Was machen die Chinesen anders?

Ein Jahr nach dem ersten Auftreten: In Wuhan ist Corona kein Thema mehr

29.10.2020, China, Peking: Pendler schauen auf ihre Smartphones, während sie durch eine U-Bahn-Station in Peking gehen. Gut ein Jahr nach dem Ausbruch gilt das Coronavirus in China als so gut wie besiegt. Selbst in der besonders betroffenen Metropole Wuhan ist von Krise kaum noch etwas zu spüren. 
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29.10.2020, China, Peking: Pendler schauen auf ihre Smartphones, während sie durch eine U-Bahn-Station in Peking gehen. Gut ein Jahr nach dem Ausbruch gilt das Coronavirus in China als so gut wie besiegt. Selbst in der besonders betroffenen Metropole Wuhan ist von Krise kaum noch etwas zu spüren. 

In Wuhan nahm die Corona-Pandemie vor rund einem Jahren ihren Anfang: Während der Rest der Welt noch massiv von Covid19-Infektionen betroffen ist, ist die Krankheit in Wuhan kein Thema mehr. Warum?

Das Interview führte KATHRIN BRAUN

Wuhan- In Wuhan fing alles an: Die ersten Meldungen über Corona aus China schienen sehr, sehr weit weg. Jetzt befindet sich Europa schon in der zweiten Welle – doch wie läuft es eigentlich in Wuhan? Ein Anruf bei Timo Balz, Professor für Fernerkundung an der Universität in Wuhan. Der Stuttgarter lebt seit mehr als zwölf Jahren in der chinesischen Metropole.

Der Stuttgarter Timo Balz, Professor für Fernerkundung an der Universität in Wuhan

Herr Balz, wie ist die Corona-Lage in Wuhan?

Corona ist hier eigentlich kein Thema mehr.

Wie meinen Sie das?

Das Virus ist in unserem Alltag nicht mehr präsent. Es betrifft eigentlich nur noch das Ein- und Ausreisen. Aber innerhalb des Landes sind wir zurück in der Normalität: Wir können reisen, es gibt keine Kontaktbeschränkungen, die Gastronomie und der Einzelhandel sind schon lange wieder geöffnet.

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Abstand ist kein Thema?

Nein, hier werden ganz normal Partys gefeiert und auch die Clubs sind geöffnet. Wenn es schon seit Monaten keine Fälle gibt, können die Menschen auch wieder miteinander tanzen.

Das alles klingt für Deutschland schwer vorstellbar. Wie hat China das geschafft?

Hier heißt Lockdown auch wirklich Lockdown – wir waren im Frühjahr knapp 80 Tage in den Wohnungen eingesperrt, durften keinen Fuß vor die Tür setzen. Dann wurde Wuhan mit all seinen elf Millionen Einwohnern durchgetestet – das war etwa Mitte Mai. Wer positiv war, musste sofort wieder in Quarantäne. Irgendwann gab es dann keine Fälle mehr.

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Gilt das für ganz China?

Vor Kurzem gab es ein paar Fälle in Kashgar. Auch da wurde die Stadt dichtgemacht und durchgetestet – und jetzt ist man wieder durch mit dem Thema. Es gab auch an internationalen Flughäfen immer wieder Fälle, aber das war kaum besorgniserregend – immerhin muss jeder, der in China landet, ohnehin sofort in Quarantäne.

Spielt die Corona-App dabei eine wichtige Rolle?

Ich würde sagen, die App spielt die kleinste Rolle. Hätten wir Fälle, wäre sie zwar sehr wirksam: Wenn meine App Rot zeigen würde, hätte man mich schon längst abgeholt und ich würde wieder in Quarantäne sitzen. Aber so weit kommt es gar nicht erst. Ich habe mir die App schon lange nicht mehr angeschaut. Die Strenge der Maßnahmen hat uns viel mehr gebracht.

Haben Sie das auch während des Lockdown so gesehen?

Ja, wir haben uns in den Wohnungen einfach viel sicherer gefühlt. Damals wusste niemand, wie gefährlich die Krankheit sein kann. Natürlich hat die Isolation gegen Ende sehr genervt. Aber wir haben die Maßnahmen für richtig gehalten.

In Deutschland wurde und wird Corona oft verharmlost und mit einer Grippe verglichen. Warum hatten Sie so großen Respekt vor dem Virus?

Man hat hier von Anfang an mit einer anderen Rhetorik über Corona gesprochen: Wir sind im Krieg gegen das Virus und im Krieg sind alle Maßnahmen erlaubt, hieß es. Ein Krieg, den wir nur gemeinsam durchstehen.

Als wir im Januar telefoniert haben, klangen Sie eigentlich ganz entspannt.

Das war ich auch. Man hat uns am Anfang nur dazu angehalten, daheim zu bleiben – meine Familie und ich sind trotzdem täglich für einen Spaziergang aus dem Haus gegangen, weil wir unseren Kindern die Bewegung und die frische Luft nicht nehmen wollten. Dann musste unser Nachbar wegen Covid-19 ins Krankenhaus. Von da an haben wir das alles sehr viel ernster genommen. Ich glaube, das Virus muss einen irgendwie persönlich treffen, damit man vorsichtiger wird.

Denken Sie jetzt noch im Alltag an Corona?

Nur weil ich viel deutsche Nachrichten lese. Es ist komisch, dass Corona da weiterhin so ein präsentes Thema ist, während das Ganze bei uns schon zur Vergangenheit gehört. Aber auch hier kommt manchmal der Gedanke auf, dass Corona zurückkehren könnte.

Sind Spuren der Pandemie-Bekämpfung im Alltag geblieben?

Ja, bei unseren Kindern wird zum Beispiel über eine Kamera die Temperatur gemessen, wenn sie in die Schule gehen. Und wir tragen Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln. Daran haben wir uns aber alle gewöhnt, und es stört ja auch niemanden.

Spüren Sie die wirtschaftlichen Folgen?

Es sind viele Restaurants und Einzelhändler pleitegegangen. Man sieht es vor allem im Bereich der Uni, die Studenten waren ja mehr als ein halbes Jahr weg. Aber man merkt auch: Die Restaurants, die die Krise überlebt haben, sind jetzt dafür umso voller. Und die Betriebe in Wuhan haben den Lockdown wieder aufgeholt – ich denke, die meisten werden das Jahr mit einem Wachstum um null das Jahr beenden.

In Deutschland spricht man von katastrophalen wirtschaftlichen Folgen. Politiker haben zugegeben: Man hätte nicht alles dichtmachen dürfen. Dabei war unser Lockdown kürzer und lockerer. Müsste China nicht viel schlimmer dran sein?

Wenn man schnell zur Normalität zurückkehrt, tut das auch der Wirtschaft gut. Ich sehe die „Hammer- und Tanz-Theorie“ (Erst drastische Maßnahmen, dann schrittweise Öffnung, Anm. d. Redaktion) sehr kritisch, weil die Corona-Krise so zu einer unendlichen Geschichte wird. Mit einem kurzen und sehr harten Einbruch konnten sich die Betriebe in Wuhan sehr viel schneller erholen.

Sollte Deutschland Ihrer Meinung nach auch in einen so harten Lockdown gehen?

Man hätte das früher machen müssen – bevor sich das Virus im ganzen Land ausbreitet. Dann hat man keine Chance mehr. Man kann ja nicht alle Städte einsperren. Immerhin muss man die ganze Bevölkerung ernähren, das ist ein hoher organisatorischer Aufwand und eine Wahnsinns-Logistik. Außerdem müssen die Leute mitmachen wollen.

Allein daran würde es in Deutschland vermutlich scheitern.

Ja, das ist in Ostasien einfacher. Hier gibt es keine Maskengegner-Demos.

Was denken Sie, wenn Sie deutsche Nachrichten lesen?

Da schüttel ich natürlich den Kopf. Man sollte im Westen von Ostasien lernen: Strenge Maßnahmen durchziehen und viel testen.

Beharren wir Ihrer Meinung nach zu sehr auf unseren Grundrechten?

Es gibt doch auch ein Grundrecht auf Gesundheit. Das ist mir in dieser Zeit wichtiger, und das liegt nicht mal an meiner eigenen Gesundheit. Ich habe es immer andersrum gesehen, habe gesagt: Ich will niemanden anstecken. Es würde mich hart treffen, wenn sich herausstellt, dass ich ein Superspreader wäre. Ich denke, man sollte sich in der Pandemie-Bekämpfung immer so verhalten, als ob man bereits krank wäre. Da müssen aber sehr viele mitmachen. Und wenn man dafür wenigstens Masken aufzieht und Abstand hält, ist viel geholfen.

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