„Wir können uns das nicht leisten“

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Interview Welche Folgen hat die Rente mit 63?

Wir sprachen darüber mit dem Arbeitsmarkt-Experten Professor Reinhold Schnabel von der Universität Duisburg-Essen.

-Professor Schnabel, wie viele Menschen werden mit 63 in Rente gehen?

Es gibt bisher keine verlässlichen Zahlen. Selbst die Bundesregierung weiß das nicht, die Rentenversicherung auch nicht, weil sie die Versicherungszeiten, die anerkannt werden, nicht ermitteln kann. Aber: Seit Einführung der Abschläge stieg das Rentenalter der Männer um zwei Jahre. Wir müssen damit rechnen, dass nach Wegfall der Abschläge der größte Teil der Berechtigten wieder früher in Rente geht. Das können jährlich 150 000 Personen sein.

-Die Wirtschaft warnt vor einer „Frühverrentungsorgie“. Die gab es in den 90ern schon einmal. Sehen Sie Parallelen?

Man hat bereits mit der Rentenreform 1992 begonnen, gegenzusteuern. Damals hat man die Rente mit 63 langsam auslaufen lassen. Es dauerte lange, bis es nicht mehr möglich war, ohne Abschläge in Rente zu gehen – das war erst vor etwa zehn Jahren der Fall. Die jetzige Reform dreht also die Zeit nicht nur zurück vor die Agenda 2010, sondern auf die 80er Jahre!

-Frau Nahles hat angekündigt, Frühverrentung vermeiden zu wollen.

Es gibt schon ein paar Regeln, die verhindern sollen, dass das zu sehr überhand nimmt, die 45 Beitragsjahre zum Beispiel. Aber diese Voraussetzung erfüllen sehr viele, weil nicht nur Beschäftigungszeiten gelten. Ich rechne damit, dass nahezu jeder zweite Mann sie beisammen hat.

-Wäre die Rente mit 61, die mit Arbeitslosengeld überbrückt würde, auch ein Massenphänomen?

Absolut. Einige Firmen haben bereits angekündigt, das für ihre Restrukturierung zu nutzen. Hier kommen Telekom, RWE, Eon, aber auch Siemens in Frage. Die Restrukturierungskosten werden so auf den Staat abgewälzt. Durch Abfindungsprogramme können Mitarbeiter mit einem „goldenen Handschlag“ über den Umweg Arbeitslosengeld vorzeitig in Rente geschickt werden.

-Gibt es Firmen, denen die Rente mit 63 schadet?

Die Unternehmen, die nicht entlassen wollen oder dringend Personal brauchen. Sie werden die älteren Arbeitnehmer, die aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung besonders wertvoll sind, nicht halten können. Wir können es uns nicht leisten, diese Leute früher in Rente gehen zu lassen – das ist ein arbeitsmarktpolitisches Problem.

-Sie spielen auf den Fachkräftemangel an?

Genau. Wer ohne Abschlag vorzeitig in Rente geht, verliert pro Jahr nur zwei Prozent. Das bisschen kann er locker wieder aufstocken mit Minijobs. Das ist ein unheimlich hoher Anreiz, die frühzeitige Rente zu nutzen! Und es kommt noch schlimmer: Die Betriebsrenten werden natürlich auch früher in Anspruch genommen, das belastet die Firmen zusätzlich.

-Gibt es Kostenschätzungen?

Die zehn Milliarden, die das Ganze zusammen mit der Mütterrente kostet, ist nur der sehr niedrig geschätzte Anteil aus der Rentenversicherung – das ist nur die Spitze des Eisbergs. Dazu kommen eben das Arbeitslosengeld für die Überbrückung, die Steuerausfälle...

-Gibt es eine spezielle Gruppe, die von der Rente mit 63 profitiert?

Ja, langjährig Beschäftigte, die ohnehin eine relativ hohe Rente bekommen. Das sind vor allem Männer. Wer nicht profitiert, sind Frauen mit Kindern, die länger als drei Jahre ganz aus dem Berufsleben draußen waren. Das trifft auf viele zu. Vorteile haben auch diejenigen mit langen Beschäftigungszeiten und einer langen Arbeitslosigkeit.

-Die SPD plant, mehr als fünf arbeitslose Jahre anzurechnen. Hebelt das nicht die Idee der Rente aus?

Ja, das verschlimmert die schlechte Idee weiter. Wir können doch nicht Leute, die 45 Jahre durchgearbeitet haben, gleichstellen mit denen, die fünf, sechs oder sieben Jahre arbeitslos waren. Ich halte aber die Rente mit 63 grundsätzlich für falsch. Unsere Großvater-Generation hat im Schnitt bis 65 gearbeitet. Wieso soll das heute nicht gehen, wo die Leute im Schnitt zehn Jahre länger leben?

-Belastet die Rentenreform Arbeitnehmer und Rentner auch finanziell?

Die Beschäftigten werden im Schnitt mit mehr als 200 Euro im Jahr belastet. Beim Durchschnittsverdiener mit etwa 35 000 Euro brutto ist das die entgangene Beitragssenkung von 0,6 Prozent. Für den Rentner wirken sich die geringeren Rentenanpassungen aus. Mittelfristig sind das 1,5 Prozent weniger Rente. Betroffen sind vor allem die, die jetzt in Rente sind – es sei denn, sie kriegen die Mütterrente.

-Bei Debatten um die Rente geht es oft um den Dachdecker, der aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur Rente arbeiten kann. Was hat der von der Reform?

Der Dachdecker ist noch nie mit 65 in Rente gegangen, sondern schon immer früher und das zuletzt mit Abschlägen. Nur: Auch der Dachdecker kann heutzutage zwei Jahre länger arbeiten als früher, weil sich die Arbeitsbedingungen am Bau verbessert haben. Er wird also von der Reform profitieren.

Interview: Carina Lechner

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