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Fans des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Köln-Ehrenfeld. Foto: Reuters

Zurück bleibt ein Scherbenhaufen Am letzten Tag seines Besuchs konnte es dem türkischen Präsidenten Erdogan eigentlich nicht entgehen, dass er vielen in Deutschland nicht willkommen ist.

Zurück bleibt ein Scherbenhaufen

Am letzten Tag seines Besuchs konnte es dem türkischen Präsidenten Erdogan eigentlich nicht entgehen, dass er vielen in Deutschland nicht willkommen ist.Selbst der ihm ergebene Moscheeverband Ditib konnte das nicht ändern.

VON Y. WAHL-IMMEL, J.-E. SCHMIDT UND CH. DRIESSEN  

Köln – Die Türkisch-Islamische Union Ditib hat alles getan, damit sich Recep Tayyip Erdogan in ihrem Moschee-Komplex in Köln-Ehrenfeld wie daheim fühlt. Zu Beginn seines Auftritts am Samstag wird Musik gespielt, ein handverlesenes Publikum applaudiert. Trotzdem ist die Moschee-Eröffnung nicht ganz das, was sich die Veranstalter vorgestellt hatten.

Eigentlich hatte sich die Ditib vor dem Kuppelbau eine Fahnen schwenkende Menge gewünscht. Die Stadt Köln sagte das wegen großer Sicherheitsbedenken aber ab. Erdogans Anhänger, es sind tausende, sind nur aus der Ferne zu hören. Die Straße direkt vor der Moschee ist wie leer gefegt – nur Journalisten und Polizisten. Auf den Dächern: Scharfschützen.

Dem Präsidenten kann am letzten Tag seines Staatsbesuchs nicht entgehen, dass er vielen in Deutschland nicht willkommen ist. Schon seine Ankunft in Köln am Mittag fällt unglamourös aus. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) begrüßt ihn nüchtern, dann sprechen beide im „VIP-Raum 2“ direkt im Flughafen. Die Besitzer des nahen Schlosses Wahn wollten Erdogan nicht empfangen.

Laschets Bilanz nach dem Gespräch fällt nicht viel anders aus als die von Angela Merkel. Die Kanzlerin hatte von „tiefgreifenden Differenzen“ gesprochen. Laschet sagt, er habe den Finger nochmals in die Wunden Pressefreiheit und Verhaftungswelle gelegt. Dann kommt er auf die Moschee zu sprechen. Wer dorthin gehe, sei „auch Bürger unseres Landes. Wir sind auch deren Ansprechpartner, nicht der türkische Präsident“.

Erdogans Wagenkolonne rauscht durch gesperrte Kölner Straßen nach Ehrenfeld, wo die Ditib ihre Moschee errichtet hat. Dass türkische Sicherheitskräfte kurzzeitig eine Straße nahe der Moschee absperren – ohne Wissen der Polizei – ist eine vielsagende Posse am Rand. Der Moschee-Eröffnung selbst dürfen nur ein paar hundert geladene Gäste im Innenhof beiwohnen. Die Erdogan-Anhänger ein paar Straßenzüge weiter sind enttäuscht. Seit dem Vormittag schwenken sie ihre Fahnen mit dem türkischen Halbmond oder dem Gesicht Erdogans. Laut Polizei sind 20 000 Menschen auf der Straße, Anhänger und Kritiker des türkischen Politikers. Die Lage bleibt insgesamt ruhig.

Im Innenhof der Moschee läuft inzwischen die Eröffnungsfeier. Der Ditib-Vorsitzende Nevzat Asikoglu dankt dem früheren Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) und dem Ehrenfelder Bezirksbürgermeister Josef Wirges (SPD), zwei Lokalpolitikern, die sich für den Bau der Moschee eingesetzt haben. An diesem Tag fehlen sie – aus Protest, weil sie selbst nicht sprechen durften. Das Gleiche gilt für den Architekten Paul Böhm.

Als Erdogan das Wort ergreift, schießen die Handys in die Höhe. Er spricht mal lauter, mal leiser, wiederholt Sätze oder Begriffe. An einigen Stellen ereifert er sich so sehr, dass sich seine Stimme überschlägt. Auch auf Ex-Nationalspieler Mesud Özil kommt er zu sprechen, der wegen eines Fotos mit ihm „aus der Gesellschaft ausgegrenzt worden sei“. Dafür habe er kein Verständnis.

Grundsätzlich glaubt Erdogan, sein Besuch sei ein Erfolg gewesen. Das sieht längst nicht jeder so. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte, von Normalität seien beide Länder „so weit entfernt wie vor dem Besuch“. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland sprach von einer verpassten Chance. Die Moschee-Eröffnung habe im deutsch-türkischen Verhältnis einen „Scherbenhaufen hinterlassen, der nun mühsam zusammengekehrt werden kann“.

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