Himmel. Es knattert und rast viele hundert Meter über ihr durch die Lüfte. Das Mädel mit den blonden Haaren hat furchtbare Angst. Das Tier ist riesig und wirft gigantische schwarze Schatten. Aber zum Glück nimmt sie ihr Papa, ein bayerischer Zollfinanzrat, der an der deutsch-österreichischen Grenze arbeitet, gleich auf den Arm und sagt: „Margarete, das ist ein Flugzeug.“

Es ist das erste Flugzeug ihres Lebens. Ein deutsches Kriegsflugzeug. Die Kleine denkt, das sei der böseste Vogel auf der ganzen Welt. Mitten im Ersten Weltkrieg ist das. Als Margarete Prechtel auf die Welt kommt, kostet die Halbe Löwenbräu noch 15 Pfennig. 1913 regiert in Bayern König Ludwig III. Unfassbar lange her. In den Ohren von unter 100-Jährigen sind das alles Geschichten aus der Steinzeit. Aber hier in der Waldstraße werden sie plötzlich real. Die Damen sausen durch die Jahrzehnte, es ist eine Freude, ihnen zuzuhören. Ein Geschenk.

Therese Schmid war früher mal Wirtin. In Glonn im Kreis Ebersberg hat sie zusammen mit ihrem Ehemann Hans die „Schießstätte“ geführt. „Die Leute“, sagt sie, „sind extra zu uns gekommen, weil wir so einen guten Filterkaffee hatten.“ In den 1930-Jahren war das. Die beiden Damen können sich nicht mehr an jedes Detail aus den letzten zehn Jahrzehnten erinnern. Wie auch. Aber ihre winzigen Geschichten, seien sie für sich genommen noch so nebensächlich, ergeben doch das Bild eines ganzen Jahrhunderts. Es ist wie bei einem Puzzle. Man sieht das komplette Bild erst nach einer Weile. Ein Nachmittag mit Therese Schmid und Margarete Prechtel ist wie ein gutes Buch: rasend unterhaltsam und berührend.

Therese Schmid war früher eine brillante Schützin. Einmal lag einige Meter von ihrem Wirtshaus ein verlassener, alter Schuh rum. Plötzlich hatte ein Gast die Idee zu wetten, dass kein Mensch weit und breit den Schuh mit einem Kleinkaliber-Gewehr trifft. Viel zu schwer. Er hatte recht, alle haben vorbeigeballert. Außer Therese Schmid, die hat getroffen. „Ein Glücksschuss“, sagt sie heute. Es ist eine ihrer Lieblingsgeschichten, jeder Mensch hat so eine. Die 100-Jährige hat sie in ihrem Leben schon ein paar Dutzend Mal erzählt. Sie wird ja auch nicht schlechter. Im Gegenteil.

Noch so eine Lieblingsgeschichte – obacht, wir müssen auf dem Zeitstrahl ein paar Jahrzehnte vorhüpfen. Sie spielt kurz nach ihrem 100. Geburtstag im letzten Jahr. Ihre Kinder haben ihr zu ihrem sagenhaften Doppel-Null-Jubiläum einen Herzenswunsch erfüllt: einen Besuch im FC-Bayern-Fanshop – und zwar bei der Eröffnung am Irschenberg. Therese, die alle nur „Reserl“ nennen, ist Fan der Roten, seit sie denken kann. Früher hat sie sich die Spiele im Olympiastadion angeschaut. Noch heute schaut sie während der Bundesligasaison fast jeden Samstag Sportschau. Und plötzlich steht er bei der Eröffnung neben ihr – der leibhaftige Uli Hoeneß. „Mein Lieblingsspieler“, sagt sie. Obwohl es, nun ja, schon ein paar Sportschauen her ist, dass er das letzte Mal in der Bundesliga gegen ein Leder getreten hat. Grad wurscht. Das ist sowieso eine der Lehren dieses Nachmittags: Die Welt rast – aber man muss ja nicht mitrasen.

Man muss sich nur wohlfühlen, das ist das Wichtigste. Und glücklich sein. „Ich kann mich nicht erinnern“, sagt Margarete Prechtel, „dass es mir jemals langweilig war.“ Die 101-Jährige lebt abwechselnd bei ihrer Tochter in Irschenberg und in Augsburg. In Augsburg versorgt sie sich komplett selber, nur das Einkaufen und das Putzen nimmt ihr jemand ab. Zu ihrem 100. Geburtstag hat sie sich eine Reise nach Norwegen gewünscht. Hat sie natürlich auch bekommen. Die Reise war herrlich. „Von Norwegen“, sagt sie, „geht so eine Ruhe aus.“ Wer Angst vorm Alter hat, sollte unbedingt diese zwei Prachtexemplare treffen. Danach hat man keine mehr.

Margarete Prechtel hat inzwischen einen Eierlikör vor sich, ihre Tochter hat ihn eingeschenkt, und erzählt von ihrem neuesten Plan. „Ich will 105 Jahre alt werden“, sagt sie. „Weil das Leben so schön ist.“ Sie trinkt den Eierlikör. Auf einen Rutsch. Prost. In diesem Moment will man sofort auch 101 werden.

Aber wer so lange lebt, dem bleiben Schicksalsschläge nicht erspart. Therese Schmid wohnt schon lange bei ihrem Sohn Werner, ihr Ehemann Hans, ein Berufsjäger, kam vor vielen Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Zur Gnade eines langen Lebens gehört auch immer das Leid, viele seiner Lieben sterben zu sehen. Das sind die zwei Seiten der selben Medaille.

Margarete Prechtel hat ihren Ehemann, einen gutsituierten Baukaufmann, schon in den 1970er-Jahren verloren. Die Zeit heilt zum Glück manche Wunde. „Eigentlich“, sagt sie und muss sofort lachen, „wollte er mich absolut nicht heiraten – er wollte meine Schwester. Aber meine Mutter hat ihn überzeugt. Ich konnte nicht so gut mit Geld umgehen.“ Deswegen hat die Mama einen Kaufmann ausgeschaut, der auf ihre Margarete aufpassen sollte. Hat geklappt. „Wir hatten eine glückliche Ehe“, sagt sie. Sie haben 1935 geheiratet, drei Kinder bekommen. Inzwischen hat Margarete Prechtel neun Enkel und 23 Urenkel.

Manchmal ist es verrückt, was für verschlungene Pfade so ein Leben nimmt. Als junge Frau will Margarete nach Indien gehen, aber der Vater verbietet es. Wer weiß, was sonst aus ihr geworden wäre. Den Zweiten Weltkrieg erlebt sie in Bayern, bis 1943 ist sie in München. Sie geht in die Oper und ins Café Luitpold zum Kuchen essen. Gerade in den schwärzesten Zeiten, erzählt sie, lag eine wahnsinnige Lebenslust in der Luft. Die Menschen wollten feiern und tanzen.

Sie fährt sogar ein paar Mal Zug, während alliierte Bomben auf Oberbayern niederprasseln. Schrecklich. Einerseits. Andererseits, sagt Margarete Prechtel, „mussten wir dann raus aus dem Zug und in den Wald, um uns zu verstecken. Da hat man immer die besten Bekanntschaften gemacht.“ Hört sich schräg an. Aber wenn die Welt brennt, muss man manchmal schauen, dass die Seele nicht verglüht. Auch so ein Geheimnis eines guten Lebens. Während ihr Mann im Krieg war, muss Therese Schmid ihre beiden Buben alleine durchbringen. Es sind hammerharte Zeiten.

1914, 1933, 1945, 1989. Man muss nur die Jahreszahlen nennen. Jeder kennt das kurze deutsche Jahrhundert aus den Geschichtsbüchern, diese Frauen haben es erlebt. Minute für Minute. Aber jetzt sind sie müde. Das lustige Kaffeetrinken geht dem Ende zu. Die Damen brauchen ein bisserl Ruhe. Und Margarete Prechtel will später noch in ihrem Buch lesen. Es heißt: „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Es geht um einen alten Mann, der kurz vor seinem Geburtstag aus dem Seniorenheim flieht, weil er keinen Lust auf die ganze Feierei hat. Bei Margarete Prechtel muss man sich keine Sorgen machen. Mit 101 macht man so einen Schmarrn nicht mehr. Das überlässt man den jungen Hüpfern.

Aber vorsichtshalber schaut sie zu ihrer Freundin rüber. Sie fragt: „Feierst Du eigentlich deinen 101. Geburtstag?“

Therese Schmid überlegt kurz – und sagt. „Nein. Ist ja kein runder.“ Okay, dann halt erst wieder in neun-ein-viertel Jahren. Gute Feste muss man sparsam feiern.

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