„Wir können uns nicht heraushalten“

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Landesbischof Bedford-Strohm im Interview . Im September besuchte er verfolgte Christen im Nordirak, im Oktober war er in Israel und Palästina, jetzt reist er zur Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nach Dresden.

Am 1. November vor drei Jahren wurde Heinrich Bedford-Strohm zum evangelischen Landesbischof in Bayern gewählt. Nun gilt er als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge des scheidenden EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider. Doch davon will er im Interview nichts wissen.

-Am 6. November beginnt die EKD-Synode, auf der auch ein neuer Ratsvorsitzender gewählt wird. Was zeichnet einen Ratsvorsitzenden aus?

Er oder sie muss öffentlich die Position der Kirche vertreten, soll inspirieren, die gute Botschaft des Evangeliums in der Öffentlichkeit sichtbar machen. Natürlich muss er auch mithelfen, dass die Entscheidungen, die die Kirchen in Deutschland gemeinsam zu treffen haben, möglichst klug sind. Er oder sie hat die Aufgabe zu predigen und soll in schönen Gottesdiensten spürbar machen, wie gut es tut, Christ zu sein.

-Wie politisch darf und muss ein EKD-Ratsvorsitzender sein?

Die Kirche und alle Amtsträgerinnen und Amtsträger können gar nicht anders, als die Kraft des Evangeliums auch in ihrer politischen Dimension zum Ausdruck zu bringen. Es ist aber sehr wichtig, dass es sich nicht um ein Politisieren handelt. Politisieren wäre, wenn nicht mehr deutlich wird, dass die Dinge, die wir in die Politik hineinsprechen, aus geistlicher Bedrängnis kommen, sondern Tageskommentare sind. Das darf nicht sein. Wer Gottesliebe und Nächstenliebe nicht voneinander trennt – und im christlichen Glauben muss beides beieinander bleiben –, der muss sich Gedanken machen, wie die Not des Nächsten überwunden werden kann. Das geht nicht, ohne auch die politische Dimension zu sehen.

-Blicken wir nach Syrien: Darf sich ein Ratsvorsitzender in die Debatte einklinken, ob Deutschland sich militärisch einschalten soll?

Amtsträger der Kirche sollten sich nicht als die besseren Nahost-Experten aufspielen. Insofern ist Zurückhaltung angesagt, wenn es um die strategischen Überlegungen und Verhandlungspositionen geht. Aber die Frage der Überwindung von Gewalt gehört eindeutig zu den Dimensionen dessen, was auch Amtsträger der Kirche mit in den Blick nehmen müssen. Das ist ein ureigenes christliches Anliegen. Da können wir uns nicht heraushalten. Dabei geht es um den Schutz von Menschen. Da, wo sie Völkermord ausgesetzt sind, müssen wir dafür eintreten, dass sie geschützt werden...

-Notfalls mit Gewalt?

Ich habe in der Tat eine stärkere Rolle der Vereinten Nationen gefordert, um die Menschen, die ich im Nordirak besucht habe, wirksam zu schützen. Gleichzeitig ist klar: Wer von der Überwindung der Gewalt spricht, sagt auch, dass man Gewalt nicht absegnen kann. Insofern kann in solchen Situationen tatsächlich ein Dilemma entstehen, wo man sich entscheiden muss, ob man schlimme Gewalt ohne wirksamen Schutz gewähren lässt, oder ob man im Sinne einer internationalen Polizeigewalt Menschen schützt. Davon unabhängig ist aber ganz klar zu betonen: Gewalt ist immer eine Niederlage.

-Was ist zu tun?

Wir müssen phantasievolle Lösungen finden, um die militärische Logik in eine zivile Logik zu verwandeln. Die Kanäle, auf denen Waffen in die falschen Hände geraten, müssen ausgetrocknet werden. In Bayern können nie und nimmer Arbeitsplätze das schlagende Argument dafür sein, um Rüstungsexporte in Spannungsgebiete zu rechtfertigen. Das muss man schon anders lösen, als dass die Arbeitsplätze von der Produktion von Waffen abhängen, die eben, wo sie in die falschen Hände kommen, auch Gewalt vermehren, anstatt sie zu überwinden. Waffenexporte müssen in der Zukunft viel restriktiver gehandhabt werden. Gleichzeitig muss man Entwicklungsperspektiven in den Ländern fördern. Man kann viel tun, um aus der Gewaltspirale herauszukommen.

-Jeden Tag kommen Hunderte von Flüchtlingen nach Bayern. Haben Sie sich schon ein Bild von deren Situation gemacht?

Ich bekomme fast täglich Informationen über die Situation, weil wir als Kirche überall in Bayern gut vernetzt und sehr nah dran sind an der Situation vor Ort. Das meiste – und es ist sehr viel – passiert dezentral in den Gemeinden. Auch über das, was derzeit im Krisenstab der Staatsregierung läuft, bin ich direkt informiert. Ich bekomme sehr genau mit, wie schwierig die Situation ist, aber auch, dass jetzt sehr beherzt reagiert wird. Endlich ziehen alle an einem Strang, ich bin zuversichtlich, dass sich die Lage jetzt verbessert.

-Was tut die Landeskirche konkret?

Wir haben schon im vergangenen Jahr eine Liste mit Wohnungen zusammengestellt, die im landeskirchlichen Eigentum sind und die wir als Unterkünfte zur Verfügung stellen, und die aktualisieren wir regelmäßig. Viel mehr aber passiert vor Ort. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist enorm. Wir hatten auch schon einmal andere Zeiten. Dass wir jetzt so gut mit den Problemen umgehen, finde ich sehr ermutigend.

-Angesichts der Tatsache, dass nun in immer mehr Kommunen Unterkünfte gesucht werden: Haben Sie die Sorge, dass die Stimmung umkippen könnte?

Das hängt ganz stark davon ab, ob es den Verantwortlichen in Staatsregierung, Landratsämtern und Kommunen gelingt, jetzt Maßnahmen zu treffen, die längerfristig wirken, damit nicht Tag für Tag hektische Entscheidungen getroffen werden. Mein Eindruck ist, dass man daran jetzt mit Hochdruck arbeitet. Die Lage wird sich eher entspannen, zumal im Winter die Flüchtlingsströme erfahrungsgemäß geringer werden. Das darf uns aber nicht dazu bringen, die Anstrengungen zu vermindern, sondern wir müssen langfristig vorsorgen und die notwendige Infrastruktur schaffen, um auch eine kurzfristige Zunahme an Flüchtlingszahlen zu bewältigen.

-Halten Sie Gemeinschaftsunterkünfte für menschenwürdig?

Gemeinschaftsunterkünfte sind nicht per se unwürdig. Es ist klar, dass es sich um Übergangssituationen handelt. Für Gemeinschaftsunterkünfte spricht, dass es ganz schwer ist, Flüchtlinge dezentral zu betreuen. Wir haben das vielleicht größte Defizit gegenwärtig in der Betreuung. Die Menschen, die hierher kommen, müssen an die Hand genommen werden, müssen kennenlernen, wo sie sich befinden. Das ist in dezentraler Unterbringung viel schwieriger.

-Aber?

Auf der anderen Seite können die Menschen vor Ort mit Flüchtlingen viel leichter umgehen, wenn es nur wenige Familien sind – in zwei oder drei Häusern. Wenn sie gut integriert werden können, weil da auch genügend Menschen sind, die sich um sie kümmern. In einer sehr großen Unterkunft mit sehr vielen Flüchtlingen – vielleicht auch noch in einem kleinen Ort – ist das schwieriger. Wie auch immer man die Situation wählt: Es geht darum, dass wir alles das, was wir an sozialer Energie aufwenden können, einsetzen, um uns um die Menschen zu kümmern.

-Schwierig wird es beim Thema Kirchenasyl. Das Bundesamt für Migration wirft den Kirchen vor, das Instrument zu missbrauchen.

Es ist ganz klar, dass das Kirchenasyl nicht eingesetzt werden kann als politisches Mittel, um politische Veränderungen zu erreichen. Dazu haben wir unseren Diskurs in der demokratischen Kultur. Daran beteiligen wir uns auch. Wir fordern als Kirchen schon länger, dass die Drittstaatenregelung überdacht wird, weil sie unsinnig ist.

-Und das Kirchenasyl?

Da haben wir eine ganz klare Linie: Das ist ein absoluter Ausnahmefall. Es ist in humanitären Härtefällen eine mögliche Option für Gemeinden. Ich glaube, dass insgesamt damit verantwortlich umgegangen wird. Und man muss es auch in die richtige Perspektive rücken: Wir reden hier von unter 30 Fällen in evangelischen Gemeinden in Bayern. Bei 20 000 Flüchtlingen ist das eine verschwindend kleine Gruppe. Ist das wirklich unser Hauptproblem? Ich werbe schon dafür, dass man erst einmal das humanitäre Engagement der Gemeinden anerkennt und diesen Konflikt nicht hochspielt.

-Sie waren gerade in Israel und den Palästinensergebieten. Haben Sie noch Hoffnung, dass es dort jemals Frieden geben wird?

Die Situation ist sehr schwierig. Durch den Gazakrieg ist eine neue Verhärtung entstanden, auch Bitterkeit. Aber vielleicht ist gerade angesichts der Aussichtslosigkeit des bisherigen Weges auch eine gewisse Chance da, dass sich neue Wege öffnen. Die Hamas, die Raketen auf Israel schießt, wird ihr Ziel so nicht erreichen. Sie verbreitet Angst bei den Menschen in Israel, was dazu führt, dass umgekehrt das Bedürfnis, sich militärisch abzusichern, nur noch mehr steigt. Diese Spirale der Gewalt muss unterbrochen werden. Es gibt keinen anderen Weg, als dass die Menschen die Situation der jeweils anderen Seite endlich in ihr Denken miteinbeziehen.

-Haben Sie das erlebt?

Hoffnung geben Projekte, die Menschen auf beiden Seiten zusammenbringen. Wir haben mit einem Vater gesprochen, dessen Tochter an ihrem 15. Geburtstag als Opfer eines Selbstmordattentats ums Leben gekommen ist. Diese Eltern haben sich entschieden, nicht mit Rache zu reagieren, sondern für den Frieden zu arbeiten. Er ist israelischer Reserveoffizier gewesen und hat palästinensische Familien gesucht, die ihrerseits Kinder in dem Konflikt verloren haben. Der Bruder eines Jungen, der vom israelischen Militär erschossen worden ist, hat nach diesem Treffen mit dem israelischen Vater gesagt: „Ich habe zum ersten Mal einen israelischen Soldaten weinen sehen, und das hat für mich alles verändert.“ Da kann man sehen, wie das Wahrnehmen des Leids der anderen etwas Neues auslösen kann.

-Die Debatte über die Sterbehilfe bewegt derzeit unsere Republik. Der Bundestag berät ein neues Sterbehilfegesetz. Gibt es ein Recht auf den selbstbestimmten Tod?

Das ist nun die Frage, was man darunter versteht. Natürlich ist Selbstbestimmung ganz wichtig für Patienten. Deswegen gibt es Patientenverfügungen. Die Frage, ob Menschen durch Ärzte getötet werden, sich bei der Selbsttötung helfen lassen dürfen, liegt auf einer völlig anderen Ebene...

-Gibt es für Sie eine Situation, in der ein Arzt einem Patienten beim Suizid assistieren darf?

Ich glaube, es ist falsch, die Leidsituation so zu lösen, dass man das Leben verkürzt. Dass man dieses intuitive Tötungstabu, das wir ja alle in uns tragen, verletzt. Dieses Tabu hat seinen guten Sinn: Dass menschliches Leben etwas Kostbares ist – wir Christen sagen: von Gott gegeben –, was wir nicht selbst eigenmächtig beenden sollen. Ich werbe dafür, mit solchen Situationen anders umzugehen: dass wir am Ende des Lebens Bedingungen schaffen, in denen Menschen keinen Schmerz mehr haben müssen, in denen Menschen optimal begleitet werden und so sterben können, dass sie keine Qual erleiden. In dem Gesetz, das jetzt erarbeitet wird, muss auch eine nachhaltige Verbesserung der Palliativversorgung mit enthalten sein. Dafür muss man viel Geld in die Hand nehmen. Wir müssen uns das was kosten lassen, damit alte Menschen in Würde sterben können.

-Eine assistierte Hilfe des Arztes ist undenkbar?

Wenn Ärzte, wie in manchen Gesetzentwürfen gefordert, zwar grundsätzlich keinen assistierten Suizid leisten sollen, aber in Ausnahmefällen gesetzlich geregelt Patienten helfen können, sich zu töten, halte ich das für falsch. Das Gesetz sendet eine normative Botschaft: Wenn es unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit des assistierten Suizids rechtlich festschreibt, ist das schlicht die falsche Botschaft. Wenn Menschen am Ende ihres Lebens so leiden, dass sie den Wunsch verspüren, sich töten zu lassen, haben sie verdient, dass es Menschen gibt, die sie begleiten und so gut medizinisch betreuen, dass sie diesen Wunsch nicht mehr verspüren.

-Wenn Sie jetzt nach Dresden fahren zur EKD-Synode, könnte es ein, dass Sie als Ratsvorsitzender nach Bayern zurückkehren. Wie ist Ihnen bei diesem Gedanken zumute?

Das ist glücklicherweise eine Frage, die weder Journalisten noch Kirchenpolitiker oder wer auch immer entscheiden. Sondern eine Frage, die die Synode entscheidet – und sie wird, da bin ich sicher, eine gute Entscheidung treffen.

- Fiele die Wahl auf Sie, würden Sie das aber nicht ablehnen?

Mit „Wenn-Fragen“ muss ich mich glücklicherweise nicht beschäftigen.

Interview: Claudia Möllers

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