DER MÜNCHNER ALT-OB CHRISTIAN UDE GLAUBT AN DIE ZUKUNFT DER SOZIALDEMOKRATEN, EMPFIEHLT ABER GENAU NACHZUFRAGEN, WAS DIE WÄHLER AN DER SPD SO ENTT ...

„Wir haben besseres Führungspersonal als jede andere Partei“

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„Riesengroße Erleichterung“: Christian Ude fordert von seiner Partei nun einen größeren Zusammenhalt. Foto: S. Jantz

Christian Ude, 70, war von 1993 bis 2014 Münchner Oberbürgermeister.

Bei der vergangenen Landtagswahl 2013 trat er als Spitzenkandidat der bayerischen Sozialdemokraten an. Seit seinem Rückzug aus der aktiven Politik begleitet er den Werdegang seiner Partei kritisch-konstruktiv. Unsere Zeitung sprach nach dem Mitgliederentscheid mit Ude.

-Herr Ude, haben Sie eigentlich gut geschlafen in der Nacht von Samstag auf Sonntag?

In den vergangenen Wochen bin ich schon manchmal aufgewacht voller Zorn auf vermeintlich linke Stimmen, die unbedingt den Rechten im In- und Ausland vorführen wollten, wie gleichgültig ihnen die Rolle Deutschlands in Europa ist und wie gerne sie es in Kauf nehmen, die demokratischen Kräfte als handlungsunfähig darzustellen – was ja den Rechten unerträglichen Auftrieb geben würde. Die letzte Nacht habe ich aber gut geschlafen, weil ich mir klar gemacht habe, wie weit die Funktionärsebene und ihr lauter Chorgesang im Netz von der Mitgliedschaft entfernt ist.

-Wie groß ist Ihre Erleichterung nach diesem Abstimmungsergebnis?

Riesengroß! Ein Ergebnis unter 55 Prozent hätte die Partei gespalten und weitere Machtkämpfe ausgelöst. Umgekehrt muss man erkennen: Jetzt herrschen nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern mindestens ein Drittel der Mitgliedschaft muss noch überzeugt werden, dass künftig mehr an der Erneuerung und Profilierung der Partei gearbeitet wird.

-Was muss nun passieren, um die SPD zu einen?

Man sollte die Partei nicht herumkommandieren wie der Fotograf eine Hochzeitsgesellschaft, sondern über Problemlösungen, über große Projekte entscheiden lassen: Wie wollen wir eine Klimakatastrophe verhindern? Wie muss ein soziales Bodenrecht aussehen? Wie lässt sich eine neue Ost-West-Entspannung organisieren? Wie lassen sich die widerstrebenden Sozialisten Europas für eine Finanztransaktionssteuer gewinnen, wie eine Schließung der Steuerschlupflöcher erzwingen? Darüber wird fast überall diskutiert, bloß nicht in den Parteien.

-Was muss passieren, damit die Sozialdemokraten wieder in der Wählergunst zulegen?

Ganz einfach: Wie GroKo-Außenminister Willy Brandt gute Regierungsarbeit leisten und gleichzeitig zeigen, welches Projekt man verfolgen würde, wenn man ein Mandat dafür hätte. Das Projekt hieß damals Friedens- und Entspannungspolitik, das nächste Amt hieß Bundeskanzler.

-Die SPD hat unglaublich viele Neumitglieder, verliert aber immer mehr Wählerstimmen. Ein Paradoxon?

Nein. Die SPD erscheint – wie 1968 – als Chance zur demokratischen Mitwirkung. Die Wähler hingegen wollen nicht nur wissen, wie man sich einbringen kann, sondern auch, was bei der Wahlentscheidung herauskommt.

-Wem trauen Sie die SPD-Führungsrolle zu?

Wir haben besseres Führungspersonal als jede andere Partei, ich denke an Andrea Nahles, Olaf Scholz, an den beliebtesten Sozialdemokraten Sigmar Gabriel, an die Ministerpräsidentinnen Malu Dreyer und Manuela Schwesig. Mir fehlt nur der Teamgeist und der Zusammenhalt, was wie bei schlechten Ehen nie nur an einer Seite liegt.

-Die AfD war in Umfragen zuletzt nahe an der SPD. Wie kann es gelingen, die Rechtspopulisten zu entzaubern und auf Distanz zu halten?

Die Rechte ist fast überall in Europa auf dem Vormarsch, weil die Linke so erbärmlich schwächelt. Also: stark werden. Mal eigene Sprüche ernst nehmen: Einigkeit macht stark. Davonlaufenden Wählern nicht in den Hintern treten, sondern nachfragen, was sie so enttäuscht und entfremdet hat. Und die Probleme der Migration nicht einfach leugnen, sondern benennen und anpacken.

-Herr Ude, Sie sind ja ein Freund eines guten Tropfens Wein – auf was trinken Sie heute?

Zunächst einmal hoffe ich, dass die SPD jetzt nicht das nächste Desaster anrichtet, indem sie gegen die überwältigende Mehrheit ihrer Wähler und der Deutschen insgesamt Sigmar Gabriel aus dem Kabinett wirft. Man kann natürlich auch sagen: Jetzt sind die Posten gerettet, jetzt kann uns die Basis wieder den Buckel runterrutschen. Eine Erneuerung, die Hoffnung macht, sähe aber anders aus.

Interview: Klaus Vick

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